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„Kann ich gehen?" fragte Magon.

„Ja!" Hannibal nickte. „Nein, warte noch!" rief er dann.

Magon blieb stehen. Nichts verriet einem Außenstehenden, daß Hannibal und Magon nicht bloß Feldherr und Untergebener, sondern auch Brüder waren, im Gegenteil - in der Öffentlichkeit behandelte Hannibal seinen Bruder bewußt kühl. Jetzt aber klang seine Stimme überraschend zärtlich.

„Paß gut auf dich auf, Magon. Wir haben noch viele Schlachten vor uns. Stürz dich nicht als erster in den Kampf. Du bist kein Krieger wie jeder andere. Denke daran, was uns der Vater lehrte."

Magon hob den Kopf. Tränen standen ihm in den Augen. Was hatte sie hervorgerufen? Die Erinnerung an den Vater und die ferne Kindheit oder Hannibals überraschende Freundlichkeit?

„Geh und ruh dich aus", murmelte Hannibal. „Auch deine Krieger sollen sich noch ein Stündchen aufs Ohr legen." Er wurde wieder sachlich. „In der Nacht beziehst du die Stellung. Verstanden?" 

Die Schlacht an der Trebia

Ein römischer Legionär war nicht sehr gesprächig. Wenn man ihn fragte, wo er gekämpft und wofür er seine Kriegsmedaillen erhalten hatte und wo er verwundet worden war, erhielt man höchstens ein Gebrumm zur Antwort. Erkundigte man sich dagegen, welche Speisen er in bestimmten Ländern zu sich genommen hatte, wurde er plötzlich ungeheuer lebhaft und entwickelte eine ausgesprochene Rednergabe. Er konnte eine in Milch und Honig gedämpfte Gänseleber, marinierte Oliven oder einen Schweinebraten mit knuspriger Kruste so anschaulich beschreiben, daß seinem Zuhörer das Wasser im Munde zusammenlief. Das war übrigens kein Wunder. Denn woraus bestand das Leben eines Legionärs? Aus den Flüchen des Zenturios, aus Rutenstreichen, Verwundungen, Gefahr für Leib und Leben. Und dieses harte, mühselige Dasein wurde nur durch das Essen verschönt.

Auch an jenem kalten Morgen, als die Krieger des Konsuls Sempronius frierend aus ihren Zelten krochen, dachten sie ans Essen. Was würde ihnen der Koch Mummius - möge Jupiter ihn mit seinem Blitz treffen - heute zum Frühstück geben? Seitdem sie aus dem sonnigen Sizilien in dieses rauhe, unwirtliche Land gekommen waren, hatte er ihnen nur Bohnensuppe vorgesetzt.

„Mummius kocht uns schon bei Lebzeiten den Totenschmaus", sagten die Legionäre.

Denn in Rom war es Sitte, den verstorbenen Ahnen an bestimmten Gedenktagen gekochte Bohnen aufs Grab zu legen.

Aber diesmal roch der dampfende Kupferkessel nicht nach Bohnen, sondern nach Fleisch, und Mummius zwinkerte den Legionären verheißungsvoll zu, als sie sich mit ihrem Kochgeschirr bei ihm einstellten.

Im selben Augenblick erklang das Alarmsignal.

„Antreten!" schrien die Zenturionen.

Wahrhaftig! dachte Sempronius. Die Karthager werden immer unverschämter! Ihre Reiterei treibt sich bereits dicht vor unserem Lager herum, und ihre Speere fliegen bis vor mein Feldherrnzelt. Offensichtlich will mich Hannibal zur Schlacht herausfordern. Kann ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen? Zwar ist es noch reichlich früh am Morgen, und meine Legionäre haben noch nicht gefrühstückt. Doch das ist nicht so wichtig, dann werden sie eben nach der Schlacht mit um so größerem Appetit zu Mittag essen!

Und der Konsul gab das Zeichen zum Angriff. Die Kavallerie und die Infanterie verließen das Lager. Auf Helmen wippten schwarze und rote Federbüsche. Speere und Schwerter blitzten. In Bewunderung betrachtete der Konsul sein eindrucksvolles Heer. Die Karthager hatten sich inzwischen bis zur Trebia zurückgezogen.

