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Barr und zwei Kollegen warteten geduldig in einem Lieferwagen auf dem Parkplatz. Sie tranken Kaffee und machten Videoaufnahmen von jedem Postkunden. Sie waren 70 Meter von dem Postfach entfernt. Das kleine Empfangsgerät fing das Signal aus dem Umschlag auf und piepte leise. Drüben herrschte ein Kommen und Gehen: eine Schwarze in einem kurzen braunen Kleid, ein Weißer mit Bart und Lederjacke, eine Weiße in einem Jogginganzug, ein Schwarzer in Jeans — allesamt CIA-Agenten, die das Postfach überwachten und nicht wussten, wer den Brief geschrieben hatte und an wen er adressiert war. Ihre Aufgabe war es, denjenigen zu finden, der das Postfach gemietet hatte. Sie fanden ihn nach dem Mittagessen.

Trevor trank sein Mittagessen bei Pete's, beschränkte sich aber auf zwei kühle Biere vom Fass und ein paar Erdnüsse aus der großen Schale, während er bei einem Schlittenhundrennen in Calgary 50 Dollar verlor. Dann kehrte er in seine Kanzlei zurück, machte ein einstündiges Nickerchen und schnarchte dabei so laut, dass seine leidgeprüfte Sekretärin am Ende seine Tür schließen musste. Genau genommen schlug sie die Tür zu, allerdings nicht so laut, dass er aufwachte.

Von Segelbooten träumend machte er sich auf den Weg zum Postamt. Da es ein schöner Tag war, er nichts anderes zu tun hatte und sein Kopf ein bisschen ausgelüftet werden musste, beschloss er, zu Fuß zu gehen. Er war entzückt, vier von diesen kleinen Schätzen im Postfach von Aladdin North zu finden. Er steckte sie sorgfältig in die Innentasche des abgetragenen Seersucker-Jacketts, rückte seine Fliege zurecht und schlenderte in der Gewissheit, dass ein weiterer Zahltag kurz bevorstand, davon.

Er hatte nie die Versuchung verspürt, die Briefe zu lesen. Sollten die Jungs im Knast doch die schmutzige Arbeit tun. Er behielt saubere Hände, schmuggelte die Post hinein und wieder hinaus und kassierte ein Drittel. Außerdem würde Spicer ihm den Kopf abreißen, wenn er Briefe ablieferte, die bereits geöffnet worden waren.

Sieben CIA-Agenten sahen ihn zurück zu seiner Kanzlei schlendern.

Teddy schlief in seinem Rollstuhl, als Deville eintrat. York war nach Hause gegangen; es war nach 22 Uhr. York war verheiratet, Teddy nicht. Deville erstattete Bericht, wobei er hin und wieder einen Blick auf seine Notizen warf.»Der Brief wurde um dreizehn Uhr fünfzig von einem ansässigen Rechtsanwalt namens Trevor Carson abgeholt. Wir sind ihm zu seiner Kanzlei in Neptune Beach gefolgt. Dort ist er achtzig Minuten geblieben. Es ist eine kleine Kanzlei — nur eine Sekretärin, nicht viele Mandanten. Carson ist ein kleiner Fisch, hängt am Strand herum, macht Scheidungen, Immobilienverträge, Kleinkram. Er ist achtundvierzig, mindestens zwei Mal geschieden, stammt aus Pennsylvania, sein College war Furman, studiert hat er an der Florida State. Vor elf Jahren wurde ihm wegen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit ihm anvertrauten Geldern die Zulassung entzogen, er hat sie inzwischen aber zurückerhalten.«

«Schon gut, schon gut«, sagte Teddy.

«Um fünfzehn Uhr dreißig hat er seine Kanzlei verlassen und ist zum Bundesgefängnis in Trumble gefahren. Das hat eine Stunde gedauert. Die Briefe hat er mitgenommen. Wir sind ihm gefolgt, haben aber das Signal verloren, als er reingegangen ist. Seitdem haben wir Material über Trumble zusammengetragen. Es ist ein Gefängnis mit minimaler Bewachung, ein so genanntes Camp. Keine Mauern, keine Zäune, ein Knast für leichte Fälle. Tausend Insassen. Laut einem Beamten in der Vollzugsbehörde hier in Washington ist Carson ein Dauerbesucher. Niemand, auch kein anderer Anwalt, ist so oft dort. Bis vor einem Monat war er ein Mal pro Woche da, inzwischen kommt er drei Mal pro Woche. Manchmal auch vier Mal. Alle Besuche sind offizielle Anwaltsbesuche.«

«Und wer ist sein Mandant?«

«Jedenfalls nicht Ricky. Carson ist der juristische Vertreter von drei Richtern.«

