America — einen von diesen neuen Läden, wo man Post aufgeben und empfangen kann. In manchen von denen — und unter anderem in dem hier — kann man seine Post rund um die Uhr abholen. Er war nicht mal eine Minute da drin und hat bloß sein Fach geöffnet, die Post herausgeholt, sie durchgesehen und dann weggeworfen. Danach ist er wieder ins Taxi gestiegen. Einer unserer Wagen ist ihm bis zur M Street gefolgt, wo er ausgestiegen und nach Hause geschlichen ist. Der andere Wagen blieb bei der Postfach-Filiale. Wir haben den Mülleimer am Eingang durchsucht und sechs Reklamesendungen gefunden, die offenbar für ihn waren. Auf den Adressen steht: AI Konyers, P. O. Box 455, Mailbox America, 39380 Western Avenue, Chevy Chase.«
«Dann hat er also nicht gefunden, was er gesucht hat?«fragte Teddy.
«Sieht so aus, als hätte er alles weggeworfen, was in seinem Postfach war. Wir haben ein Video davon.«
Das Licht wurde gedämpft, und aus der Decke des Raums senkte sich eine Leinwand herab. Man sah einen Parkplatz, ein Taxi und Aaron Lake, der in einem ausgebeulten Jogginganzug die Stufen zu Mailbox America hinauf ging. Sekunden später erschien er wieder und blätterte das Bündel von Briefen durch, das er in der rechten Hand hielt. An der Tür blieb er kurz stehen und warf alles in einen hohen Mülleimer.
«Was für einen Brief erwartet er?«murmelte Teddy.
Lake verließ das Gebäude und stieg wieder in das Taxi. Der Film war zu Ende und das Licht wurde wieder heller.
«Wir sind sicher, dass wir die richtigen Briefe aus dem Mülleimer gefischt haben«, fuhr Deville fort.»Wir waren ein paar Sekunden später dort, und in der Zwischenzeit hat niemand anders das Gebäude betreten oder verlassen. Das war um 12 Uhr 58. Eine Stunde später sind wir reingegangen und haben einen Schlüssel für das Postfach 455 nachgemacht, so dass wir jetzt jederzeit Zugang dazu haben.«
«Seht jeden Tag nach«, sagte Teddy.»Ich will über jeden Brief informiert werden. Die Reklamesendungen interessieren mich nicht, aber wenn irgendetwas anderes kommt, will ich es wissen.«
«In Ordnung. Um ein Uhr zweiundzwanzig ist Mr. Lake durch das Kellerfenster in sein Haus geklettert. Seitdem hat er es nicht mehr verlassen. Er ist jetzt dort.«
«Danke«, sagte Teddy.»Das ist alles. «Deville ging hinaus.
Eine Minute verging. Teddy rührte in seinem Kaffee.»Wie viele Adressen hat er?«
York hatte geahnt, dass diese Frage kommen würde. Er warf einen Blick auf seine Notizen.»Die meisten persönlichen Briefe sind an seine Adresse in Georgetown adressiert. Außerdem hat er noch zwei Adressen auf dem Capitol Hill — die eine ist sein Büro, die andere das Komitee für die Streitkräfte. In Arizona hat er drei Büros. Alles in allem sechs Adressen, von denen wir wissen.«
«Warum braucht er eine siebte?«
«Ich kenne den Grund nicht, aber es kann kein guter sein. Ein Mann, der nichts zu verbergen hat, braucht keinen falschen Namen oder eine geheime Adresse.«
«Wann hat er das Postfach gemietet?«
«Das werden wir noch herausfinden.«
«Möglicherweise, nachdem er sich zur Kandidatur entschlossen hat. Die CIA steuert seine Kampagne, also denkt er vielleicht, dass wir ihn ständig beobachten. Und er möchte ein bisschen Privatsphäre haben — darum das Postfach. Vielleicht hat er eine Freundin, die wir übersehen haben. Vielleicht lässt er sich Pornomagazine oder Videos schicken — irgendwas, das man per Post bekommen kann.«
Nach einer langen Pause sagte York:»Könnte sein. Aber was, wenn er das Postfach schon vor Monaten gemietet hat, lange bevor er sich zur Kandidatur entschieden hat?«
«Dann verbirgt er sich nicht vor uns. Dann verbirgt er etwas vor der Welt, und das muss ein wirklich schreckliches Geheimnis sein.«
Beide dachten schweigend über die Schrecklichkeit von Lakes Geheimnis nach. Keiner wollte Spekulationen anstellen. Sie beschlossen, die Überwachung zu intensivieren. Das Postfach sollte zweimal täglich überprüft werden. Lake würde in ein paar Stunden die Stadt wieder verlassen, um sich in den Wahlkampf für die nächsten Vorwahlen zu stürzen, und sie würden das Postfach ganz für sich allein haben.
