Der Betrüger erschien am späten Nachmittag des dritten Tages. Er parkte seinen Käfer neben Neds Wagen und schlenderte ins Postamt. Er trug eine verknitterte Khakihose, ein weißes Hemd mit Fliege sowie einen Strohhut und wirkte zerzaust wie ein Möchtegern-Strandbohemien.
Trevor hatte eine lange Mittagspause bei Pete's eingelegt und seinen Rausch am Schreibtisch ausgeschlafen und nun tat er sich ein bisschen um und machte seine Runde. Er steckte den Schlüssel in Postfach 4585 und zog eine Hand voll Briefe hervor. Die meisten waren Reklamesendungen, die er sogleich wegwarf, nachdem er die Umschläge auf dem Weg hinaus durchgeblättert hatte.
Ned ließ ihn nicht aus den Augen. Die drei Tage öden Wartens hatten sich gelohnt. Er folgte dem Käfer, und als dieser anhielt und der Fahrer in ein kleines, heruntergekommenes Haus mit einer Anwaltskanzlei ging, fuhr Ned weiter, kratzte sich am Kopf und fragte sich laut:»Ein Rechtsanwalt?«
Er fuhr immer weiter, auf dem Highway AI A, am Strand entlang, weg von Jacksonville, durch Vilano Beach und Crescent Beach und Beverly Beach und Flagler Beach, und landete schließlich in einem Holiday Inn bei Port Orange. Bevor er auf sein Zimmer ging, stattete er der Hotelbar einen Besuch ab.
Es war nicht das erste Mal, dass er einer Erpressung nur knapp entgangen war. Genau genommen war es das zweite Mal. Auch den anderen Versuch hatte er gewittert, bevor ein ernsthafter Schaden entstanden war. Bei seinem dritten Martini schwor er sich, dass dies das letzte Mal gewesen sein sollte.
DREIZEHN
Am Tag vor den Vorwahlen in Arizona und Michigan setzte Lakes Truppe eine Medienkampagne in Gang, wie es sie bei einem Präsidentschaftswahlkampf noch nie gegeben hatte. Achtzehn Stunden lang wurden die beiden Staaten mit Fernsehspots bombardiert. Manche davon waren harmlose Fünfzehn-Sekunden-Streifen, die nicht viel mehr als Lakes gut aussehendes Gesicht und sein Versprechen entschlossener Führungskraft und einer sichereren Welt brachten. Andere dauerten eine Minute und waren regelrechte Dokumentationen über die Gefahren, die seit dem Ende des Kalten Krieges in aller Welt lauerten. Wieder andere waren Drohgesten an die Adresse der Terroristen der Welt: Wenn ihr Menschen umbringt, nur weil sie Amerikaner sind, werdet ihr teuer dafür bezahlen. Da die Erinnerung an die Bilder aus Kairo war noch nicht verblasst war, trafen diese Spots ins Schwarze.
Es war eine kühne, kämpferische Kampagne, ausgearbeitet von hoch bezahlten Beratern, und das einzige Risiko war die Übersättigung. Doch Lake war zu neu, um irgendjemanden zu langweilen. Die Fernsehspots in den beiden Staaten kosteten zehn Millionen Dollar, eine Schwindel erregende Summe.
Am 22. Februar wurden die Spots in größeren Abständen gebracht, und als die Wahllokale schlössen, sagten die Meinungsforscher für Lake einen Sieg in seinem Heimatstaat und einen sehr guten zweiten Platz in Michigan voraus. Immerhin war Gouverneur Tarry aus Indiana, das ebenfalls zum Mittleren Westen gehörte, und hatte in den vergangenen drei Monaten viel Zeit in Michigan verbracht.
Offenbar nicht genug. Die Wähler in Arizona entschieden sich für den Kandidaten aus ihrem eigenen Bundesstaat und denen in Michigan gefiel Lake anscheinend ebenfalls. In Arizona bekam er 60 Prozent und in Michigan, wo Gouverneur Tarry sich mit mageren 31 Prozent zufrieden geben musste, holte er 55 Prozent. Der Rest verteilte sich auf die anderen Kandidaten.
Zwei Wochen vor dem großen Super Tuesday und drei Wochen vor dem kleinen war das für Gouverneur Tarry ein vernichtender Schlag.
Lake sah die Wahlberichte an Bord seines Flugzeugs, unterwegs von Phoenix, wo er für sich selbst gestimmt hatte, nach Washington. Eine Stunde vor der Landung erklärte ihn CNN zum Überraschungssieger in Michigan und seine Mitarbeiter ließen die Korken knallen. Er genoss den Triumph und gestattete sich ebenfalls zwei Gläser Champagner.
