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Lieber Walt!

Über deinen Brief habe ich mich sehr gefreut. Ich habe ihn viele Male gelesen. Du findest immer die richtigen Worte. Wie ich dir schon geschrieben habe, bin ich seit fast achtzehn Monaten hier und fühle mich sehr einsam. Ich bewahre deine Briefe unter meiner Matratze auf, und wenn die Einsamkeit zu groß wird, hole ich sie hervor und lese sie immer wieder. Wo hast du gelernt, so zu schreiben? Bitte schreib mir noch einen, so schnell wie möglich.

Mit ein bisschen Glück werde ich im April entlassen. Ich weiß noch nicht, was ich dann machen soll und wohin ich gehen werde. Der Gedanke, dass ich nach fast zwei Jahren in dieser Klinik einfach rausgehen kann, macht mir eigentlich Angst. Ich weiß ja nicht, wo ich hin soll. Ich hoffe, dass wir dann noch Brieffreunde sind.

Ich frage dich wirklich nicht gerne, aber da ich niemand sonst habe, an den ich mich wenden kann, tue ich es trotzdem, und wenn du nicht willst, dann sag es bitte, es wird unserer Freundschaft keinen Abbruch tun. Könntest du mir 1000 Dollar leihen? Es gibt hier in der Klinik einen kleinen Laden für Bücher und CDs. Dort kann man auch auf Kredit kaufen, und weil ich schon ziemlich lange hier bin, hat sich da eine ganz schöne Rechnung angesammelt.

Wenn du mir das Geld leihen könntest, wäre ich dir wirklich sehr dankbar. Wenn nicht, kann ich das natürlich auch verstehen.

Danke, dass du da bist, Walt. Bitte schreib mir bald. Deine Briefe geben mir Kraft.

Liebe Grüße, Percy

1000 Dollar? Was war das für ein kleiner Scheißer? Coleman roch eine Falle. Er zerriss den Brief in kleine Fetzen, die er in den Papierkorb warf.

«Tausend Dollar«, murmelte er und griff wieder nach den Magazinen.

Curtis war nicht der echte Name des Juweliers aus Dallas. So nannte er sich nur in seinen Briefen an Ricky in der Drogenklinik. In Wirklichkeit hieß er Vann Gates.

Mr. Gates war achtundfünfzig, oberflächlich betrachtet glücklich verheiratet, dreifacher Vater und zweifacher Großvater. Ihm und seiner Frau gehörten in Dallas sechs Juweliergeschäfte, die allesamt in Einkaufszentren lagen. Auf dem Papier besaßen sie zwei Millionen Dollar, und die hatten sie sich selbst verdient. Sie bewohnten ein sehr schönes Haus in Highland Park, mit getrennten Schlafzimmern an gegenüberliegenden Enden, und trafen sich nur in der Küche und im Wohnzimmer, wo sie vor dem Fernseher saßen oder mit den Enkelkindern spielten.

Hin und wieder öffnete Mr. Gates die Kammer, in der er seine wahre Neigung versteckte, allerdings nur unter äußersten Sicherheitsvorkehrungen. Niemand wusste davon. Sein Briefwechsel mit Ricky war sein erster Versuch, echte Liebe in den Kleinanzeigen zu finden, und bisher war er von dem Ergebnis begeistert. Er hatte in einem Postamt nicht weit von einem der Einkaufszentren ein Postfach gemietet und benutzte den Namen Curtis V. Gates. Als Vann sich in seinen Wagen setzte und den lavendelfarbenen, an Curtis Gates adressierten Umschlag öffnete, ahnte er nichts Böses: Er hatte wieder einen schönen Brief von seinem geliebten Ricky bekommen. Doch schon die ersten Zeilen trafen ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Lieber Vann Gates!

Schluss mit dem Schmus. Ich heiße nicht Ricky und du heißt nicht Curtis. Ich bin kein schwuler junger Mann auf der Suche nach Liebe. Du dagegen hast ein schreckliches Geheimnis, das du sicher bewahren willst. Dabei will ich dir helfen.

Hier ist mein Angebot: Du überweist 100000 Dollar an die Geneva Trust Bank auf den Bahamas, Konto Nummer 144-DXN-9593. Der Empfänger heißt Boomer Realty, Ltd., die Bankleitzahl lautet 392844-22.

Verlier keine Zeit! Das ist kein Witz, sondern eine Erpressung, und du bist in die Falle gegangen. Wenn das Geld nicht innerhalb von zehn Tagen auf dem Konto eingegangen ist, schicke ich deiner Frau Glenda ein Päckchen mit den Kopien aller Briefe und Fotos.

Überweis das Geld und ich werde dich in Ruhe lassen.

