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Er bog in die Garageneinfahrt ein, Glenda fegte den Fußweg.»Wo hast du denn gesteckt, Schatz?«fragte sie freundlich.

«Ich hatte was zu erledigen«, antwortete er lächelnd.

«Das hat aber ganz schön lange gedauert«, sagte sie und fegte.

Er war es so leid! Sie beobachtete alles, was er tat. Seit dreißig Jahren war er unter ihrer Fuchtel und in ihrer Hand tickte die Stoppuhr.

Aus Gewohnheit gab er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und dann ging er in den Keller, verschloss die Tür und begann wieder zu weinen. Dieses Haus war sein Gefängnis (wie sonst sollte er ein Haus nennen, das ihn jeden Monat 7800 Dollar an Hypothekentilgung kostete?), und sie war seine Wärterin, die Bewahrerin der Schlüssel. Sein einziger Fluchtweg war ihm gerade verstellt worden, und zwar durch einen kaltblütigen Erpresser.

ZWÖLF

Achtzig Särge brauchten eine Menge Platz. Sie waren ordentlich aufgereiht, alle gleich groß, alle hübsch verpackt in Rot, Weiß und Blau. Vor einer halben Stunde waren sie an Bord eines Transportflugzeugs der Air Force eingeflogen und mit großem Pomp zeremoniell entladen worden.

An die 1000 Freunde und Verwandte saßen auf Klappstühlen, die auf dem Betonboden des Hangars aufgestellt worden waren, und starrten entsetzt auf das Meer aus amerikanischen Fahnen, das sich vor ihnen ausbreitete. Ihre Zahl wurde nur durch die der Journalisten übertroffen, die hinter der Absperrung der Militärpolizei standen. Selbst für ein Land, das sich an die katastrophalen Folgen seiner Außenpolitik gewöhnt hatte, war dies ein beeindruckender Anblick. Achtzig Amerikaner, acht Briten, acht Deutsche — und keine Franzosen, weil diese die diplomatischen Empfänge westlicher Botschaften in Kairo boykottierten. Warum waren um zehn Uhr abends noch achtzig Amerikaner in der Botschaft gewesen? Das war die Frage, die sich jeder stellte, und bislang wusste niemand eine gute Antwort darauf. Die meisten von denen, die solche Entscheidungen trafen, lagen jetzt in diesen Särgen. In Washington kursierte das Gerücht, der Partyservice habe zu spät geliefert, und die Band sei noch später gekommen.

Doch die Terroristen hatten nur zu gut bewiesen, dass sie jederzeit zuschlagen konnten, und darum war es völlig gleichgültig, um welche Uhrzeit der Botschafter, seine Frau, seine Kollegen und das

Botschaftspersonal einen Empfang hatten veranstalten wollen.

Die zweite große Frage, die man sich stellte, lautete: Wieso waren eigentlich achtzig Menschen in der Botschaft in Kairo gewesen? Das Außenministerium wusste keine Antwort darauf.

Nachdem die Air Force Band einen Trauermarsch gespielt hatte, trat der Präsident an das Rednerpult. Er sprach mit brechender Stimme und rang sich sogar ein, zwei Tränen ab, aber nach acht Jahren solcher Darbietungen hatte sich diese Theatralik etwas abgenutzt. Er hatte bereits oft Rache geschworen und so konzentrierte er sich auf andere Themen: Trost, Opferbereitschaft und die Verheißung eines besseren Lebens im Jenseits.

Der Außenminister verlas die Namen der Opfer — eine morbide Rezitation, die die Feierlichkeit der Stunde unterstreichen sollte. Das Schluchzen wurde lauter. Dann noch etwas Musik. Die längste Rede hielt der Vizepräsident, der frisch aus dem Wahlkampf kam und von einer neu entdeckten Entschlossenheit erfüllt war, den Terrorismus vom Angesicht der Erde zu tilgen. Obgleich er nie eine Uniform getragen hatte, schien er darauf zu brennen, mit Granaten um sich zu werfen.

Lake hatte sie alle aufgeschreckt.

Aaron Lake verfolgte die Zeremonie während des Fluges von Tucson nach Detroit, wo er längst für eine weitere Serie von Interviews erwartet wurde. An Bord war sein persönlicher Demoskop, ein kürzlich angeheuerter Zauberer, der ihn seit neuestem überall hin begleitete. Während Lake und sein Team die Nachrichten verfolgten, arbeitete dieser Mann fieberhaft an dem kleinen Konferenztisch, der mit zwei Laptops, drei Telefonen und mehr Computerausdrucken beladen war, als zehn Leute verarbeiten konnten. Die Vorwahlen in Arizona und Michigan würden in drei Tagen stattfinden und Lakes Werte stiegen, besonders in seinem Heimatstaat, wo er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Favoriten, Gouverneur Tarry aus Indiana, lieferte. In Michigan lag Lake um zehn Prozent zurück, aber die Leute hörten ihm aufmerksam zu. Die Katastrophe in Kairo arbeitete zu seinen Gunsten.

Gouverneur Tarry brauchte plötzlich dringend Geld. Aaron Lake nicht. Er bekam es schneller, als er es ausgeben konnte.

