Man ließ ihn eine Stunde lang warten, doch das machte ihm nichts aus. Er war nervös, ließ es sich aber nicht anmerken. Wenn es sein musste, würde er tage-, wochen-, monatelang warten. Er hatte gelernt, geduldig zu sein. Mr. McGregor, der die Überweisung bearbeitet hatte, bat ihn schließlich in sein Büro, entschuldigte sich für die Verzögerung und sagte, das Geld sei gerade eingetroffen. Die sechs Millionen Dollar hatten den Atlantik sicher überquert und befanden sich nun auf britischem Boden.
Allerdings nicht lange.»Ich möchte das Geld in die Schweiz überweisen«, sagte Yarber. Er besaß nicht nur das nötige Selbstbewusstsein, sondern mittlerweile auch die erforderliche Erfahrung.
Am selben Nachmittag flogen Beech und Spicer nach Atlanta. Wie Yarber schlenderten sie, während sie auf den Anschlussflug nach London warteten, durch das Flughafengebäude. Im Flugzeug nahmen sie ihre Plätze in der ersten Klasse ein, genossen ein ausgedehntes Mahl mit den dazugehörigen Getränken, sahen sich einen Film an und versuchten zu schlafen.
Zu ihrer Überraschung erwartete Yarber sie in Heathrow. Er überbrachte ihnen die erfreuliche Nachricht, dass das Geld bereits in die Schweiz weitergeleitet worden war. Die nächste Überraschung war sein Vorschlag, sofort weiterzureisen.
«Die wissen, dass wir hier sind«, sagte er, während sie in einer Flughafenbar Kaffee tranken.»Wir müssen sie abschütteln.«
«Glaubst du, dass sie uns verfolgen?«fragte Beech.
«Damit müssen wir rechnen.«
«Aber warum?«fragte Spicer.
Sie diskutierten den Plan eine halbe Stunde lang und machten sich daran, eine Wahl zu treffen. Schließlich entschieden sie sich für einen Alitalia-Flug nach Rom. Selbstverständlich erster Klasse.
«Spricht man in Rom englisch?«fragte Spicer beim Einchecken.
«Eigentlich spricht man dort italienisch«, sagte Yarber.
«Meinst du, der Papst wird uns empfangen?«
«Der ist wahrscheinlich zu beschäftigt.«
NEUNUNDDREISSIG
Buster fuhr tagelang im Zickzack in Richtung Westen, bis er in San Diego endgültig den Bus verließ. Das Meer zog ihn an — es war die erste große Wasserfläche, die er seit Monaten zu Gesicht bekam. Er hielt sich oft am Hafen auf, fragte nach Handlanger Jobs und unterhielt sich mit Hafenarbeitern und Matrosen. Ein Charterbootkapitän heuerte ihn als Schiffsjungen an, und in dem mexikanischen Städtchen Los Cabos am südlichen Ende der Baja California ging er von Bord. Der Hafen dort war voller teurer Fischerboote — sie waren viel schöner als die, die sein Vater und er verkauft hatten. Er lernte ein paar Kapitäne kennen, und innerhalb von zwei Tagen hatte er einen Job als Matrose. Die Kunden waren reiche Amerikaner aus Kalifornien und Texas, die mehr am Trinken als am Angeln interessiert waren. Buster bekam keine Heuer, strich aber Trinkgelder ein, die umso größer waren, je mehr die Kunden getrunken hatten. An einem schlechten Tag waren es 200 Dollar, an einem guten 500, und alles in bar. Er wohnte in einem billigen Hotel, und nach ein paar Tagen hörte er auf, über seine Schulter zu sehen. Binnen kurzem war Los Cabos seine neue Heimat geworden.
Wilson Argrow wurde ganz plötzlich von Trumble in ein Offenes Haus in Milwaukee verlegt, wo er genau eine Nacht verbrachte, bevor er einfach verschwand. Da er eigentlich nicht existierte, konnte man ihn auch nicht finden. Jack Argrow erwartete ihn am Flughafen, und gemeinsam flogen sie nach Washington, D. C. Zwei Tage nachdem sie Florida verlassen hatten, meldeten sich die Gebrüder Argrow — Kenny Sands und Roger Lyter — in Langley zurück und erhielten einen neuen Auftrag.
Drei Tage vor seiner Abreise zum Parteitag in Denver kam Aaron Lake nach Langley, um mit dem CIA-Direktor zu Mittag zu essen. Es war ein erfreulicher Anlass: Der erfolgreiche Kandidat wollte sich noch einmal bei dem politischen Genie bedanken, das ihn aufgefordert hatte, sich um das Amt des Präsidenten zu bewerben. Die Rede, mit der Lake die Nominierung annehmen würde, war bereits seit einem Monat fertig, aber Teddy hatte noch ein paar Vorschläge, die er erörtern wollte.
