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Die Glocke ließ Beech, Yarber und Spicer hochschrecken, doch sie weckte sie nicht. Sie hatten — aus nahe liegenden Gründen — nicht geschlafen. Zwar waren sie in verschiedenen Trakten untergebracht, doch um 10 Minuten nach 6 trafen sie sich in der Schlange vor der Kaffeeausgabe. Wortlos gingen sie mit ihren großen Styroporbechern zum Basketballfeld, setzten sich auf eine Bank und tranken Kaffee. Ihre Blicke schweiften über das Gelände; die Aschenbahn lag in ihrem Rücken.

Wie lange würden sie noch die olivgrünen Hemden tragen, in der Sonne Floridas sitzen, ein paar Cents pro Stunde fürs Nichtstun bezahlt bekommen und nur warten, träumen und zahllose Becher Kaffee trinken? Noch einen Monat, noch zwei? Oder nur noch Tage? Die Ungewissheit raubte ihnen den Schlaf.

«Es gibt nur zwei Möglichkeiten«, sagte Beech. Er war der Bundesrichter, und sie hörten ihm aufmerksam zu, auch wenn diese Frage bereits oft erörtert worden war.»Die erste ist: Man wendet sich an das Gericht, das einen verurteilt hat, und stellt einen Antrag auf Straferlass. Unter ganz bestimmten Umständen kann der Richter einem Häftling die Reststrafe erlassen. Das geschieht allerdings nur sehr selten.«

«Hast du es je getan?«fragte Spicer.

«Nein.«

«Arschloch.«

«Unter welchen Umständen?«wollte Yarber wissen.

«Wenn der Häftling neue Aussagen über alte Verbrechen macht. Wenn er den Behörden hilft, neue, bedeutsame Erkenntnisse zu gewinnen, kann er ein paar Jahre Straferlass kriegen.«

«Nicht sehr ermutigend«, sagte Yarber.

«Und die zweite Möglichkeit?«fragte Spicer.

«Die zweite Möglichkeit ist, uns in ein Offenes Haus zu verlegen, in ein richtig nettes, wo man nicht erwartet, dass wir uns an die Regeln halten. Nur die Strafvollzugsbehörde ist berechtigt, Häftlinge in ein solches Haus zu verlegen. Wenn unsere neuen Freunde in Washington den richtigen Druck ausüben, könnte uns die Behörde verlegen und praktisch vergessen.«

«Kann man so ein Offenes Haus denn einfach verlassen?«fragte Spicer.

«Kommt darauf an. Die sind alle verschieden. Manche werden abends abgeschlossen und haben strenge Regeln. In anderen geht es sehr entspannt zu — man meldet sich einmal am Tag oder einmal pro Woche per Telefon. Die Entscheidung liegt bei der Strafvollzugsbehörde.«

«Aber wir sind immer noch verurteilte Verbrecher«, sagte Spicer.

«Das ist mir egal«, sagte Yarber.»Ich will sowieso nie mehr wählen.«

«Ich habe eine Idee«, sagte Beech.»Ist mir gestern Abend gekommen. Wir könnten doch die Bedingung stellen, dass Lake uns begnadigt, sobald er Präsident ist.«

«Daran hab ich auch schon gedacht«, bemerkte Spicer.

«Ich auch«, sagte Yarber.»Wen interessiert denn, ob wir vorbestraft sind? Das Einzige, was zählt, ist, dass wir rauskommen.«

«Es könnte nicht schaden, mal zu fragen«, sagte Beech. Sie schwiegen für ein paar Minuten und tranken ihren Kaffee.

«Argrow macht mich nervös«, sagte Yarber schließlich.

«Wie meinst du das?«

«Na ja, er taucht auf einmal hier auf und ist im Nu unser bester Freund. Er führt uns ein kleines Zauberkunststück vor und überweist unser Geld an eine sicherere Bank. Und jetzt ist er plötzlich der Verhandlungsführer für Aaron Lake. Vergesst nicht: Irgendjemand hat unsere Post gelesen. Und das war nicht Aaron Lake.«

«Mich stört er nicht«, sagte Spicer.»Lake musste jemanden finden, der mit uns redet. Er hat ein paar Verbindungen spielen lassen und sich umgehört, und so hat er rausgefunden, dass Argrow hier ist und einen Bruder hat, mit dem man sich in Verbindung setzen kann.«

«Sehr praktisch, findest du nicht?«sagte Beech.

