«Und Tschenkow?«
«Ich muss leider sagen, dass wir noch nicht nah genug an ihn herangekommen sind. Aber wir arbeiten daran. In Kürze werden wir jemanden haben, der uns über ihn berichten kann.«
Teddy warf die Unterlagen auf den Schreibtisch und rollte auf Lake zu. Die vielen Falten auf seiner Stirn zogen sich zusammen und die buschigen Brauen senkten sich über seine traurigen Augen.»Hören Sie, Mr. Lake«, sagte er und seine Stimme klang jetzt sehr ernst.»Sie haben diese Wahl in der Tasche. Es wird noch ein, zwei Schlaglöcher geben, Dinge, die wir nicht vorhersehen können, und selbst wenn wir es könnten, würden wir nicht imstande sein, sie zu verhindern. Wir werden sie also gemeinsam durchstehen und der Schaden wird sehr begrenzt sein. Sie sind neu, Mr. Lake, und die Leute mögen Sie. Sie machen das alles sehr gut und kommen hervorragend an. Ihre Botschaft muss einfach sein: Unsere Sicherheit ist in Gefahr und die Welt ist nicht so sicher, wie sie scheint. Ich werde mich um das Geld kümmern und dafür sorgen, dass die Leute Angst haben. Wir hätten diese Rakete auf dem Khyber-Pass in die Luft jagen können. Fünftausend Menschen wären dabei umgekommen, fünftausend Pakistanis. Aber wenn irgendwo in den Bergen eine Atombombe explodiert — glauben Sie, da wacht jemand auf und macht sich Sorgen um den Aktienmarkt? Nie im Leben. Ich werde den Leuten Angst machen, Mr. Lake. Und Sie werden sich aus allem Ärger heraushalten und sich anstrengen.«
«Ich strenge mich an, so sehr ich kann.«
«Strengen Sie sich noch mehr an. Und keine Überraschungen, okay?«
«Bestimmt nicht.«
Lake war sich nicht sicher, was Teddy mit Überraschungen gemeint hatte, fragte aber nicht nach. Vielleicht war es nur ein gut gemeinter väterlicher Rat gewesen.
Teddy rollte wieder zurück. Er drückte einen Knopf und von der Decke senkte sich eine Leinwand herab. Die nächsten zwanzig Minuten verbrachten sie damit, sich die Rohschnitte der kommenden Fernsehspots anzusehen. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Abermals in Kolonne — zwei Kleinbusse vor seinem Wagen, einer hinter ihm — fuhr Lake eilends von Langley zum Reagan National Airport, wo sein Jet wartete. Er wollte eine ruhige Nacht in Georgetown verbringen, zu Hause, wo die Welt auf Distanz blieb und er in Ruhe ein Buch lesen konnte, ohne ständig beobachtet zu werden. Er sehnte sich nach der Anonymität der Straßen, nach den namenlosen Gesichtern, dem arabischen Bäcker in der M Street, der diese ausgezeichneten Bagels machte, nach dem Antiquar in der Wisconsin Avenue, nach dem Cafe, wo man afrikanische Kaffeebohnen röstete. Würde er je wieder wie ein normaler Mensch durch die Straßen schlendern und tun und lassen können, was er wollte? Ihm schwante, dass diese Zeiten vorbei waren, vielleicht für immer.
Als Lakes Flugzeug abgehoben hatte, trat Deville in den Bunker und informierte Teddy, Lake habe keinen Versuch unternommen, nach dem Inhalt seines Postfachs zu sehen. Es war Zeit für den täglichen Bericht über den Lake-Schlamassel. Teddy verbrachte mehr Zeit als geplant damit, sich Sorgen darüber zu machen, was sein Kandidat als Nächstes tun würde.
Die fünf Briefe, die Klockner und seine Leute abgefangen hatten, waren gründlich analysiert worden. Zwei waren von Yarber geschrieben worden, die drei anderen von Beech, der sich als Ricky ausgab. Die fünf Empfänger lebten in verschiedenen Bundesstaaten. Vier von ihnen gebrauchten erfundene Namen; nur einer war mutig genug, sich nicht hinter einem Alias zu verstecken. Die Briefe hatten mehr oder weniger denselben Inhalt: Percy und Ricky waren gefährdete junge Männer, die in einer Drogenklinik saßen und verzweifelt versuchten, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Sie waren talentiert und noch immer zu großen Träumen imstande, brauchten aber die moralische und tatkräftige Unterstützung neuer Freunde, da ihr alter Freundeskreis noch im Drogenmilieu steckte und daher gefährlich war. Sie bekannten freimütig ihre Fehler und Missetaten, ihre Schwächen und Sehnsüchte. Sie malten sich ihr Leben nach der Entlassung aus und schilderten ihre Hoffnungen und Träume, die Dinge, die sie dann tun wollten. Sie waren stolz auf ihre Sonnenbräune und ihre Muskeln und schienen darauf zu brennen, den neuen Freunden ihre attraktiven Körper vorzuführen.