Es sei denn, er beauftragte jemand anders, für ihn nachzusehen.
In Washington war Aaron Lake der Mann des Tages. In seinem Büro auf dem Capitol Hill gewährte er den Sendern für ihre morgendlichen Nachrichten großzügig Interviews. Er empfing Senatoren und Abgeordnete, Freunde und frühere Gegner, die ihm ihre freudigen Glückwünsche überbrachten. Er aß mit seinem Wahlkampfstab zu Mittag und hatte danach lange Strategiebesprechungen. Nach einem kurzen Abendessen mit Elaine Tyner, die gute Nachrichten für ihn hatte — beim IVR waren wieder Massen von Geld eingegangen —, verließ er die Stadt und flog nach Syracuse, um sich auf die Vorwahlen in New York vorzubereiten.
Er wurde von einer großen Menschenmenge begrüßt. Immerhin war er jetzt der Favorit.
VIERZEHN
Die Kater wurden häufiger, und als Trevor wieder einmal mühsam die Lider hob und einem neuen Tag ins Auge sah, sagte er sich, das müsse endlich aufhören. Du kannst nicht jede Nacht bei Pete's rumhängen, mit Studentinnen billiges Bier aus Flaschen trinken und dir blödsinnige Basketballspiele ansehen, bloß weil du tausend Dollar darauf gesetzt hast. Gestern Nacht Logan State gegen irgendeine Mannschaft in grünem Dress. Wen interessiert schon Logan State?
Joe Roy Spicer. Spicer hatte fünfhundert Dollar auf sie gesetzt, Trevor hatte tausend draufgelegt und Logan hatte gewonnen. In der vergangenen Woche hatte Spicer zehn von zwölf Gewinnern richtig getippt. Er hatte dreitausend Dollar verdient und Trevor, der sich an ihm orientiert hatte, war um fünftausendfünfhundert Dollar reicher. Die Sportwetten waren profitabler als seine Kanzlei. Und er brauchte sich nicht mal selbst den Kopf zu zerbrechen — jemand anders traf die Auswahl.
Er ging ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, ohne in den Spiegel zu sehen. Die Toilette war seit gestern verstopft, und als er auf der Suche nach einer Saugpumpe durch sein schmutziges Haus tappte, läutete das Telefon. Es war eine Frau aus seiner Vergangenheit, eine Frau die er hasste und die ihn hasste, und als er ihre Stimme hörte, wusste er, dass sie Geld wollte. Er sagte wütend nein, legte auf und ging unter die Dusche. In der Kanzlei war es noch schlimmer. Scheidungsmandanten erschienen in getrennten Wagen, um die Verhandlungen über die Vermögensteilung abzuschließen. Die Dinge, über die sie sich stritten, waren praktisch wertlos — Töpfe, Pfannen, ein Toaster —, aber da sie sonst nichts hatten, stritten sie eben darum. Die
schlimmsten Kämpfe werden um Nichtigkeiten geführt.
Ihr Anwalt kam eine Stunde zu spät und diese Zeit hatten sie genutzt, um vor sich hin zu kochen, bis Jan sie schließlich getrennt hatte. Als Trevor durch die Hintertür in sein Büro trat, saß dort die scheidungswillige Ehefrau.
«Wo zum Teufel haben Sie gesteckt?«rief sie, laut genug, dass ihr Mann es hören konnte. Dieser stürmte ungehindert an Jan vorbei und riss die Tür zu Trevors kleinem Büro auf.
«Wir warten jetzt schon seit einer Stunde!«verkündete er.
«Ruhe, alle beide!«brüllte Trevor. Jan verließ das Haus und die Mandanten schwiegen verdutzt.
«Setzen Sie sich!«brüllte er und sie ließen sich auf die beiden einzigen Stühle sinken.»Sie zahlen hier lumpige fünfhundert Dollar für eine kleine Scheidung und glauben, der Laden gehört Ihnen!«
Sie sahen seine geröteten Augen und sein gerötetes Gesicht und kamen zu dem Schluss, dass es ratsam war, sich nicht mit diesem Mann anzulegen. Das Telefon läutete, doch niemand nahm den Hörer ab. Wieder überkam Trevor Übelkeit und er rannte zur Toilette, wo er sich so leise wie möglich übergab. Die Spülung funktionierte nicht — das Metallventil im Tank klapperte nutzlos.