Eine Meile von der Brücke entfernt bemerkte der Konsul eine dichte Staubwolke. Da er von der Richtigkeit der Meldungen seiner Kundschafter überzeugt war, nahm er an, daß sich in der Staubwolke Gallier befanden, die ihre Viehherden aus Angst vor feindlichen Übergriffen von den Weiden trieben. Erst als die Staubwolke nahe herangekommen und ein Rückzug nicht mehr möglich war, sah der Konsul, daß sich feindliche Reiterei darin verbarg. Es waren hagere, dunkelhäutige Männer, die zu sechsen nebeneinander ritten und mit ihren Pferden wie verwachsen waren. Angeführt wurden sie von einem etwa dreißigjährigen Mann mit schwarzem Ringelbart. Er trug einen funkelnden Panzer und einen langen Purpurumhang. Hannibal! durchfuhr es den Konsul, doch bevor er einen Befehl geben konnte, brachen die Numidier in ihr Kriegsgeschrei aus. Die Erde dröhnte unter den Hufen.
Die leichtbewaffneten römischen Fußsoldaten suchten angstvoll Schutz hinter der römischen Reiterei und trugen dadurch Verwirrung in ihre Reihen.
Ein Befehl von Hannibal, und die Numidier änderten in vollem Galopp ihre Richtung und griffen die Römer in der Flanke an. Speere pfiffen durch die Luft. Entsetzensschreie und Schmerzensrufe waren die Folge.
Der junge Publius befand sich noch immer nahe bei seinem Vater. Er sah, daß dieser sein Pferd ruckartig anhielt, in unnatürlicher Bewegung den rechten Ellenbogen hochriß und langsam zu Boden glitt. Die römischen Kavalleristen bildeten einen engen Kreis um den Verwundeten. Aber ihre Reihen lichteten sich, und das Kriegsgeschrei der Numidier klang schon in allernächster Nähe. Da sprengte Publius in rasendem Galopp auf seinen Vater zu, riß den Verwundeten blitzschnell zu sich aufs Pferd und jagte mit ihm dem römischen Lager zu. Seine Wangen brannten, der Wind pfiff ihm um die Ohren, das Herz klopfte vor Aufregung. Rechts und links ritten schützend die Liktoren des Vaters.
Schon kam das römische Lager mit seinem Pfahlzaun in Sicht. Die Posten hoben den Balken, der das Tor ersetzte. Aus den anderen Toren marschierten schwerbewaffnete Infanterieeinheiten. Als die Numidier erkannten, daß sie die Flüchtlinge nicht einholen würden, machten sie kehrt.
Behutsam ließ Publius seinen Vater vom Pferd gleiten und half ihm, sich auf einen Umhang zu legen, den ein Krieger auf der Erde ausgebreitet hatte. Der Legionsarzt kam, nahm dem Konsul die Rüstung ab und hob die blutgetränkte Toga, um ihn zu verbinden.
Der Konsul wandte seinem Sohn das bleiche Gesicht zu.
„Du hast nicht schlecht begonnen, mein Junge!" murmelte er.
Überläufer
Die Floßbrücke, die die Römer noch vor dem Gefecht über den Ticino geschlagen hatten, war unbeschädigt geblieben. Die Räder des Reisewagens ratterten über ihre Bohlen und rollten dann lautlos auf der regenfeuchten Erde weiter.
Publius deckte seinen Vater, der eingeschlafen war, sorgsam mit der Toga zu und sprang von der Kutsche ab. Vor ihm lag der breite Po. Die mit düsterem Wald bestandenen Ufer wirkten so traurig, daß ihm die griechische Sage von dem unbesonnenen Phaethon einfiel, dem Lenker des Sonnenwagens, der einstmals mit seinem Gefährt am Po zur Erde herabgestürzt sein soll. Ob jene Pappeln, die sich dort über den Fluß neigten, vielleicht Phaetons Schwestern waren, die in Pappeln verwandelt wurden und seitdem Bernsteintränen über ihren Bruder vergossen?
Publius vernahm dumpfe Schläge. Die Legionäre zerstörten die Brücke, weil der Feind sie nicht benutzen sollte. Publius wandte sich wieder der Kutsche zu. Der Vater war erwacht. Besorgt musterte er den düsteren Wald und das jenseitige Ufer des Po. Nach der Niederlage am Ticino hatte er es nicht mehr eilig, den Feind zum Kampf zu stellen; im Gegenteil, er bemühte sich, jeder kriegerischen Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen, bis das andere Heer, das vom Konsul Sempronius befehligt wurde, aus Sizilien eingetroffen war.
Am selben Tage erreichten die Römer Piacenza und schlugen dort ihr Lager auf.