Er erkannte die historische Dimension. Niemand war je so spät angetreten und so schnell so weit gekommen. In der abgedunkelten Kabine sahen sie die Analysen auf vier verschiedenen
Fernsehkanälen. Die Experten staunten über diesen Lake und das, was er fertig gebracht hatte. Gouverneur Tarry gab sich als guter Verlierer, zeigte sich jedoch besorgt über die enormen Summen, die sein bislang unbekannter Gegner ausgegeben hatte.
Lake plauderte höflich mit der kleinen Gruppe von Reportern, die ihn am Reagan National Airport erwartete, und fuhr dann in einer weiteren schwarzen Limousine zu seinem Wahlkampf-Hauptquartier, wo er seinen hoch bezahlten Mitarbeitern dankte und ihnen sagte, sie sollten nach Hause gehen und sich einmal richtig ausschlafen. Es war beinahe Mitternacht, als er in seinem altmodischen kleinen Reihenhaus in Georgetown ankam, in der Thirtyfourth Street, nicht weit von der Wisconsin Avenue. Zwei Agenten des Secret Service stiegen aus dem Wagen, der Lake gefolgt war, und zwei weitere erwarteten ihn auf den Eingangsstufen. Er hatte sich kategorisch geweigert, Leibwächter in seinem Haus postieren zu lassen.
«Ich will euch Burschen nicht hier herumschleichen sehen«, fuhr er die beiden Männer an der Haustür an. Ihre Anwesenheit störte ihn. Er kannte ihre Namen nicht, und es war ihm egal, ob sie ihn mochten oder nicht. Für ihn waren sie namenlose Gestalten, die er, so verächtlich wie möglich, mit» ihr Burschen «ansprach.
Sobald er die Tür hinter sich verschlossen hatte, ging er hinauf in sein Schlafzimmer und zog sich um. Er schaltete das Licht aus, als wäre er zu Bett gegangen, wartete eine Viertelstunde und schlich ins Wohnzimmer, um nachzusehen, ob das Haus beobachtet wurde, und dann weiter in den kleinen Keller. Dort stieg er durch ein Oberlicht neben der winzigen Terrasse hinaus in die kalte Nacht. Er hielt inne, horchte, hörte keinen Laut, öffnete das Gartentor und lief durch die schmale Gasse zwischen den beiden Häusern, die hinter seinem standen. Allein und im Schutz der Dunkelheit kam er an der Thirty-fifth Street heraus. Er war wie ein Jogger gekleidet und hatte eine Baseballkappe tief in die Stirn gezogen. Drei Minuten später war er auf der M Street und tauchte in der Menge unter. Er winkte ein Taxi heran und verschwand in der Nacht.
Als Teddy Maynard zu Bett ging, war er ziemlich zufrieden mit den beiden ersten Siegen seines Kandidaten, doch als man ihn weckte, erfuhr er, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Um 10 nach 6 Uhr morgens rollte er in seinen Bunker. Er war mehr besorgt als aufgebracht, auch wenn er in der vergangenen Stunde die ganze Gefühlsskala durchlebt hatte. York erwartete ihn zusammen mit einem Abteilungsleiter namens Deville, einem kleinen, nervösen Mann, der offenbar bereits seit vielen Stunden im Einsatz war.
«Ich höre«, knurrte Teddy noch im Rollen und sah sich nach einer Tasse Kaffee um.
«Gestern Nacht um zwei Minuten nach zwölf hat er sich von den Secret-Service-Männern verabschiedet und ist ins Haus gegangen«, begann Deville.»Um zwölf Uhr siebzehn hat er es durch ein kleines Fenster im Untergeschoss verlassen. Wir haben natürlich an allen Fenstern und Türen Kontakte und Bewegungsmelder angebracht. Außerdem haben wir ein Reihenhaus gegenüber gemietet und waren sowieso in erhöhter Alarmbereitschaft. Er war seit sechs Tagen nicht mehr zu Hause. «Deville hielt ein kleines Plättchen von der Größe einer Aspirin-Tablette hoch und fuhr fort:»Das hier ist ein so genanntes D-Tee. Die Dinger stecken in sämtlichen Sohlen seiner Schuhe, einschließlich der Joggingschuhe. Solange er nicht barfuss ist, wissen wir also immer, wo er ist. Sobald der Fuß auf dieses Gerät drückt, sendet es ein Signal, das auch ohne Transmitter noch in zweihundert Metern Entfernung empfangen werden kann. Wenn der Druck aufhört, sendet es noch eine Viertelstunde lang weiter. Wir haben uns sofort an die Verfolgung gemacht und ihn in der M Street eingeholt. Er trug einen Jogginganzug und hatte eine Kappe ins Gesicht gezogen. Zwei unserer Wagen waren in Bereitschaft, und als er sich ein Taxi nahm, folgten wir ihm zu einem Einkaufszentrum in Chevy Chase. Er ließ das Taxi warten und rannte in ein Ding namens Mailbox