Als Lufkin noch einmal anrief, war es in Kairo nach Mitternacht. Das Feuer war gelöscht und man barg die Leichen, so schnell es ging. Viele waren unter den Trümmern begraben. Lufkin stand mit Tausenden von Schaulustigen einen Block entfernt hinter einer Armee-Absperrung. Es herrschte ein wildes Durcheinander und die Luft war von Rauch und Staub erfüllt. Lufkin hatte in seinem Leben mehrere Schauplätze von Bombenattentaten gesehen, und dieses war ein besonders übles gewesen. Er erstattete Teddy Bericht.
Teddy rollte durch den Raum und schenkte sich noch einen koffeinfreien Kaffee ein. Die Terror-Spots würden zur besten Sendezeit gebracht werden. Für drei Millionen Dollar würden sie noch heute Abend landesweit Furcht und Schrecken verbreiten. Morgen würde man die Spots — nach vorheriger Ankündigung — zurückziehen: Aus Respekt vor den Angehörigen der Opfer würde Lake seine kleinen Prophezeiungen für eine Weile einstellen. Und morgen Mittag würde man umfangreiche Umfragen veranstalten.
Es war höchste Zeit, dass die Zustimmung zu Lake wuchs. Bis zu den Vorwahlen in Arizona und Michigan war es nur noch eine Woche. Die ersten Bilder aus Kairo zeigten einen abgehetzten Reporter, im Hintergrund Soldaten, die ihn musterten, als würden sie ihn erschießen, sollte er versuchen, die Absperrung zu durchbrechen. Sirenen wimmerten, überall blinkten blaue und rote Lichter. Doch der Reporter hatte wenig zu berichten. Um 10 Uhr 20, gegen Ende eines Empfangs in der Botschaft, sei im Untergeschoss des Gebäudes eine gewaltige Bombe explodiert; über die Zahl der Opfer sei noch nichts bekannt, doch es würden, wie er versprach, viele sein. Das Gebiet sei von der Armee weiträumig abgeriegelt worden, und zu allem Überfluss habe man auch den Luftraum gesperrt, so dass leider, leider keine Hubschrauberbilder verfügbar seien. Bis jetzt habe noch niemand die Verantwortung für den Anschlag übernommen. Der Einfachheit halber nannte er drei radikale Gruppen — die üblichen Verdächtigen.
«Es könnte eine davon gewesen sein, möglicherweise aber auch eine ganz andere«, vertraute er den Zuschauern an. Da es keine Fernsehbilder von der Katastrophe gab, war die Kamera gezwungen, den Reporter zu zeigen, und da er nichts zu berichten hatte, schwafelte er von den Gefahren des Nahen Ostens, als wäre das die neueste Nachricht und als wäre er der Mann vor Ort, der sie der Welt verkündete.
Lufkin rief gegen 20 Uhr Washingtoner Zeit an, um Teddy zu sagen, der amerikanische Botschafter in Ägypten sei nicht auffindbar, und man befürchte, dass er sich unter den Trümmern befinde. Das jedenfalls sei gerüchteweise durchgesickert. Während er mit Lufkin sprach, betrachtete Teddy den stummen Bildschirm mit dem hilflosen Reporter; auf einem zweiten Bildschirm lief Lakes
Terror-Spot. Dort sah man die Trümmer, die Zerstörung, die Leichen, die Terroristen eines anderen Anschlags und dann Aaron Lake, der mit warmer, aber ernster Stimme Rache gelobte.
Was für ein perfektes Timing, dachte Teddy. Gegen Mitternacht wurde Teddy von einem Assistenten geweckt, der ihm Zitronentee und ein vegetarisches Sandwich brachte. Wie so oft hatte er im Rollstuhl geschlafen. Die mit Bildschirmen bestückte Wand zeigte Fernsehbilder, doch der Ton war abgeschaltet. Als der Assistent gegangen war, drückte Teddy eine Taste und hörte zu.
Über Kairo war inzwischen die Sonne aufgegangen. Der Botschafter war noch nicht gefunden worden und man nahm an, dass er irgendwo unter den Trümmern begraben war.
Teddy hatte den Botschafter nie kennen gelernt. Der Mann war ohnehin vollkommen unbekannt, wurde jedoch von den aufgeregt berichtenden Reportern als großer Amerikaner verherrlicht. Sein Tod berührte Teddy nicht sonderlich, würde aber der Kritik an der CIA neuen Aufwind geben. Er war jedoch auch ein Beleg für die besondere Niedertracht dieses Anschlags und das wiederum konnte Aaron Lake nur recht sein.
