Das war mit Schreibmaschine auf einfachem weißem Papier geschrieben, wie die meisten ersten Briefe. Zwischen den Zeilen stand Angst: Angst davor, entblößt zu werden, Angst vor einer Beziehung zu einem vollkommen Fremden. Jeder einzelne Buchstabe, ja sogar sein Name, war maschinengeschrieben.
Rickys erste Antwort war der Standardbrief, den Beech inzwischen hundert Mal geschrieben hatte: Ricky war achtundzwanzig, machte eine Entziehungskur in einer Spezialklinik, hatte eine schreckliche Familie und einen reichen Onkel, und so weiter. Und sie enthielt Dutzende begeisterter Fragen: Was machst du beruflich? Hast du eine Familie? Verreist du gern? Wenn Ricky sein Innerstes preisgab, konnte er umgekehrt dasselbe erwarten. Seit fünf Monaten schrieb Beech immer wieder denselben Mist. Er hätte diesen verdammten Brief am liebsten kopiert, aber das ging natürlich nicht. Stattdessen musste er jeden einzelnen mit der Hand schreiben, auf hübschem pastellfarbenem Papier. Und er hatte AI das Foto geschickt, das auch die anderen bekommen hatten. Dieses Foto war der Köder, den fast alle geschluckt hatten.
Drei Wochen waren vergangen. Am 8. Januar hatte Trevor einen zweiten Brief von AI Konyers gebracht. Er war so steril wie der erste gewesen. Wahrscheinlich hatte Al Gummihandschuhe angezogen, bevor er sich an die Maschine gesetzt hatte.
Lieber Ricky!
Vielen Dank für deinen Brief. Ich muss zugeben, dass du mir anfangs leid getan hast, aber anscheinend hast du dich gut eingefügt und weißt, was du willst. Ich hatte nie Probleme mit Alkohol oder Drogen und darum kann ich deine Situation schwer nachvollziehen. Es klingt allerdings so, als würdest du die denkbar beste Behandlung bekommen. Du solltest nicht so hart über deinen Onkel urteilen. Denk doch mal daran, wo du jetzt wärst, wenn er dir nicht geholfen hätte.
Du hast viele Fragen nach meinen Lebensumständen gestellt. Ich möchte jetzt noch nicht auf mein Privatleben eingehen, auch wenn ich deine Neugier verstehe. Ich war dreißig Jahre lang verheiratet, lebe in Washington, D. C., und arbeite für die Regierung. Meine Arbeit ist anspruchsvoll und erfüllend.
Ich lebe allein. Ich habe nur wenige Freunde und das ist mir auch ganz recht. Wenn ich reise, dann meist nach Asien. Besonders von Tokio bin ich begeistert.
Ich denke an dich, AI Konyers
Über der maschinengeschriebenen Unterschrift stand mit dünnem schwarzem Filzstift» AI«.
Der Brief war aus drei Gründen höchst uninteressant. Erstens war Konyers unverheiratet — jedenfalls sprach er von seiner Ehe in der Vergangenheit. Eine Ehefrau war für die Erpressung jedoch unerlässlich. Man brauchte nur damit zu drohen, der Frau alles zu verraten und ihr Kopien aller Briefe ihres Mannes zu schicken, und schon kam das Geld.
Zweitens arbeitete AI für die Regierung und war darum vermutlich nicht allzu vermögend.
Und drittens hatte AI zu viel Angst. Man musste alles mit der Brechstange aus ihm herausholen. Leute wie Quince Garbe oder Curtis Gates waren da viel angenehmer — sie hatten ihre wahren Neigungen ein Leben lang verborgen und wollten sich nun endlich einmal richtig austoben. Ihre Briefe waren lang und ausführlich und enthielten all die kleinen schmutzigen Informationen, die ein Erpresser brauchte. Bei AI war das anders. AI war ein Langweiler, der nicht wusste, was er wollte.
Also erhöhte Ricky in seinem zweiten Standardbrief, an dem Beech lange gefeilt hatte, den Einsatz: Ricky hatte soeben erfahren, dass er in ein paar Monaten entlassen werden würde! Und er stammte aus Baltimore. Was für ein Zufall! Er würde vielleicht Hilfe brauchen, einen Job zu finden. Sein reicher Onkel war nicht bereit, noch mehr für ihn zu tun, und Ricky fürchtete, ohne Freunde mit dem Leben dort draußen nicht zurecht zu kommen. Seinen alten Freunden konnte er nicht trauen, denn die nahmen noch immer Drogen, und so weiter, und so weiter.
Der Brief blieb unbeantwortet und Beech nahm an, dass AI Konyers Angst bekommen hatte. Ricky würde nach Baltimore kommen, das nur eine Stunde von Washington entfernt war, und das war AI zu nah.