Lake wurde in Teddys Büro eskortiert, wo der alte Mann ihn, die Beine wie immer unter einer Decke verborgen, erwartete. Er sah müde und blass aus, fand Lake. Die Assistenten gingen hinaus, die Tür wurde geschlossen, und Lake bemerkte, dass der Tisch nicht gedeckt war. Sie nahmen einander gegenüber und mit wenig Abstand Platz.
Die Rede gefiel Teddy, und er machte nur einige allgemeine Bemerkungen darüber.»Ihre Reden werden zu lang«, sagte er leise. Doch Lake hatte in letzter Zeit so viel zu sagen.
«Wir sind noch dabei, sie zu bearbeiten«, antwortete er.
«Sie haben die Wahl in der Tasche, Mr. Lake«, sagte Teddy ohne große Begeisterung.
«Ich habe ein gutes Gefühl, aber es wird ein harter Kampf werden.«
«Sie werden mit fünfzehn Prozent Vorsprung gewinnen.«
Lake horchte auf. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht.»Das ist, äh, ganz schön viel.«
«Sie liegen in den Umfragen knapp vorn. Nächsten Monat wird der Vizepräsident knapp vorn liegen. So wird es hin und her gehen, bis Mitte Oktober. Dann wird es einen atomaren Zwischenfall geben, der die Welt in Angst und Schrecken versetzen wird. Und Sie, Mr. Lake, werden der Messias sein.«
Diese Aussicht erschreckte selbst den Messias.»Ein Krieg?«fragte Lake leise.
«Nein. Es wird Tote geben, aber es werden keine Amerikaner sein. Man wird Natty Tschenkow die Schuld geben, und die Wähler dieses Landes werden zu den Urnen drängen. Es könnte sein, dass Ihr Vorsprung sogar zwanzig Prozent betragen wird.«
Lake holte tief Luft. Er wollte Fragen stellen, vielleicht auch Einwände gegen das Blutvergießen
erheben, doch er wusste, dass das sinnlos war. Was Teddy für Oktober geplant hatte, wurde bereits vorbereitet, und nichts, was Lake sagen oder tun konnte, würde daran etwas ändern.
«Hämmern Sie es den Leuten ein, Mr. Lake. Bringen Sie Ihre Botschaft rüber: Die Welt wird immer verrückter, und wir müssen militärisch stark sein, um unsere Lebensart zu bewahren.«
«Diese Botschaft hat bislang ja auch gut funktioniert.«
«Ihr Gegner wird zu verzweifelten Mitteln greifen. Er wird Ihnen vorwerfen, Sie hätten außer diesem einen Thema nichts zu bieten, und er wird auf dem Geld herumreiten, das Ihnen zur Verfügung steht. Er wird ein paar Punkte gutmachen, aber das ist kein Grund zur Panik. Im Oktober wird die Welt nicht mehr so sein, wie sie bis dahin war. Vertrauen Sie mir.«
«Das tue ich.«
«Sie haben die Wahl in der Tasche, Mr. Lake. Sie müssen nur immer dieselbe Botschaft verbreiten.«»Das werde ich.«
«Gut. «Teddy schloss die Augen, als wollte er ein kleines Nickerchen machen. Dann öffnete er sie wieder und sagte:»Und jetzt zu etwas ganz anderem. Ich bin ein bisschen neugierig, was Sie tun werden, wenn Sie im Weißen Haus sind.«
Lake war verwirrt — sein Gesicht verriet es.
Teddy setzte seine Attacke fort.»Sie brauchen eine Partnerin, Mr. Lake, eine First Lady, eine Frau, die dem Weißen Haus durch ihre Anwesenheit eine Atmosphäre von Anmut und Eleganz verleiht.
Eine Frau, die die Räume gestaltet, die eine Gastgeberin ist, eine schöne Frau, die jung genug ist, um Kinder zu bekommen. Es ist so lange her, dass Kinder im Weißen Haus waren, Mr. Lake.«
«Sie machen Scherze. «Lake war entsetzt.
«Mir gefällt diese Jayne Cordell aus Ihrem Mitarbeiterstab. Sie ist achtunddreißig, intelligent und wortgewandt und sieht recht gut aus, obwohl sie fünfzehn Pfund abnehmen muss. Ihre Scheidung liegt zwölf Jahre zurück und ist längst vergessen. Ich glaube, sie würde eine gute First Lady abgeben.«