«Wo ist er?«fragte Spicer.
Chap wies auf eine Tür.»Da drüben, in der Ecksuite. Er erwartet Sie.«
«Na dann«, sagte Spicer, und sie folgten Chap. Ihre Reisetaschen stießen aneinander.
Jack Argrow sah seinem Bruder kein bisschen ähnlich. Er war viel kleiner, und sein Haar war blond und wellig, während das seines Bruder dunkel und schütter gewesen war. Es war nur ein flüchtiger Gedanke, der jedem der drei kam und über den sie später sprachen. Er schüttelte ihnen rasch die Hand, doch nur aus Höflichkeit. Argrow war nervös und sprach sehr schnell.»Wie geht's meinem Bruder?«fragte er.
«Ganz gut«, sagte Beech.
«Wir haben heute Morgen noch mit ihm gesprochen«, fügte Yarber hinzu.
«Ich will ihn da raushaben«, sagte Argrow, als wären sie dafür verantwortlich, dass er in Trumble war.»Das kommt für mich bei dieser Sache heraus: Mein Bruder wird aus dem Knast entlassen.«
Sie sahen einander an. Dazu gab es nichts zu sagen.
«Setzen Sie sich«, sagte Argrow.»Also, ich weiß nicht, wie und warum ich in diese Sache hineingeraten bin. Das alles macht mich sehr nervös. Ich vertrete hier Mr. Aaron Lake, einen Mann, der, wie ich glaube, ein großer Präsident werden wird. Ich schätze, wenn er gewählt ist, kann ich meinen Bruder da rausholen. Allerdings habe ich Mr. Lake noch nicht persönlich kennen gelernt. Ein paar seiner Leute sind vor einer Woche an mich herangetreten und haben mich gebeten, in einer sehr geheimen und delikaten Angelegenheit tätig zu werden. Darum bin ich jetzt hier. Ich tue jemandem einen Gefallen, aber ich weiß nicht alles. «Er sprach schnell und abgehackt. Sein Mund und seine Hände waren ständig in Bewegung — er konnte sie nicht ruhig halten.
Die Richter sagten nichts — es gab darauf nichts zu antworten.
Zwei versteckte Kameras fingen die Szene ein und übertrugen sie nach Langley, wo Teddy, York und Deville sie auf einer breiten Leinwand im Bunker verfolgten. Die ehemaligen Richter, jetzt ehemalige Häftlinge, wirkten wie eben in die Freiheit entlassene Kriegsgefangene: schüchtern, verwirrt, noch immer in Uniform, noch immer ungläubig. Sie saßen nebeneinander und sahen Agent Lyter zu, der eine hervorragende Vorstellung gab. Nachdem er drei Monate lang versucht hatte, sie auszumanövrieren und zu überlisten, fand Teddy es faszinierend, die drei endlich vor sich zu sehen.
Er studierte ihre Gesichter und musste sich widerwillig eingestehen, dass er sie ein wenig bewunderte. Sie waren schlau und hatten das Glück gehabt, das richtige Opfer zu erwischen; jetzt waren sie frei, und ihre Raffinesse würde reich belohnt werden.
«Also gut, zunächst mal das Geld«, knurrte Argrow.»Zwei Millionen für jeden. Wohin wollen Sie es überwiesen haben?«
Das war nicht die Art von Frage, mit der sie viel Erfahrung hatten.»Welche Möglichkeiten gibt es?«fragte Spicer.
«Es muss irgendwohin überwiesen werden«, gab Argrow zurück.
«Wie war's mit London?«fragte Yarber.
«London?«
«Wir wollen, dass das Geld — die ganze Summe, also sechs Millionen — auf ein Konto bei einer Londoner Bank überwiesen wird«, sagte Yarber.
«Wir können es überallhin überweisen. Welche Bank?«
«Vielleicht könnten Sie uns bei den Einzelheiten helfen«, sagte Yarber.
«Man hat mir gesagt, dass man auf Ihre Wünsche eingehen wird. Ich muss nur ein paar Anrufe machen. Ich schlage vor, Sie gehen inzwischen in Ihre Zimmer, duschen und ziehen sich um. Ich brauche nur ein Viertelstunde.«
«Aber wir haben nichts anderes anzuziehen«, sagte Beech.
«In Ihren Zimmern liegen Kleider für Sie bereit.«
Chap führte sie durch den Korridor und gab ihnen die Zimmerschlüssel.
Spicer streckte sich auf dem Doppelbett aus und starrte an die Decke. Beech stand am Fenster seines Zimmers und sah nach Norden, wo sich kilometerweit der Strand erstreckte und die blauen Wellen sanft gegen den weißen Sand schlugen. Kinder spielten in der Nähe ihrer Mütter. Paare gingen Hand in Hand. Ein Fischerboot schob sich über den Horizont. Endlich frei, dachte er. Endlich frei.
