Ich hab nicht viele gute Erinnerungen, AI. Alle, die mich je geliebt haben, sind inzwischen tot und mein Onkel, der diese Klinik bezahlt, ist sehr reich, aber auch sehr grausam.
Ich brauche so dringend Freunde, AI.
Übrigens habe ich noch einmal fünf Pfund abgenommen, meine Taillenweite ist jetzt 80. Das Foto, das ich dir geschickt habe, ist langsam veraltet. Mir hat mein Gesicht darauf sowieso nicht so gut gefallen: zu viel Fleisch auf den Wangen.
Ich bin jetzt viel schlanker und braun gebrannt. Wir dürfen zwei Stunden am Tag in der Sonne liegen, wenn die Temperaturen es erlauben. Wir sind hier zwar in Florida, aber trotzdem ist es manchmal zu kühl. Ich schicke dir bald ein neues Foto, vielleicht mit nacktem Oberkörper. Ich trainiere wie ein Verrückter mit Hanteln. Ich glaube, das neue Foto wird dir gefallen.
Du hast doch geschrieben, dass du mir auch eins schicken würdest. Ich warte darauf. Bitte vergiss mich nicht, AI. Ich brauche deine Briefe.
Alles Liebe, Ricky
Da York die Aufgabe gehabt hatte, jeden Aspekt von Aaron Lakes Leben unter die Lupe zu nehmen, hatte er das Gefühl, etwas sagen zu müssen, doch ihm fiel nichts ein. Schweigend lasen sie den Brief ein zweites und drittes Mal.
Schließlich brach Deville das Schweigen.»Und das ist der Umschlag«, sagte er und projizierte ihn auf die Leinwand. Er war an Mr. AI Konyers, Mailbox America, adressiert. Der Absender lautete: Ricky, Aladdin North, P.O. Box 44683, Neptune Beach, FL 32233.
«Das ist eine Deckadresse«, sagte Deville.»Es gibt keine Drogenklinik namens Aladdin North, nur einen Eintrag im Telefonbuch, aber wenn man dort anruft, meldet sich ein Auftragsdienst. Wir haben zehn Mal dort angerufen und nachgefragt, aber die Leute vom Auftragsdienst wissen von nichts. Wir haben in jeder Reha- und Drogenklinik in Nord-Florida angerufen, aber niemand hat je von Aladdin North gehört.«
Teddy starrte schweigend an die Wand.
«Wo liegt Neptune Beach?«knurrte York.
«Jacksonville.«
Deville durfte gehen, wurde aber angewiesen, sich in Bereitschaft zu halten. Teddy machte sich auf einem Block mit grünem Papier Notizen.»Es gibt noch andere Briefe und mindestens ein Foto«, sagte er, als wäre dieses Problem eine reine Routineangelegenheit. Panik war etwas, das Teddy Maynard unbekannt war.
«Wir müssen sie finden«, fügte er hinzu.
«Sein Haus ist zwei Mal gründlich durchsucht worden«, sagte York.
«Dann durchsucht es ein drittes Mal. Ich glaube kaum, dass er so was in seinem Büro aufbewahrt.«
«Und wann — «
«Jetzt. Lake ist auf Stimmenfang in Kalifornien. Es eilt, York. Es gibt vielleicht noch mehr geheime Postfächer, noch mehr Männer, die ihm schreiben, wie braun gebrannt sie sind und wie schlank ihre Taille ist.«
«Werden Sie ihn zur Rede stellen?«
«Noch nicht.«
Da man von Mr. Konyers' Handschrift keine Vorlage besaß, machte Deville einen Vorschlag, der Teddy sehr gefieclass="underline" Konyers sollte schreiben, er habe einen neuen Laptop mit eingebautem Drucker. Der erste Entwurf stammte von Deville und York und nach einer Stunde Arbeit und drei Änderungen las er sich so:
Lieber Ricky!
Ich habe deinen Brief vom 22. erhalten; bitte entschuldige, dass ich dir nicht früher geantwortet habe. Ich bin in letzter Zeit ständig unterwegs und habe entsetzlich viel zu tun. Diesen Brief schreibe ich übrigens in 10000 Metern Höhe über dem Golf von Mexiko, unterwegs nach Tampa. Ich benutze einen neuen Laptop, der so klein ist, dass ich ihn fast in die Tasche stecken kann. Ein Wunder der Technik. Der Drucker lässt allerdings zu wünschen übrig. Ich hoffe, dass du alles gut lesen kannst. Wunderbar, die Nachricht von deiner baldigen Entlassung und dem Offenen Haus in Baltimore. Ich habe dort einige geschäftliche Kontakte und bin sicher, dass ich dir helfen kann, einen Job zu finden. Kopf hoch — es sind ja nur noch zwei Monate. Du bist jetzt viel stärker und kannst das Leben genießen. Lass dich nicht entmutigen.
Ich werde dir auf jede erdenkliche Weise helfen, und wenn du in Baltimore bist, werde ich dich besuchen und dir alles zeigen und so weiter.
