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Lieber Quince!

Vielen Dank für das Geld. Ich habe es meiner Frau und meinen Kindern geschickt — nur damit du nicht denkst, dass ich ein gemeiner Verbrecher bin. Es geht ihnen sehr schlecht. Seit ich eingesperrt bin, sind sie völlig verzweifelt. Meine Frau hat schwere Depressionen und kann nicht arbeiten, und wenn es keine Sozialhilfe und keine Lebensmittelmarken gäbe, müssten meine vier Kinder verhungern.

(Mit 100 000 Dollar müssten sie eigentlich aus dem Gröbsten raus sein, dachte Quince.)

Sie leben in einer Sozialwohnung und haben kein verlässliches Transportmittel. Also nochmals vielen Dank für deine Hilfe. Mit weiteren 50000 Dollar wären sie schuldenfrei, und meine Kinder könnten studieren.

Es gelten dieselben Regeln wie beim ersten Mal. Du überweist das Geld auf dasselbe Konto und mein Versprechen gilt ebenfalls noch: Wenn das Geld nicht schnell eintrifft, werde ich deine geheimen Wünsche publik machen. Verlier keine Zeit, Quince. Ich schwöre, dass dies mein letzter Brief ist.

Nochmals vielen Dank, Quince!

Alles Liebe, Ricky

Er ging ins Badezimmer, öffnete das Medizinschränkchen und fand die Valiumtabletten seiner Frau. Er nahm zwei und erwog kurz, den ganzen Inhalt des Fläschchens zu schlucken. Er musste sich hinlegen, doch er konnte das Bett nicht benutzen, denn er würde es zerwühlen, und dann würde irgendjemand Fragen stellen. Also streckte er sich auf dem Boden aus, auf dem abgetretenen, aber sauberen Teppich, und wartete darauf, dass die Tabletten wirkten.

Er hatte alles zusammengekratzt, er hatte gebettelt und sogar ein bisschen gelogen, um Ricky die 100000 Dollar schicken zu können. Er konnte unmöglich weitere 50000 aufbringen — sein

Überziehungskredit war beinahe ausgereizt und er befand sich am Rande der Insolvenz. Auf seinem schönen, großen Haus lag eine dicke Hypothek, ausgestellt von seinem Vater, der auch seine Gehaltsschecks unterschrieb. Sein Wagen war groß und importiert, aber uralt und kaum noch etwas wert. Wer in Bakers, lowa, würde schon einen elf Jahre alten Mercedes kaufen wollen?

Und wenn es ihm irgendwie gelang, das Geld zu stehlen? Der Verbrecher, der sich Ricky nannte, würde ihm herzlich danken und einfach mehr fordern.

Es war vorbei.

Zeit für die Tabletten. Zeit für die Pistole.

Das Telefon schreckte ihn auf. Ohne nachzudenken, rappelte er sich auf und griff nach dem Hörer.»Hallo?«grunzte er.

«Wo zum Teufel steckst du?«Es war sein Vater und er sprach in einem Ton, den Quince nur zu gut kannte.

«Ich, äh, ich fühle mich nicht wohl«, brachte er heraus. Er starrte auf seine Uhr und ihm fiel ein, dass er um halb elf eine Verabredung mit einem sehr wichtigen Inspektor von der Bankenaufsicht hatte.

«Ob du dich wohl fühlst oder nicht, ist mir völlig gleichgültig. Mr. Colthurst von der Bankenaufsicht wartet bereits seit einer Viertelstunde in meinem Büro.«

«Ich habe mich übergeben, Dad«, sagte er und krümmte sich bei dem Wort» Dad «zusammen. Er war einundfünfzig und gebrauchte noch immer diese Anrede.

«Du lügst mich an. Warum hast du nicht angerufen und dich krankgemeldet? Gladys hat mir erzählt, dass sie dich um kurz vor zehn zum Postamt hat gehen sehen. Was soll das Theater?«

«Entschuldige mich, ich muss wieder zur Toilette. Ich rufe dich später an. «Er legte auf.

Die Wirkung des Valiums setzte ein. Ein angenehmer Nebel umhüllte ihn und er ließ sich auf die Bettkante sinken und starrte auf die lavendelfarbenen Rechtecke, die vor ihm auf dem Boden lagen. Die Gedanken kamen langsam, gebremst durch die Tabletten.

Er konnte die Briefe verstecken und sich umbringen. Der Abschiedsbrief würde seinem Vater die Hauptschuld geben. Der Gedanke an den Tod war nicht ganz und gar unangenehm: keine Ehe mehr, keine Bank, kein Dad, kein Bakers, lowa, kein Versteckspiel.

Aber seine Kinder und Enkel würden ihm fehlen.