Yarber nahm eine lange, heiße Dusche — ganz allein, ohne zeitliche Begrenzung. Verschiedene Seifen und dicke, weiche Handtücher lagen bereit. Auf der Ablage vor dem Spiegel stand eine Auswahl von Toilettenartikeln: Deodorant, Rasierseife, Rasierapparat, Zahnpasta, Zahnbürste, Zahnseide. Er ließ sich Zeit und zog dann Bermuda-Shorts, ein weißes T-Shirt und Sandalen an. Er würde so bald wie möglich die Umgebung des Hotels erkunden und ein Geschäft für Herrenoberbekleidung ausfindig machen.
Zwanzig Minuten später fanden sie sich wieder in Argrows Suite ein. Ihre Briefe und Unterlagen brachten sie mit, eingewickelt in einen Kopfkissenbezug. Argrow war so nervös wie zuvor.»Es gibt
in London eine große Bank namens Metropolitan Trust. Wir können das Geld dorthin schicken, und dann können Sie damit machen, was Sie wollen.«
«Gut«, sagte Yarber.»Das Konto soll auf meinen Namen laufen.«
Argrow sah Beech und Spicer an. Die beiden nickten.» Na schön. Ich nehme an, Sie haben sich die Sache gut überlegt. «
«Haben wir«, sagte Spicer.»Mr. Yarber wird heute Nachmittag nach London fliegen, zu dieser Bank fahren und das Geld weiterleiten. Wenn alles in Ordnung ist, werden wir ihm folgen.«
«Ich versichere Ihnen, dass alles nach Ihren Wünschen erledigt werden wird.«
«Das glauben wir Ihnen. Wir sind nur vorsichtig.«
Argrow reichte Yarber zwei Formulare.»Ich brauche Ihre Unterschriften, um das Konto eröffnen und das Geld überweisen zu können. «Yarber unterschrieb.
«Haben Sie schon gegessen?«fragte Argrow.
Sie schüttelten den Kopf. Ja, sie waren hungrig, hatten aber nicht gewusst, wie sie dieses Thema zur Sprache bringen sollten.
«Sie sind jetzt freie Männer. Einige Blocks von hier entfernt gibt es ein paar gute Restaurants. Suchen Sie sich was Nettes aus und lassen Sie sich's schmecken. Ich brauche eine Stunde für die Überweisung. Wir treffen uns um halb drei wieder hier.«
Spicer hielt den Kopfkissenbezug in der Hand. Er schwenkte ihn und sagte:»Hier sind die Unterlagen.«
«Ach ja. Legen Sie sie einfach auf das Sofa da drüben.«
ACHTUNDDREISSIG
Sie verließen das Hotel zu Fuß, ohne Begleitung, ohne Auflagen, aber mit ihren Begnadigungen in der Tasche — für alle Fälle. Obgleich es hier am Strand wärmer war als in Trumble, war die Luft frischer. Der Himmel war blauer. Die Welt war wieder schön. Die Luft war voller Hoffnung. Sie lächelten und freuten sich über alles, was sie sahen. Sie schlenderten den Atlantic Boulevard entlang und waren von den Touristen nicht zu unterscheiden.
Ihr Mittagessen bestand aus Steak und Bier in einem Straßencafe, wo sie unter einem Sonnenschirm saßen und den Passanten zuschauen konnten. Es wurde nur wenig gesagt, aber umso mehr gesehen — vor allem die jungen Frauen in Shorts und dünnen Oberteilen. Im Gefängnis waren die Richter alte Männer gewesen — jetzt hatten sie das Bedürfnis, etwas zu erleben.
Besonders Hatlee Beech hatte dieses Bedürfnis. Er hatte Reichtum, Status und Ehrgeiz gehabt, und darüber hinaus als Bundesrichter etwas, das man eigentlich unmöglich verlieren konnte: eine Ernennung auf Lebenszeit. Er war tief gefallen, hatte alles verloren, und in seinen ersten beiden Jahren in Trumble hatte er sich beinahe ununterbrochen im Würgegriff einer Depression befunden. Er hatte sich schließlich damit abgefunden, dass er dort sterben würde, und ernsthaft an Selbstmord gedacht. Jetzt, im Alter von sechsundfünfzig Jahren, trat er geradezu triumphierend aus der Dunkelheit ins Licht. Er hatte fünfzehn Pfund abgenommen, war gebräunt und in guter körperlicher Verfassung, war von einer Frau geschieden, die zwar Geld besaß, darüber hinaus aber nicht viel zu
bieten hatte, und würde in Kürze ein Vermögen sein Eigen nennen können. Nicht schlecht für einen Mann in mittleren Jahren, dachte er. Seine Kinder fehlten ihm, doch sie hatten sich auf die Seite des Geldes geschlagen und ihn vergessen.