Während die Legionäre sich ausruhten, erhielt der Konsul die erfreuliche Nachricht, daß Sempronius sich ihm in Eilmärschen näherte und in Piacenza eintreffen würde, noch bevor Hannibal den Po überqueren konnte.
Doch kurz darauf wurde bekannt, daß sich Hannibal schon mit seinem gesamten Heer diesseits des Po befand. Das war wie ein Wunder. Einige sagten, Hannibal hätte seine Elefanten am Oberlauf des Flusses in einer Reihe aufgestellt, um den Druck der Strömung abzuschwächen, und wäre dann mit allen Truppen hinübergewatet. Andere behaupteten, daß er aus den Booten italischer Gallier eine Brücke gebaut hätte. Auf jeden Fall hatte er es fertiggebracht, in zwei Tagen das zu schaffen, zu jeder andere Feldherr eine Woche gebraucht hätte. Das machte dem Konsul klar, daß Hannibal ihm trotz seiner Jugend an Erfahrung und Talent überlegen war. Er befahl, die Wachen zu verstärken, weil er einen unerwarteten Angriff fürchtete.
Der Angriff fand dort statt, wo ihn niemand erwartete. Bei Tagesanbruch gellten Schreie durch das Lager. Der Konsul eilte aus dem Feldherrnzelt, auf die Schulter seines Sohnes gestützt. Er begriff nicht, was geschehen war. Die Wachen standen auf ihren Posten. Das Tor war geschlossen, die Lagerstraßen leer. Aber in den Zelten ging irgend etwas vor sich. Wer war der unsichtbare Feind, der unbemerkt ins Lager eingedrungen war? Die Hörner bliesen Alarm. Die Krieger rannten zum Feldherrnzelt und formierten sich. Ein Blick auf ihre Reihen genügte, um alles zu begreifen. Die Gallier und ihre römischen Offiziere fehlten. Als die konsultreuen Legionäre zu den Zelten stürzten, stellten sie fest, daß die Gallier spurlos verschwunden waren und die Offiziere als enthauptete Leichen zurückgelassen hatten. Jede Verfolgung war sinnlos. Die Mörder, die sich in dieser Gegend genau auskannten, hatten ihre heimatlichen Wälder schon erreicht.
Ein weiterer Mißerfolg, dessen Folgen noch schwerwiegender sind als die Niederlage am Ticino! dachte der Konsul niedergeschlagen.
Nun gab es an der feindseligen Haltung der Gallier keinen Zweifel mehr. Die Römer konnten sich nur noch auf die eigenen Kräfte verlassen. Schon in der folgenden Nacht verließen Konsul Scipios Legionen das Unglückslager und marschierten zur Trebia, einem Nebenfluß des Po, um sich mit dem Heer des Konsuls Sempronius zu vereinigen.
Zur selben Zeit empfing Hannibal die gallischen Überläufer. Sie traten einzeln vor ihn hin und legten ihm die blutigen Häupter der Römer zu Füßen. Hannibal lächelte ihnen freundlich zu und schenkte jedem eine Handvoll Silbermünzen.
„Geht heim", sagte er. „Mögen eure Eltern sich über die Befreiung ihrer Söhne freuen. Dieses Silber wird euch wohl in eurer Freude kaum stören, nicht wahr?"
Der danebenstehende Dukarion machte ein verständnisloses Gesicht. Solche ausgezeichneten Krieger, die obendrein Überläufer waren und sich deshalb aus Angst vor der Bestrafung niemals in römische Gefangenschaft begeben würden, heimkehren zu lassen! Das war doch Unsinn!
Als die Gallier gegangen waren, betrachtete Hannibal belustigt sein fassungsloses Gesicht. „Wenn diese Leute zu den Ihren heimgekehrt sind, werden sie meine besten Fürsprecher sein", setzte er ihm auseinander. „Jeder von ihnen wird drei, vielleicht sogar vier mitbringen, wenn er zu mir zurückkommt. Du hast mir deine Ergebenheit bewiesen, deshalb ernenne ich dich zum Kommandeur dieser künftigen Truppeneinheit."
Hannibal hatte recht. Nach knapp einer Woche strömte eine gewaltige Menge Krieger auf das karthagische Lager zu.
Und Hannibal nahm alle Ankömmlinge in sein Heer auf. Es waren siebentausend Mann.
Konsul Zeit
Nach altem römischen Brauch wurde der Krieger, der einen Kameraden gerettet hatte, hoch geehrt. Außerdem war der Gerettete verpflichtet, ihn Vater zu nennen und ihm in jeder Beziehung gefällig zu sein. Aber ein Vater kann seinen Sohn schließlich nicht Vater nennen. So mußte sich der junge Publius damit begnügen, daß er den Schikanen seines Zenturios entronnen war und von nun an das Recht hatte, im Feldherrnzelt zu wohnen.