Und was, wenn dieses Ungeheuer von Ricky nicht von seinem Selbstmord erfuhr und einen weiteren Brief schickte? Was, wenn Quinces wahre Neigungen doch noch ans Licht kamen, lange nach seiner Beerdigung?

Die nächste schlechte Idee erforderte eine kleine Verschwörung mit seiner Sekretärin, einer Frau, der er nur sehr begrenzt vertraute. Er würde ihr die Wahrheit sagen und sie bitten, einen Brief an Ricky zu schreiben, in dem sie ihn von Quince Garbes Selbstmord in Kenntnis setzte. Gemeinsam konnte es ihnen gelingen, eine solche Tat vorzutäuschen und vielleicht eine kleine Rache an Ricky zu nehmen.

Aber er wollte lieber tot sein, als seine Sekretärin ins Vertrauen zu ziehen.

Die dritte Idee kam ihm, als die Wirkung des Valiums voll eingesetzt hatte, und sie zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. Warum sollte er es nicht mit ein bisschen Aufrichtigkeit versuchen? Er

konnte doch einen Brief an Ricky schreiben und gewissermaßen einen Offenbarungseid ablegen. Ihm 10000 Dollar anbieten und sagen, das sei alles, was bei ihm noch zu holen sei. Wenn Ricky entschlossen sei, ihn zu vernichten, werde ihm, Quince, nichts anderes übrig bleiben, als zur Polizei zu gehen. Er werde das FBI informieren, das die Briefe und den Weg des Geldes verfolgen werde, und dann würden sie — er selbst und Ricky — gemeinsam untergehen.

Er schlief für eine halbe Stunde auf dem Boden, stand dann auf, zog Jackett, Mantel und Handschuhe an und ging hinaus, ohne dem Hausmädchen zu begegnen. Auf dem Weg in die Stadt, erfüllt von dem Wunsch, die Karten auf den Tisch zu legen, gestand er sich laut ein, dass nur Geld zählte. Sein Vater war einundachtzig. Die Aktien der Bank waren etwa zehn Millionen Dollar wert. Eines Tages würde er sie erben. Er musste sein Geheimnis wahren, bis das Geld ihm gehörte — dann würde er leben können, wie er wollte.

Er durfte das Geld nicht aufs Spiel setzen.

Coleman Lee gehörte eine Taco-Bude in einem Einkaufszentrum am Rand von Gary, Indiana, in einem Teil der Stadt, der von den Mexikanern übernommen worden war. Coleman war achtundvierzig und hatte vor Jahrzehnten zwei üble Scheidungen hinter sich gebracht. Keine Kinder, Gott sei Dank. Durch all die Tacos war er dick und langsam geworden. Er hatte einen Schmerbauch und Hängebacken. Coleman sah nicht gut aus und war ziemlich einsam.

Seine Angestellten waren hauptsächlich mexikanische Jungen, illegale Einwanderer, die er früher oder später zu belästigen oder verführen versuchte, wenn man seine unbeholfenen Avancen so nennen wollte. Er war selten erfolgreich, und die Fluktuation war groß. Das Geschäft ging schlecht, denn die Leute redeten und Coleman hatte einen üblen Ruf. Wer kaufte schon Tacos von einem Perversen?

Im Postamt am anderen Ende des Einkaufszentrums hatte er zwei Postfächer gemietet — eins für sein Geschäft und eins für sein Vergnügen. Er sammelte Pornomagazine, die er beinahe täglich vom Postamt abholte. Der Briefträger in dem Bezirk, wo Coleman wohnte, war ein ziemlich neugieriger Typ und es war besser, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen.

Er schlenderte den schmutzigen Bürgersteig am Rand des Parkplatzes entlang, vorbei an den Discountläden für Schuhe und Kosmetika, dem Videoverleih, wo er Hausverbot hatte, und dem Sozialamt, das ein verzweifelter Politiker auf Stimmenfang in diesen Außenbezirk gestellt hatte. Das Postamt war voller Mexikaner, die sich Zeit ließen, denn draußen war es kalt.

Die heutige Ausbeute bestand aus zwei Hardcore-Magazinen in neutralen braunen Umschlägen und einem Brief, der ihm entfernt bekannt vorkam. Es war ein gelbes Kuvert ohne Absender, abgestempelt in Atlantic Beach, Florida. Ach, ja, jetzt fiel es ihm wieder ein: der junge Percy, der in der Drogenklinik saß.

In seinem kleinen Büro zwischen der Küche und der Besenkammer blätterte er die Magazine flüchtig durch, fand nichts Neues und legte sie auf den Stapel zu den hundert anderen. Dann öffnete er den Brief von Percy. Wie die beiden vorigen war er handgeschrieben und an Walt adressiert, den Namen, den er für seine Porno-Post benutzte. Walt Lee.