«Du traust ihm auch nicht?«

«Vielleicht. Finn hat Recht. Und wir wissen, dass noch irgendjemand bei dieser Sache mitmischt.«

«Das kann uns doch egal sein«, sagte Spicer.»Wenn Lake uns hier rausholen kann, ist doch alles prima. Und wenn uns jemand anders hier rausholen kann, ist mir das auch recht.«

«Denk an Trevor«, sagte Beech.»Er hat zwei Kugeln in den Kopf gekriegt.«

«Dieser Knast ist vielleicht sicherer, als wir dachten.«

Spicer war nicht überzeugt. Er trank seinen Kaffee aus und sagte:»Glaubt ihr wirklich, dass Aaron Lake, der Mann, der Präsident der Vereinigten Staaten werden will, einen Mord an einem miesen kleinen Anwalt wie Trevor in Auftrag geben würde?«

«Nein«, antwortete Yarber.»Das würde er nicht tun. Viel zu riskant. Und er würde uns auch nicht umbringen lassen. Aber der geheimnisvolle Unbekannte würde das sehr wohl tun. Der Typ, der unsere Post gelesen hat, ist derselbe Typ, der Trevor umgebracht hat.«

«Das glaube ich nicht.«.

Sie waren dort, wo Argrow sie zu finden hoffte — in der Bibliothek —, und sie schienen ihn zu erwarten. Er trat eilig ein, und als er sah, dass sie allein waren, sagte er:»Mein Bruder war gerade da. Wir müssen uns unterhalten.«

Sie gingen in das kleine Besprechungszimmer, schlössen die Tür und setzten sich an den Tisch.

«Es wird alles sehr schnell gehen«, sagte Argrow nervös.»Lake will das Geld bezahlen. Es wird überwiesen werden, wohin ihr wollt. Wenn ihr dabei Hilfe braucht, kann ich euch helfen. Wenn nicht, könnt ihr bestimmen, wie es laufen soll.«

Spicer räusperte sich.»Das heißt also zwei Millionen für jeden?«

«Das war doch eure Forderung. Ich kenne Lake nicht, aber offenbar ist er ein Mann schneller Entscheidungen. «Argrow sah auf seine Uhr und blickte über die Schulter zur Tür.»Es sind ein paar Leute aus Washington da, die mit euch reden wollen. Hohe Tiere. «Er zog einige Papiere aus der Tasche, faltete sie auseinander und legte sie vor den dreien auf den Tisch.»Das sind Gnadenerlasse des Präsidenten, gestern unterschrieben.«

Misstrauisch nahmen sie die Papiere und versuchten sie zu lesen. Die Kopien sahen sehr offiziell aus. Sie starrten auf die fett gedruckten Buchstaben des Briefkopfes, lasen die in verschlungener Bürokratensprache formulierten Sätze und die kompakte Unterschrift des Präsidenten und brachten kein Wort heraus. Sie waren wie vor den Kopf geschlagen.

«Wir sind begnadigt?«fragte Yarber schließlich mit belegter Stimme.

«Ja. Vom Präsidenten der Vereinigten Staaten.«

Sie lasen die Erlasse. Sie rutschten hin und her, kauten auf der Unterlippe, bissen die Zähne zusammen und versuchten, ihre Überraschung zu verbergen.

«Man wird euch ins Büro des Direktors holen, wo die Jungs aus Washington euch die frohe Botschaft überbringen werden. Ihr müsst überrascht sein.«

«Kein Problem.«

«Das wird ganz leicht sein.«

«Wie bist du an diese Kopien gekommen?«wollte Yarber wissen.

«Mein Bruder hat sie mir gegeben. Ich weiß nicht, woher er sie hat. Lake hat mächtige Freunde. Dies ist jedenfalls das Angebot: Ihr werdet nach Jacksonville gefahren, in ein Hotel, wo mein Bruder euch erwartet. Dort wartet ihr, bis die Überweisungen bestätigt sind. Anschließend übergebt ihr eure Unterlagen. Sämtliche Unterlagen. Verstanden?«

Sie nickten. Für zwei Millionen Dollar konnte Lake alles haben.

«Ihr seid einverstanden, das Land sofort und für mindestens zwei Jahre zu verlassen.«

«Wie sollen wir das Land verlassen?«fragte Beech.»Wir haben keine Pässe und keine Papiere.«

«Die kriegt ihr von meinem Bruder. Ihr erhaltet neue Identitäten und die dazugehörigen Papiere, inklusive Kreditkarten. Es liegt alles für euch bereit.«

«Für zwei Jahre?«sagte Spicer. Beech sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

«Genau. Für zwei Jahre. Das ist eine der Bedingungen. Einverstanden?«

«Ich weiß nicht. «Spicers Stimme zitterte. Er hatte die Vereinigten Staaten noch nie verlassen.

«Sei kein Idiot«, fuhr Yarber ihn an.»Eine vollständige Begnadigung und eine Million Dollar für jedes Jahr, das du im Ausland verbringst. Na klar, wir nehmen das Angebot an.«