Nur in einem einzigen Brief war von Geld die Rede: Ricky fragte einen Brieffreund in Spokane, Washington, ob er ihm 1000 Dollar leihen könne. Er schrieb, er brauche das Geld, um einige Dinge zu bezahlen, für die sein Onkel nicht aufkommen wolle.
Teddy hatte die Briefe mehr als einmal gelesen. Die Bitte um Geld war bedeutsam, denn sie erhellte, worauf das kleine Spiel der Bruderschaft abzielte. Vielleicht war das Ganze eine kleine Sache, etwas, das ein anderer Gefangener, der seine Zeit in Trumble abgesessen hatte und jetzt wieder größere Dinger drehte, ihnen beigebracht hatte.
Doch die Größe der Beute spielte keine Rolle. Es ging um fleischliche Lust — schlanke Taillen, sonnengebräunte Haut starke Muskeln — und Teddys Kandidat war dabei, sich zu verstricken.
Es gab noch offene Fragen, doch Teddy war geduldig. Man würde die Post überwachen und nach und nach würde man die Antworten finden.
Während Spicer die Tür zum Besprechungszimmer bewachte und durch seine bloße Anwesenheit jeden daran hinderte, den juristischen Teil der Bibliothek zu betreten, machten sich Beech und Yarber an die Beantwortung der Post. An AI Konyers schrieb Beech:
Lieber AI!
Danke für deinen letzten Brief. Es bedeutet für mich so viel, einen Brief von dir zu bekommen. Ich fühle mich, als hätte ich monatelang in einem Kerker verbracht. Deine Briefe sind wie ein Lichtstrahl — sie öffnen mir eine Tür. Bitte schreib mir weiter.
Es tut mir leid, dass ich dich mit so viel persönlichem Zeug gelangweilt habe. Ich respektiere deine Privatsphäre und hoffe, dass ich nicht zu viele Fragen gestellt habe. Du bist ein sensibler Mann, der gern allein ist und die guten Dinge des Lebens zu schätzen weiß. Gestern Nacht habe ich Gangster in Key Largo mit Bogart und Bacall gesehen und an dich gedacht. Ich hatte beinahe den Geschmack von chinesischem Essen auf der Zunge. Das Essen hier ist ganz in Ordnung, aber chinesisch kochen können sie einfach nicht.
Ich habe eine tolle Idee: Wenn ich in zwei Monaten entlassen werde, könnten wir uns doch Casablanca und African Queen ausleihen, chinesisches Essen kommen lassen, eine Flasche alkoholfreien Wein aufmachen und einen gemütlichen Abend auf dem Sofa verbringen. Ich bin so aufgeregt, wenn ich an das Leben draußen denke und an all die Dinge, die ich dann wieder tun kann.
Entschuldige, wenn ich zu schnell bin, AI, aber ich muss hier auf vieles verzichten, und zwar nicht nur auf Alkohol und gutes Essen, wenn du verstehst, was ich meine.
Das Offene Haus in Baltimore nimmt mich auf, wenn ich es schaffe, irgendeinen Teilzeitjob zu finden. Du hast geschrieben, dass du dort geschäftliche Kontakte hast. Ich weiß, dass es eine große Bitte ist, denn schließlich kennst du mich ja noch gar nicht, aber könntest du mir einen Job verschaffen? Ich würde dir ewig dankbar sein.
Bitte schreib mir bald, AI. Deine Briefe und die Hoffnung und der Traum, in zwei Monaten hier rauszukommen und einen Job zu haben, geben mir die Kraft auszuhalten.
Danke! Du bist ein Freund.
Alles Liebe, Ricky
Der Brief an Quince Garbe war in einem ganz anderen Ton gehalten. Beech und Yarber hatten tagelang daran gefeilt. Die Endfassung las sich so:
Lieber Quince!
Deinem Vater gehört eine Bank und du behauptest, du könntest nur 10 000 Dollar aufbringen. Ich glaube, dass du lügst, Quince, und das macht mich wirklich wütend. Ich bin in großer Versuchung, deinem Vater und deiner Frau die Briefe zu schicken.
Also gut. Ich werde mich mit 25 000 Dollar zufrieden geben, wenn du sie sofort überweist, auf dasselbe Konto wie beim ersten Mal.