«Hatten wir eine Prognose, wie viele Opfer es sein würden?«fragte York.
Nach einer Weile antwortete Teddy:»Nein.«
Das Tempo ihrer Gespräche war immer gemächlich.
«Warum waren es so viele?«
«Jede Menge Alkohol. Das passiert in arabischen Ländern andauernd. Eine andere Kultur, das Leben ist langweilig, und wenn unsere Diplomaten dann ein Fest feiern, geht es richtig rund. Viele der Toten waren ziemlich betrunken.«
Es vergingen einige Minuten.»Wo ist Yidal?«fragte York.
«Im Augenblick im Irak. Gestern war er noch in Tunesien.«
«Wir sollten ihn wirklich aus dem Verkehr ziehen.«»Werden wir auch. Nächstes Jahr. Es wird einer von Präsident Lakes großen Triumphen sein.«
Zwölf der sechzehn Abgeordneten, die Lakes Kandidatur unterstützten, trugen blaue Hemden, was Elaine Tyner nicht entging. Sie achtete auf solche Dinge. Wenn ein Politiker in Washington in die Nähe einer Kamera kam, konnte man darauf wetten, dass er sein bestes blaues Hemd angezogen hatte. Die anderen vier trugen weiße Hemden.
Sie reihte sie in einem Ballsaal des Willard Hotels vor den Reportern auf. Der älteste von ihnen, der Abgeordnete Thurman aus Florida, eröffnete die Veranstaltung, indem er die Presse bei diesem überaus bedeutenden Ereignis begrüßte. Er las eine Rede ab, in der er seine Meinung über den gegenwärtigen Zustand der Welt ausbreitete, die jüngsten Ereignisse in Kairo, China und Russland kommentierte und zu dem Schluss kam, die Welt sei weit gefährlicher, als sie zu sein scheine. Nach den bekannten Statistiken über den desolaten Stand der Ausrüstung und die mangelnde Einsatzbereitschaft der Armee leitete er zu einer langen Lobrede auf seinen Freund Aaron Lake über, den Mann, mit dem er nun schon seit zehn Jahren zusammenarbeite und den er besser kenne als die meisten. Lake habe eine Botschaft, die viele zwar nicht besonders gerne hören wollten, die aber dennoch äußerst wichtig sei.
Thurman hatte seine Unterstützung für Gouverneur Tarry aufgegeben, und obgleich er das, wie er sagte, nur sehr widerstrebend und mit einem Gefühl der Illoyalität getan habe, sei er nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt, dass die Sicherheit des Landes einen Präsidenten wie Aaron Lake erfordere. Thurman erwähnte nicht die neuesten Umfrageergebnisse, denen zufolge Lake im Wahlkreis Tampa-St. Pete an Popularität gewonnen hatte. Als Nächster trat ein Abgeordneter aus Kalifornien ans Mikrofon. Er sagte nichts Neues, brauchte dafür aber zehn Minuten. In seinem Wahlkreis nördlich von San Diego wohnten 45 000 Arbeiter in der Rüstungs- und Flugzeugindustrie und anscheinend hatte jeder Einzelne von ihnen geschrieben oder angerufen. Der Abgeordnete war leicht zu überzeugen gewesen: ein bisschen Druck von der Basis und ein Scheck über 250 000 Dollar von Elaine Tyner und dem IVR, und schon hatte er seinen Marschbefehl.
Als die Journalisten begannen, ihre Fragen zu stellen, drängten sich die sechzehn dicht zusammen — jeder wollte antworten oder wenigstens irgendetwas sagen und jeder befürchtete, sein Gesicht könnte auf einem der Gruppenfotos fehlen.
Obwohl kein einziger Ausschussvorsitzender dabei war, bot die Gruppe einen recht überzeugenden Anblick. Die Abgeordneten vermittelten den Eindruck, Aaron Lake sei ein ernst zu nehmender Kandidat, ein Mann, den sie kannten und dem sie vertrauten. Ein Mann, den das Land brauchte. Ein Mann, den man wählen konnte.
Die Veranstaltung war gut inszeniert, die Vertreter der Presse waren zahlreich erschienen und dementsprechend ausführlich wurde darüber berichtet. Am nächsten Tag würde Elaine Tyner fünf weitere Abgeordnete präsentieren. Senator Britt sparte sie sich für den Tag vor dem Super Tuesday auf.
