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«Sie haben fünf Minuten.«

«Nein, wir haben so viel Zeit, wie wir wollen.«

«Sie sind hier in meinem Büro. Hinaus mit Ihnen.«

«Nicht so eilig. Wir wissen einiges.«

«Ich werde den Sicherheitsdienst rufen.«

«Nein, das werden Sie nicht.«

«Wir haben den Brief gelesen«, sagte Wes.»Den Brief, den Sie gerade aus Ihrem Postfach geholt haben.«

«In meinem Postfach waren mehrere Briefe.«

«Aber nur einer von Ricky.«

Quince ließ die Schultern hängen und schloss langsam die Augen. Dann öffnete er sie wieder und sah seine beiden Peiniger mit einem Ausdruck völliger Verzweiflung an.»Wer sind Sie?«murmelte er.

«Jedenfalls keine Feinde.«

«Sie arbeiten für ihn, stimmt's?«

«Für wen?«

«Für Ricky, wer immer das ist.«

«Nein«, sagte Wes.»Wir arbeiten gegen ihn. Sagen wir einfach, wir haben einen Klienten, der mehr oder weniger in derselben Situation ist wie Sie. Er hat uns beauftragt, ihn zu schützen.«

Chap zog einen dicken Umschlag aus der Manteltasche und warf ihn auf den Schreibtisch.»Hier sind fünfundzwanzigtausend Dollar in bar. Überweisen Sie die an Ricky.«

Quince starrte den Umschlag mit offenem Mund an. Ihm gingen so viele Gedanken durch den Kopf, dass ihm schwindelte. Also kniff er die Augen zusammen und versuchte vergeblich, sich zu konzentrieren. Es spielte keine Rolle, wer sie waren. Wie hatten sie den Brief gelesen? Warum boten sie ihm Geld? Wie viel wussten sie?

Er konnte ihnen jedenfalls nicht trauen.

«Das Geld gehört Ihnen«, sagte Wes.»Als Gegenleistung wollen wir einige Informationen.«

«Wer ist Ricky?«fragte Quince und öffnete die Augen einen Spaltbreit.

«Was wissen Sie über ihn?«fragte Chap.

«Dass er nicht Ricky heißt.«

«Stimmt.«

«Dass er im Gefängnis sitzt.«

«Stimmt«, sagte Chap abermals.

«Er behauptet, dass er Frau und Kinder hat.«

«Stimmt zum Teil. Seine Frau ist eine Ex-Frau. Sie haben gemeinsame Kinder.«

«Er behauptet, sie hätten kein Geld, und darum müsse er Leute erpressen.«

«Stimmt nicht ganz. Seine Frau ist ziemlich reich und die Kinder haben sich auf ihre Seite geschlagen. Wir wissen nicht, warum er Leute erpresst.«

«Aber wir wollen, dass er damit aufhört«, fügte Chap hinzu.»Und dazu brauchen wir Ihre Hilfe.«

Quince wurde plötzlich bewusst, dass er zum ersten Mal in den einundfünfzig Jahren seines Lebens zwei Menschen gegenübersaß, die wussten, dass er homosexuell war. Er war entsetzt. Einen Augenblick lang wollte er alles leugnen und eine Geschichte erfinden, wie es zu seinem Briefwechsel mit Ricky gekommen war, doch ihm fiel einfach nichts ein. Er war zu verängstigt, um irgendwelche Ideen zu haben.

Dann wurde ihm bewusst, dass diese beiden Unbekannten ihn ruinieren konnten. Sie kannten sein kleines Geheimnis und hatten die Macht, sein Leben zu zerstören.

Und doch boten sie ihm 25 000 Dollar in bar an.

Der arme Quince bedeckte die Augen mit den Händen und sagte:»Was wollen Sie?«

Chap und Wes dachten, er werde jeden Augenblick losheulen. Nicht dass sie das sehr gestört hätte, aber es bestand keine Notwendigkeit dazu.»Unser Angebot sieht so aus, Mr. Garbe«, sagte Chap.»Sie nehmen das Geld, das da auf Ihrem Schreibtisch liegt, und sagen uns alles, was Sie über Ricky wissen. Sie zeigen uns die Briefe. Sie zeigen uns alles. Wenn das Zeug in einem Schnellhefter oder einer Schachtel oder an irgendeinem geheimen Ort aufbewahrt ist, wollen wir es sehen. Wenn wir haben, was wir brauchen, werden wir so schnell, wie wir gekommen sind, wieder verschwinden und Sie werden nie erfahren, wer wir sind und wen wir schützen.«

«Und Sie werden das Geheimnis bewahren?«

«Absolut.«

«Wir haben keinen Grund, irgendjemandem von Ihnen zu erzählen«, sagte Wes.