«Von drei Richtern?«

«Ja.«

«Drei Richtern, die im Gefängnis sitzen?«

«Ja. Sie nennen sich die Bruderschaft.«

Teddy schloss die Augen und massierte seine Schläfen. Deville schwieg kurz und fuhr dann fort:»Carson war 45 Minuten im Gefängnis, und als er wieder rauskam, haben wir kein Signal empfangen. Wir hatten inzwischen direkt neben seinem Wagen geparkt. Er ist anderthalb Meter neben unserem

Empfänger vorbeigegangen und wir sind sicher, dass er den Brief nicht mehr hat. Dann sind wir ihm nach Jacksonville gefolgt, zurück zum Strand. Er hat in der Nähe einer Kneipe namens Pete's Bar and Grill geparkt und ist hineingegangen. Wir haben uns den Wagen angesehen und seine Aktentasche gefunden. Es waren acht Briefe an verschiedene Männer im ganzen Land darin. Keine eingehende Post, nur ausgehende. Offenbar schmuggelt Carson sie für seine Mandanten. Vor einer halben Stunde saß er noch immer ziemlich betrunken in der Kneipe und setzte auf College-Basketballspiele.«,

«Ein Versager.«

«Ganz und gar.«,

Der Versager stolperte hinaus, als irgendein Spiel an der Westküste in die zweite Verlängerung ging. Spicer hatte drei von vier Spielen richtig getippt, und da Trevor sich wie immer an ihm orientiert hatte, hatte er heute Abend 1000 Dollar verdient.

Er war zwar betrunken, aber klug genug, sich nicht in seinen Wagen zu setzen. Das Verfahren wegen Trunkenheit am Steuer, das er vor drei Jahren über sich hatte ergehen lassen müssen, war ihm noch in schmerzlicher Erinnerung, und außerdem wimmelte es hier von Cops. Die Restaurants und Bars in der Nähe des Sea Turtle Inn zogen die Jungen und Rastlosen und damit auch die verdammten Cops an.

Das Gehen bereitete ihm gewisse Schwierigkeiten, aber immerhin schaffte er es bis zu seiner Kanzlei. Dazu brauchte er sich bloß in südlicher Richtung zu halten, an den kleinen Sommerhäusern und Alterssitzen vorbei, die dunkel und friedlich dalagen. In der Hand hatte Trevor die Aktentasche mit den Briefen aus Trumble.

Er ging weiter und suchte nach seinem Haus. Ohne irgendeinen Grund überquerte er die Straße und tat dasselbe einen halben Block weiter noch einmal. Es herrschte kein Verkehr. Als Trevor wieder umkehrte, um sich neu zu orientieren, näherte er sich einem Agenten, der sich hinter einen geparkten Wagen ducken musste, bis auf zwanzig Meter. Die Armee der Schatten beobachtete ihn und musste auf einmal befürchten, dass dieser betrunkene Tölpel über einen der Ihren stolperte.

Irgendwann gab er es auf und schaffte es, seine Kanzlei zu finden. Vor dem Eingang suchte er umständlich nach dem Schlüssel, stellte den Aktenkoffer ab und vergaß ihn sogleich. Kaum eine Minute später saß er in dem Drehsessel hinter seinem Schreibtisch und schlief tief und fest. Die Vordertür stand halb offen.

Die Hintertür war die ganze Zeit nicht abgesperrt gewesen. Gemäß den Anweisungen aus Langley hatten Barr und seine Kollegen das ganze Gebäude verdrahtet. Es gab weder eine Alarmanlage noch Schlösser an den Fenstern. Allerdings gab es auch nichts, was einen Einbrecher hätte reizen können. Es war ein Leichtes, die Abhörmikrofone und Transmitter in den Telefonen und an versteckten Stellen zu installieren, umso mehr, als sich offenbar keiner der Nachbarn dafür interessierte, was in den Räumlichkeiten von Rechtsanwalt L. Trevor Carson vor sich ging.

Man öffnete den Aktenkoffer und legte ein Verzeichnis des Inhalts an. In Langley wollte man genau wissen, an wen die Briefe gerichtet waren, die der Anwalt aus Trumble herausgeschmuggelt hatte. Als alles untersucht und fotografiert worden war, stellte man den Aktenkoffer im Flur vor Trevors Büro ab. Das Schnarchen war beeindruckend und unaufhörlich. Gegen zwei Uhr morgens schloss Barr den VW Käfer kurz, der noch bei Pete's Bar and Grill stand. Er fuhr damit durch die leeren Straßen und parkte ihn vor der Kanzlei. In ein paar Stunden würde der betrunkene Anwalt sich die Augen reiben und sich auf die Schulter klopfen, weil er seinen Wagen so sicher nach Hause gefahren hatte. Vielleicht würde er aber auch entsetzt sein, weil er wieder einmal betrunken am Steuer gesessen hatte. Barr und seine Kollegen würden es jedenfalls hören.