Der Brief in Neds Handschuhfach war von Percy, dem jungen Percy in der Drogenklinik, dessen Postadresse Laurel Ridge, P. O. Box 4585, Atlantic Beach, FL 32233 lautete. Ned war in Atlantic Beach, seit zwei Tagen schon. Er hatte den Brief und er war entschlossen, Percy aufzuspüren, denn er witterte Unrat. Außerdem hatte er ohnehin nichts Besseres zu tun. Er war im Ruhestand, besaß jede Menge Geld, so gut wie keine Angehörigen und obendrein schneite es in Cincinnati. Er hatte sich ein Zimmer am Strand, im Sea Turtle Inn, genommen und abends hatte er die Bars am Atlantic Boulevard erkundet und zwei ausgezeichnete Restaurants gefunden, gut besuchte kleine Lokale mit vielen hübschen jungen Frauen und Männern. Einen Block weit entfernt hatte er Pete's Bar and Grill entdeckt und gestern und vorgestern Nacht war er nach vielen kühlen Bieren betrunken von dort zu seinem Hotel gestolpert.
Tagsüber behielt Ned das Postamt im Auge, ein modernes Gebäude im Bundesbehördenstil — Ziegelstein und Glas. Es stand in der First Street, die parallel zum Strand verlief. Das kleine, fensterlose Postfach 4585 befand sich auf halber Höhe einer Wand mit etwa 80 anderen Postfächern, in einem Bereich, in dem nicht besonders viel Publikumsverkehr herrschte. Ned hatte das Fach inspiziert, hatte versucht, es mit Schlüsseln und Draht zu öffnen, und hatte sogar am Schalter Fragen gestellt, doch der Beamte war wenig hilfsbereit gewesen. Bevor er am ersten Tag wieder gegangen war, hatte Ned ein kurzes Stück schwarzen Faden in die untere Fuge der Tür geklemmt. Niemand sonst würde es bemerken, aber Ned würde sehen, ob Rickys Post abgeholt worden war.
Dort drinnen war ein Brief von Ned, ein knallroter Umschlag. Er hatte ihn vor drei Tagen in Cincinnati aufgegeben und war dann nach Süden gerast. In dem Umschlag befand sich ein Scheck über 1000 Dollar, die der Junge für Künstlerbedarf brauchte. In einem seiner Briefe hatte Ned verraten, dass er früher einmal eine Galerie für moderne Kunst im Greenwich Village gehabt hatte. Das war gelogen, aber er zweifelte auch an allem, was Percy schrieb.
Ned war von Anfang an misstrauisch gewesen. Bevor er sich auf den Briefwechsel eingelassen hatte, hatte er Erkundigungen über Laurel Ridge eingezogen, die teure Drogenklinik, in der Percy angeblich saß. Es gab dort ein Telefon, doch es war ein privater Anschluss und die Telefonauskunft war nicht berechtigt, die Nummer herauszugeben. Eine Postadresse mit Straße und Hausnummer hatte die Klinik nicht. In seinem ersten Brief hatte Percy erklärt, alles sei sehr geheim, weil dort so viele Wirtschaftsbosse und Politiker behandelt würden, die allesamt, auf die eine oder andere Art, den künstlichen Paradiesen verfallen seien. Das klang nicht schlecht. Der Junge konnte wirklich gut schreiben.
Und er hatte ein sehr hübsches Gesicht. Darum hatte Ned ja auch geantwortet. Es verging kein Tag, an dem er nicht das Foto bewunderte.
Die Bitte um Geld hatte ihn überrascht, und da er sich langweilte, hatte er beschlossen, nach Jacksonville zu fahren.
Er saß weit zurückgelehnt und halb verborgen hinter dem Lenkrad seines Wagens, mit dem Rücken zur First Street und konnte die Wand mit den Postfächern und das Kommen und Gehen der Kunden gut beobachten. Es war nicht mehr als ein Versuch, aber vielleicht war er es wert. Ned benutzte ein Taschenfernglas und wurde hin und wieder von einem Passanten kritisch gemustert. Nach zwei Tagen wurde die Sache langweilig, aber je länger er wartete, desto überzeugter war er, dass sein Brief bald abgeholt würde. Bestimmt kam mindestens alle drei Tage jemand, um nachzusehen. Eine Drogenklinik mit vielen Patienten musste doch viel Post bekommen. Oder war sie bloß eine Fassade, hinter der ein Betrüger steckte, der einmal pro Woche vorbeischaute, um die Fallen zu kontrollieren?