Als der Vizepräsident endlich fertig war, verließ Lake seinen Platz vor dem Fernseher, setzte sich in seinen Lederdrehsessel und griff nach einer Zeitung. Ein Mitarbeiter brachte ihm Kaffee, den er trank, während er auf die Ebene von Kansas zwölf Kilometer unter ihm hinabsah. Ein anderer Mitarbeiter reichte ihm eine Notiz, die angeblich eine sofortige Antwort des Kandidaten erforderte. Lake sah sich in der Flugzeugkabine um und zählte dreizehn Menschen, die Piloten nicht eingerechnet.

Als Mann, der ein zurückgezogenes Leben gewöhnt war und noch immer seiner Frau nachtrauerte, hatte Lake mit dem völligen Fehlen von Privatsphäre zu kämpfen. Er bewegte sich immer in Begleitung einer Gruppe. Jede halbe Stunde war verplant, jeder Auftritt wurde von einem Komitee koordiniert, jedes Interview wurde vorbereitet: Er bekam schriftliche Unterlagen über die Fragen, die man ihm vermutlich stellen würde, und vorformulierte Antworten. Jede Nacht hatte er sechs Stunden für sich allein, in seinem Hotelzimmer, und selbst dort würden die Männer vom Secret Service auf dem Boden schlafen, wenn er es ihnen erlauben würde. Und jede Nacht war er vollkommen erschöpft und schlief tief und fest wie ein kleines Kind. Nur im Badezimmer konnte er ruhig nachdenken, entweder unter der Dusche oder auf der Toilette.

Aber er täuschte sich nicht: Er, Aaron Lake, der ruhige Abgeordnete aus Arizona, war über Nacht zur Sensation geworden. Er stürmte voran und der Rest stolperte ihm nach. Das große Geld floss in seine Richtung. Die Reporter hingen an seinen Lippen. Seine Worte wurden zitiert. Er hatte sehr mächtige Freunde, alles lief nach Plan und der Gedanke, dass er nominiert werden würde, war nicht unrealistisch. Noch vor einem Monat hatte davon nicht einmal geträumt.

Lake genoss den Augenblick. Der Wahlkampf war der reine Wahnsinn, aber wenn er den Job erst einmal hatte, würde er das Tempo bestimmen können. Reagan hatte täglich von neun bis fünf regiert und war weit effektiver gewesen als der arbeitswütige Carter. Wenn du erst mal im Weißen Haus bist, wird alles besser, sagte er sich immer wieder. Er musste nur all diese Leute ertragen, er musste lächelnd und schlagfertig die Vorwahlen überstehen und dann würde er sehr bald schon im Oval Office sitzen — allein, die Welt zu seinen Füßen.

Und dann würde er seine Privatsphäre haben.

Teddy saß mit York in seinem Bunker und sah die Liveübertragung vom Luftwaffenstützpunkt Andrews. Wenn es schwierig wurde, war er gern in Yorks Gesellschaft. Die Vorwürfe waren sehr hart gewesen. Man brauchte einen Sündenbock und viele der Idioten, die den Kameras nachliefen, schoben die Schuld auf die CIA, denn die war in ihren Augen ohnehin immer schuld.

Wenn sie nur wüssten.

Er hatte York schließlich von Lufkins Warnung erzählt, und York hatte vollkommen verstanden. Leider war so etwas nicht zum ersten Mal geschehen. Wenn man in der ganzen Welt für Recht und Ordnung sorgte, verlor man eine Menge Leute und Teddy und York hatten oft zusehen müssen, wie fahnengeschmückte Särge aus Transportmaschinen geladen wurden — Zeugnisse eines weiteren Debakels im Ausland. Der Wahlkampf von Aaron Lake würde Teddys letzter Versuch sein, das Leben von Amerikanern zu retten.

Ein Fehlschlag schien unwahrscheinlich. Der IVR hatte innerhalb von zwei Wochen mehr als zwanzig Millionen Dollar gesammelt und war dabei, das Geld in Washington zu verteilen. Einundzwanzig Abgeordnete waren bereit, Lakes Kandidatur zu unterstützen. Die Gesamtkosten dafür beliefen sich auf sechs Millionen. Der bislang größte Brocken war Senator Britt, der Vater des kleinen thailändischen Jungen. Als er seine Ambitionen auf das Weiße Haus aufgegeben hatte, war er mit fast vier Millionen Dollar verschuldet gewesen und hatte keinen realistischen Plan gehabt, wie er diesen Betrag zurückzahlen sollte. Das Geld folgte im Allgemeinen nicht denen, die ihre Sachen zusammenpackten und nach Hause gingen. Elaine Tyner, die Anwältin, die die Aktivitäten des IVR koordinierte, traf sich mit Senator Britt und brauchte nicht einmal eine halbe Stunde, um zu einer Vereinbarung zu kommen: Der IVR würde im Lauf von drei Jahren sämtliche durch Britts Wahlkampf entstandene Schulden tilgen und als Gegenleistung würde Britt Aaron Lakes Kandidatur lautstark unterstützen.