Schöne Grüße, Ricky

Nach einiger Zeit fand Vann die Abzweigung zur 1-635 und etwas später fuhr er auf der 1-820 im Bogen um Fort Worth und dann wieder zurück nach Dallas. Er blieb auf der rechten Spur und hielt sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 55 Meilen pro Stunde, ohne auf die Schlange zu achten, die sich hinter ihm gebildet hatte. Wenn Weinen geholfen hätte, wäre er sicher in Tränen ausgebrochen. Er hatte keine Hemmungen zu weinen, jedenfalls nicht in der Abgeschlossenheit seines Jaguars.

Doch er war zu wütend, zu verbittert. Und er hatte zu viel Angst, Zeit mit der Sehnsucht nach einem Menschen zu verschwenden, der nicht existierte. Nein, er musste handeln — und zwar schnell, entschlossen und heimlich.

Schließlich überwältigte ihn jedoch der Schmerz und er fuhr auf den Seitenstreifen und blieb mit laufendem Motor stehen. All die schönen Träume von Ricky, die vielen Stunden, die er damit verbracht hatte, dieses hübsche Gesicht mit dem kleinen, schiefen Lächeln zu betrachten und die traurigen, witzigen, verzweifelten, hoffnungsvollen Briefe zu lesen. Wie konnten geschriebene Worte nur so viele Gefühle vermitteln? Er hatte diese Briefe praktisch auswendig gelernt.

Und er war doch nur ein Junge, so jung und voller männlicher Lebenskraft, und trotzdem so einsam und erfüllt von Sehnsucht nach einem reifen Partner. Der Ricky, in den er sich verliebt hatte, brauchte die liebevolle Umarmung eines älteren Mannes und Curtis/Vann hatte seit Monaten Pläne geschmiedet. Er hatte vorgetäuscht, er müsse, während seine Frau ihre Schwester in El Paso besuchte, zu einer Diamantenschau in Orlando. Alles war bis ins letzte Detail geplant — er hatte keine Spuren hinterlassen.

Schließlich begann er zu weinen. Der arme Vann vergoss Tränen und schämte sich ihrer nicht. Niemand konnte ihn sehen. Die anderen Wagen rasten mit 80 Meilen pro Stunde an ihm vorbei.

Und wie jeder enttäuschte Liebende schwor er Rache. Er würde dieses Schwein aufspüren, dieses Ungeheuer, das sich als Ricky ausgegeben und ihm das Herz gebrochen hatte.

Als das Schluchzen nachließ, dachte er an seine Frau und seine Familie und das half ihm sehr, die Fassung wieder zu gewinnen. Glenda würde die sechs Geschäfte, die zwei Millionen und das neue Haus mit getrennten Schlafzimmern bekommen und ihm würden bloß Spott, Verachtung und Gerede bleiben, und das in einer Stadt, die nichts so liebte wie den Klatsch. Seine Kinder würden die Partei dessen ergreifen, der das Geld hatte, und seine Enkel würden für den Rest ihres Lebens nur die bösartigen Geschichten über ihren Großvater hören.

Während er zum zweiten Mal mit 55 Meilen auf der rechten Spur durch Mesquite fuhr und die Sattelschlepper an ihm vorbei donnerten, las er nochmals den Brief.

Er hatte niemanden, an den er sich wenden konnte — keinen Bankier, der den Inhaber des Kontos auf den Bahamas herausfinden konnte, keinen Anwalt, den er um Rat fragen, keinen Freund, dem er die schreckliche Geschichte erzählen konnte.

Er hatte sein Doppelleben sorgfältig geheim gehalten und das Geld stellte kein unüberwindliches

Problem dar. Seine Frau wachte mit Argusaugen über alle Ausgaben, sowohl zu Hause als auch im Geschäft, und darum hatte Vann schon vor langer Zeit damit begonnen, Geld zu verstecken. Er schaffte Halbedelsteine, Rubine, Perlen und manchmal kleine Diamanten auf die Seite und verkaufte sie später gegen Bargeld an andere Juweliere. In seiner Branche war das nichts Ungewöhnliches. Vann hatte Kartons voller Geld: Schuhkartons, die er in einem feuersicheren Safe aufbewahrte, der in einem gemieteten Lagerraum in Piano stand. Bargeld für die Zeit nach der Scheidung. Bargeld, das er für sein späteres Leben brauchte, wenn er und Ricky um die Welt fahren und es für eine Reise ohne Ende ausgeben würden.

«Dieser Scheißkerl!«sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er sagte es immer wieder.

Warum schrieb er diesem Verbrecher nicht, dass er nicht so viel Geld hatte? Warum drohte er nicht damit, zur Polizei zu gehen? Warum kämpfte er nicht? Weil dieser Scheißkerl genau wusste, was er tat. Er hatte Vann gut genug ausgekundschaftet, um seinen wirklichen Namen und den seiner Frau zu wissen. Er wusste, dass Vann genug Geld hatte.