Während sie auf eine Antwort warteten, kam das Geld von Quince Garbe, gefolgt von Curtis' Überweisung. Die Richter machten sich mit neuer Energie an die Arbeit. Ricky schrieb AI den Brief, der von der CIA abgefangen und in Langley analysiert worden war.
AI Konyers' dritter Brief hatte plötzlich einen ganz anderen Ton. Finn Yarber las ihn zwei Mal und verglich ihn mit dem zweiten.»Klingt wie ausgewechselt, nicht?«sagte er.
«Finde ich auch «, antwortete Beech und überflog die beiden Briefe noch einmal.» Mir scheint, der alte Junge möchte unseren Ricky endlich kennen lernen.«
«Ich denke, er arbeitet im Staatsdienst.«
«Das hat er geschrieben.«
«Wieso hat er dann geschäftliche Kontakte in Baltimore?«
«Wir waren doch auch im Staatsdienst, oder?«
«Klar.«
«Wie viel hast du da verdient?«
«Als Oberrichter hundertfünfzigtausend im Jahr.«
«Und ich hundertvierzigtausend. Manche Beamte verdienen sogar noch mehr. Außerdem ist er nicht verheiratet.«
«Das ist ein Problem.«
«Ja, aber wir sollten dran bleiben. Er hat einen hohen Posten, und das heißt, er ist bekannt, und sein Vorgesetzter ist ein wichtiger Mann. Der typische Washingtoner Karrierehengst. Wir werden schon was finden, wo wir ansetzen können.«
«Wir können's versuchen«, sagte Yarber.
Warum auch nicht? Was hatten sie zu verlieren? Was machte es schon, wenn sie ein wenig zu hart an den Wind gingen und AI Angst bekam oder wütend wurde und die Briefe fortwarf? Was man nicht hatte, konnte man auch nicht verlieren.
Hier war viel Geld zu holen und Zurückhaltung zahlte sich nicht aus. Ihre aggressive Taktik führte zu spektakulären Ergebnissen. Mit jeder Woche bekamen sie mehr Post und ihr Kontostand stieg. Die Sache war narrensicher, weil ihre Brieffreunde ein Doppelleben führten und niemanden hatten, bei dem sie sich beklagen konnten.
Die Verhandlungen verliefen zügig, denn der Markt war reif. In Jacksonville waren die Nächte noch kühl und das Meer war nicht warm genug, um darin zu baden. Es würde noch einen Monat dauern, bis die Saison begann. Hunderte kleiner Ferienhäuser standen leer und eines davon befand sich fast genau gegenüber von Trevors Kanzlei. Ein Mann aus Boston bot für zwei Monate 600 Dollar in bar und der Makler griff zu, ohne lange nachzudenken. Das Haus war mit Möbeln ausgestattet, die man auf keinem Flohmarkt hätte verkaufen können. Der alte, abgetretene Teppich verströmte einen muffigen Geruch. Es war das ideale Haus.
Als Erstes schafften die neuen Mieter Gardinen an. Das Haus hatte drei Fenster zur Straße und bereits in den ersten Stunden der Überwachung wurde deutlich, dass Trevor nicht gerade viele Mandanten hatte. So wenig Publikumsverkehr! Wenn es etwas zu tun gab, wurde es meist von Jan, der Sekretärin, erledigt, die im Übrigen viele Illustrierte las.
Andere zogen in aller Stille in das gemietete Haus ein — Männer und Frauen mit alten Koffern und großen Reisetaschen, in denen sich zahlreiche elektronische Geräte befanden. Die wackligen Möbel wurden weggeräumt und die Zimmer, die auf die Straße gingen, füllten sich rasch mit Monitoren und einem Dutzend verschiedener Abhörgeräte.
Trevor hätte eine interessante Fallstudie für Jurastudenten im sechsten Semester abgegeben: Er traf gegen neun Uhr ein und verbrachte die erste Stunde seines Arbeitstages damit, die Zeitung zu lesen. Sein erster Mandant schien nie vor halb elf zu kommen und nach einer anstrengenden halbstündigen Besprechung machte Trevor Mittagspause, und zwar immer in Pete's Bar and Grill. Er nahm stets sein Handy mit, um den Bedienungen seine Wichtigkeit zu demonstrieren, und machte gewöhnlich zwei oder drei unnötige Anrufe bei anderen Rechtsanwälten. Auch mit seinem Buchmacher telefonierte er oft.
Danach ging er zurück zu seiner Kanzlei, vorbei an dem Sommerhaus, in dem die CIA-Agenten saßen und jeden seiner Schritte beobachteten. An seinem Schreibtisch machte er erst einmal ein Nickerchen, aus dem er gegen drei erwachte. Dann kamen zwei Stunden harter Arbeit, nach denen er wieder ein Bier bei Pete's brauchte.