Bislang waren einundsechzig Opfer geborgen worden. Die ägyptischen Behörden machten Yidal verantwortlich. Er war der Hauptverdächtige, weil seine kleine Armee in den vergangenen sechzehn Monaten drei westliche Botschaften in die Luft gesprengt und er offen zum Krieg gegen die Vereinigten Staaten aufgerufen hatte. Dem aktuellen CIA-Dossier über Yidal war zu entnehmen, dass er über dreißig Mann und etwa fünf Millionen Dollar jährlich verfügte, die hauptsächlich aus libyschen und saudiarabischen Quellen stammten. Der Presse gegenüber ließ man allerdings durchblicken, dass ihm tausend Mann und unbegrenzte Mittel zu Gebote standen. Außerdem sei er entschlossen, unschuldige Amerikaner zu terrorisieren.
Die Israelis wussten, was Yidal zum Frühstück aß und wo er es zu sich nahm. Sie hätten ihn ein Dutzend Mal fangen können, doch bisher hatte er seinen kleinen Krieg nicht gegen sie geführt. Solange er Amerikaner und Westeuropäer tötete, hatten die Israelis kein echtes Interesse daran, ihn auszuschalten. Immerhin profitierte Israel ja vom Hass des Westens auf radikale Muslims.
Teddy aß das Sandwich langsam und schlief dann noch ein wenig. Gegen Mittag Kairoer Zeit rief Lufkin an und berichtete, die Leichen des Botschafters und seiner Frau seien inzwischen geborgen worden. Die Zahl der Opfer war auf vierundachtzig gestiegen; bis auf elf waren es Amerikaner.
Die Kameras fanden Lake vor einer Fabrik in Marietta, Georgia, wo er vor Tagesanbruch den Arbeitern beim Schichtwechsel die Hände schüttelte. Als man ihn auf die Ereignisse in Kairo ansprach, sagte er:»Vor sechzehn Monaten haben dieselben Terroristen zwei unserer Botschaften in die Luft gesprengt und dreißig Amerikaner ermordet und wir haben nichts unternommen, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Sie sind ungeschoren davongekommen, weil wir nicht entschlossen zurückgeschlagen haben. Wenn ich Präsident der Vereinigten Staaten bin, werden wir diesen Verbrechern den Krieg erklären und dem Morden ein Ende setzen.«
Starke Worte. Sie wirkten ansteckend, und als Amerika erwachte und mit den schrecklichen Nachrichten aus Kairo konfrontiert wurde, bekam das Land aus dem Mund der anderen sieben Kandidaten einen aggressiven Chor von Drohungen und Ultimaten zu hören. Selbst die Gemäßigteren klangen jetzt wie Revolverhelden.
ELF
In Iowa schneite es wieder: ein beständiges Wirbeln von Schneeflocken, die sich auf den Straßen und
Bürgersteigen in Matsch verwandelten und Quince Garbe mit neuerlicher Sehnsucht nach einem Strand erfüllten. Auf der Main Street zog er den Schal vor das Gesicht, wie um sich vor dem Schnee zu schützen, während er in Wirklichkeit bloß vermeiden wollte, mit jemandem sprechen zu müssen. Niemand sollte sehen, dass er schon wieder ins Postamt ging.
Im Postfach war ein Brief. Einer von diesen Briefen. Sein Mund stand offen und seine Hand erstarrte in der Bewegung, als er ihn dort zwischen den Reklamesendungen liegen sah, unschuldig, als wäre er der Brief eines alten Freundes. Quince warf einen Blick über seine Schulter — der schuldbewusste Dieb —, riss den Brief aus dem Postfach und stopfte ihn in die Brusttasche seines Mantels.
Seine Frau war im Krankenhaus, wo sie ein Fest zugunsten behinderter Kinder plante, und so war das Haus leer bis auf das Dienstmädchen, das den Tag in der Waschküche verschlief — es hatte ja auch seit acht Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen. Er fuhr in gemächlichem Tempo, kämpfte sich durch Schneegestöber und Verwehungen, verfluchte den Erpresser, der sich in der Verkleidung eines liebebedürftigen Jungen in sein Leben geschlichen hatte, und dachte mit düsteren Vorahnungen an den Brief, der ihm mit jeder Minute schwerer auf dem Herzen lag. Keine Spur von dem Hausmädchen, als er die Haustür öffnete und dabei so viel Lärm wie möglich machte. Er ging hinauf in sein Schlafzimmer und schloss die Tür ab. Unter der Matratze lag eine Pistole. Er warf Mantel, Handschuhe und Jackett auf einen Sessel, setzte sich auf die Bettkante und betrachtete den Umschlag. Dasselbe lavendelfarbene Papier, dieselbe Handschrift — alles wie zuvor. Der Brief war vor zwei Tagen in Jacksonville abgestempelt worden. Quince riss den Umschlag auf. Er enthielt nur einen Briefbogen.