«Können Sie ihn dazu bringen aufzuhören?«fragte Quince und starrte sie an.

Chap und Wes sahen einander an. Bisher war alles wie am Schnürchen gelaufen, doch auf diese Frage gab es keine eindeutige Antwort.»Wir können nichts versprechen, Mr. Garbe«, sagte Wes.»Aber wir werden unser Bestes tun, diesem Ricky Manieren beizubringen. Er belästigt, wie gesagt, auch unseren Klienten.«

«Sie müssen mich ebenfalls beschützen.«

«Wir werden tun, was wir können.«

Quince stand unvermittelt auf, beugte sich vor und legte die Hände flach auf den Tisch.»Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, sagte er. Er rührte den Umschlag mit dem Geld nicht an, sondern trat an einen antiken verglasten Schrank, in dem zahlreiche alte Bücher standen. Mit einem Schlüssel öffnete er den Schrank und mit einem anderen eine kleine, versteckte Kassette auf dem zweiten Brett von unten. Vorsichtig entnahm er ihr einen dünnen Schnellhefter, den er behutsam neben den Geldumschlag legte.

Gerade als er den Schnellhefter aufschlug, quäkte eine hohe, schrille Stimme durch die Gegensprechanlage.»Mr. Garbe, Ihr Vater möchte Sie sofort sprechen.«

Quince schrak entsetzt zusammen. Er erbleichte und sein Gesicht verzerrte sich in Panik.

«Äh, sagen Sie ihm, dass ich in einer Besprechung bin«, antwortete er und versuchte erfolglos, bestimmt zu klingen.

«Sagen Sie es ihm«, antwortete seine Sekretärin und schaltete die Sprechanlage ab.

«Entschuldigen Sie mich«, sagte er und rang sich ein Lächeln ab. Er nahm den Hörer, wählte eine dreistellige Nummer und wandte Chap und Wes den Rücken zu, damit sie nicht hörten, was er sagte.

«Dad, ich bin's. Was ist los?«fragte er mit gesenktem Kopf.

Es trat eine lange Pause ein, in der sein Vater ihm allerlei zu sagen hatte.

«Nein, nein, sie sind nicht von der Bundesbank. Sie sind, äh, Anwälte aus Des Moines und vertreten die Familie eines alten Kommilitonen.«>,

Eine kürzere Pause.

«Äh, Franklin Delaney. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an ihn. Er ist vor vier Monaten gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. Ein ziemliches Durcheinander. Nein, Dad, es hat nichts mit der Bank zu tun.«

Er legte auf. Nicht schlecht gelogen. Die Tür war verschlossen. Das war im Augenblick das Wichtigste.

Wes und Chap erhoben sich, traten gemeinsam an den Schreibtisch und beugten sich vor, als Quince den Schnellhefter aufschlug. Das Erste, worauf ihr Blick fiel, war das Foto, das mit einer Büroklammer an der Innenklappe befestigt war. Wes zog es vorsichtig heraus und sagte:»Und so sieht Ricky angeblich aus?«

«Ja«, sagte Quince. Er schämte sich, war aber entschlossen, diese Sache durchzustehen.

«Ein gut aussehender junger Mann«, sagte Chap, als betrachteten sie das Ausklappfoto in einer

Ausgabe des Playboy. Alle drei fühlten sich sogleich sehr unbehaglich.

«Sie wissen, wer Ricky ist, nicht?«fragte Quince.

«Ja.«

«Sagen Sie es mir.«

«Nein, das gehört nicht zu unserer Abmachung.«

«Warum wollen Sie es mir nicht sagen? Ich gebe Ihnen doch alles, was Sie wollen.«

«Weil wir etwas anderes vereinbart haben.«

«Ich will den Scheißkerl umbringen.«

«Entspannen Sie sich, Mr. Garbe. Wir haben eine Abmachung. Sie kriegen das Geld, wir kriegen Ihre Briefe und keinem passiert etwas.«

«Fangen wir noch mal von vorn an«, sagte Chap und musterte den leidenden, mitgenommenen kleinen Mann in dem zu großen Drehsessel.»Wie hat diese Sache angefangen?«

Quince kramte in dem Schnellhefter und zog ein dünnes Magazin hervor.»Das habe ich in einer Buchhandlung in Chicago gekauft«, sagte er und drehte das Heft um, damit sie den Titel lesen konnten. Es hieß Out and About und bezeichnete sich als Zeitschrift für erwachsene Männer mit besonderen Ansprüchen. Er ließ sie das Titelblatt betrachten und blätterte dann zu den hinteren Seiten. Wes und Chap berührten die Zeitschrift nicht, nahmen aber vom Inhalt so viel wie möglich auf. Sehr wenige Bilder, viel klein gedruckter Text. Es handelte sich keineswegs um Pornografie.