Ich verspreche, dass ich das nächste Mal schneller antworten werde. Ich kann es kaum erwarten, von dir zu hören.
Alles Liebe,
AI ”
AI war in Eile gewesen und hatte den Brief nicht handschriftlich unterschrieben. Änderungen wurden besprochen und eingefügt — das Schriftstück wurde so sorgfältig ausgearbeitet wie ein Vertrag. Die Endversion wurde auf Briefpapier des Royal Sonesta Hotels in New Orleans gedruckt und in einen dicken, braunen Umschlag gesteckt, in dessen Bodenfalte ein dünner Draht eingearbeitet war. In einer Ecke, die beim Transport geknickt und beschädigt worden zu sein schien, steckte ein winziger Sender, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Sobald er aktiviert war, sendete er drei Tage lang ein 100 Meter weit reichendes Signal aus.
Da AI unterwegs nach Tampa war, erhielt der Umschlag einen Poststempel von Tampa, datiert auf denselben Tag. Das dauerte nicht länger als eine halbe Stunde und wurde unten, in der ersten Etage, von ein paar sehr eigenartigen Leuten aus der Abteilung Dokumente erledigt.
Um vier Uhr nachmittags hielt ein alter, grüner Lieferwagen vor Aaron Lakes Haus in der Thirtyfourth Street, im Schatten eines der zahlreichen Bäume in dieser hübschen Gegend von Georgetown. Die Aufschrift auf der Tür verriet, dass es sich um einen örtlichen Installationsbetrieb handelte. Vier Installateure stiegen aus und luden ihr Werkzeug ab.
Nach ein paar Minuten begann die einzige Nachbarin, die die Männer bemerkt hatte, sich zu langweilen und kehrte zu ihrem Fernseher zurück. Lake war in Kalifornien und der Secret Service hatte ihn begleitet. Sein Haus wurde noch nicht rund um die Uhr bewacht, jedenfalls nicht vom Service. Das würde sich allerdings bald ändern.
Als Tarnung dienten Arbeiten an einem verstopften Abwasserrohr unter dem kleinen Vorgarten — es war etwas, das man reparieren konnte, ohne das Haus zu betreten. Das würde den Secret Service ablenken, falls der vorbei kam.
Doch zwei der Installateure betraten das Haus, und zwar mit eigenen Schlüsseln. Ein weiterer Lieferwagen derselben Firma kam, um Werkzeug zu bringen, und zwei Installateure gesellten sich zu den vier anderen und machten sich an die Arbeit.
Im Haus begannen vier der Agenten mit der mühseligen Suche nach verborgenen Papieren. Sie nahmen sich ein Zimmer nach dem anderen vor und durchsuchten nahe liegende Verstecke ebenso wie die geheimsten Winkel.
Der zweite Wagen fuhr davon und ein dritter kam aus einer anderen Richtung und parkte mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig, wie Lieferwagen es oft tun. Vier weitere Installateure machten sich an die Arbeit und zwei von ihnen verschwanden bald im Haus. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde im Vorgarten ein Scheinwerfer aufgestellt und so ausgerichtet, dass er durch die Fenster ins Haus leuchtete, so dass man das drinnen eingeschaltete Licht nicht bemerkte. Die vier Männer, die draußen geblieben waren, erzählten sich Witze, tranken Kaffee und versuchten, sich warm zu halten. Die Nachbarn, die vorbeigingen, hatten es eilig. Nach sechs Stunden war das Rohr gereinigt, das Haus durchsucht. Man hatte nichts Ungewöhnliches gefunden, jedenfalls keine geheime Mappe mit Briefen von einem Ricky, der in einer Drogenklinik saß. Und auch kein Foto. Die Installateure schalteten den Scheinwerfer aus, packten ihr Werkzeug zusammen und waren wenig später spurlos verschwunden.
Am nächsten Morgen um halb neun, als das Postamt in Neptune Beach öffnete, betrat ein Agent namens Barr die Räumlichkeiten in großer Eile, als käme er zu spät zu einem Termin. Barr war Experte für Schlösser und hatte gestern Nachmittag in Langley fünf Stunden damit verbracht, verschiedene von der amerikanischen Post verwendete Schlosstypen zu studieren. Er hatte vier Passepartout-Schlüssel, von denen einer bestimmt auf das Fach mit der Nummer 44683 passen würde. Wenn nicht, würde Barr das Schloss knacken müssen. Das konnte bis zu einer Minute dauern und würde vielleicht Aufmerksamkeit erregen. Doch der dritte Schlüssel passte und Barr legte den braunen Umschlag mit dem Poststempel vom Vortag, adressiert an Ricky (kein Nachname) in Aladdin North, in das Postfach. Es enthielt bereits zwei andere Briefe und einen Prospekt, den Barr herausnahm. Er schloss die Tür des Fachs, knüllte die Reklamesendung zusammen und warf sie in den Papierkorb.