Nachts hatte es in den Bergen geregnet. Der Fluß war angeschwollen. Die Legionäre wateten bis zum Gürtel im Wasser. Der Konsul befahl ihnen, sich an den Händen zu halten, damit sie von der starken Strömung nicht fortgerissen wurden; ihre Waffen und Rüstungen ließ er auf Packpferden übersetzen. Als die ganze Legion den Fluß überquert hatte, war es Mittag geworden. Die Sonne schien durch die Regenwolken. Aber sie hatte nicht die Kraft, die Krieger zu trocknen, die von der Kälte und obendrein vom Hunger wie erstarrt waren. Mummius, wo ist deine Bohnensuppe? Die Legionäre sehnten sich nach ihr wie nach dem Vaterhaus. Aber Mummius war mit seinem Kupferkessel am anderen Ufer dieses scheußlichen Flusses zurückgeblieben.

Zur selben Zeit verließ Hannibal mit seinem Heer das karthagische Lager. Seine Krieger waren gesättigt und ausgeruht, sie hatten ihre Pferde gefüttert und sich am Lagerfeuer mit Öl gesalbt.

Sie bildeten eine gerade Reihe. Die Reiterei besetzte die Flanken. Vor dem Heer marschierten die Kampfelefanten auf. Im Zentrum standen die balearischen Schleuderer, dahinter schlossen sich die Afrikaner, Iberer und Gallier an. Die Balearer empfingen die römischen Schützen mit einem so wohlgezielten Steinhagel, daß diese hinter ihrer schweren Infanterie Zuflucht suchten. Diese war durch ihre Helme und Schilde geschützt. Die Balearer konnten ihr nur wenig anhaben. Deshalb setzte Hannibal die Schleuderer gegen die römische Kavallerie ein, die in Verwirrung geriet, als sie mit den Steinen überschüttet wurde, und sich zur Flucht wandte.

Die römischen Infanteristen im Zentrum widerstanden trotz Kälte und Erschöpfung dem Angriff der Elefanten. Sie ließen sie vorbei und stürzten sich dann von beiden Seiten mit Speeren und Wurfspießen auf die erschrockenen Tiere. Diese machten kehrt, und ohne das Können Richads und der anderen Treiber hätten sie die karthagischen Krieger zertrampelt.

Auch an der linken Flanke standen gallische Truppen. Als sie das Signal zum Angriff vernahmen, warfen sie ihre Umhänge ab. Sie wollten die Feinde durch den Anblick ihrer muskulösen Arme erschrecken und ihre Verachtung gegenüber Wunden und Tod kundtun; vielleicht aber fürchteten sie auch, daß die Umhänge am Gesträuch hängenbleiben und sie im Kampf hindern würden. In der ersten Reihe standen Gallier, die alle eine goldene Kette um den Hals trugen - das Zeichen für ihre vornehme Abstammung. Unter ihnen befand sich auch Dukarion. Heute wollte er Rache nehmen für die Versklavung, für die Narben auf seinem Rücken! Rache! Seine Schwerthiebe prasselten. Rache!

Aber der Ausgang der Schlacht wurde von der karthagischen Reiterei entschieden. Sie überrannte die römischen Kavalleristen, trieb sie bis zur Trebia zurück und umzingelte gleichzeitig die römische Infanterie, die im Zentrum immer noch tapfer kämpfte. Dann brachen Magons Reiter aus dem Hinterhalt hervor und griffen die Römer im Rücken an. Magon an der Spitze, auf die Mähne seines Rappens geduckt. Vergessen waren alle Mahnungen des Bruders, sich nicht als erster in den Kampf zu stürzen. Sein Schwert fuhr wie ein Blitzstrahl auf die Feinde nieder.

„Zerschmettere sie, Magon!" flüsterte Hannibal, der die Schlacht von einem Hügel aus beobachtete. „Versenge sie wie unser heißer afrikanischer Wüstenwind!"

Staubwolken verhüllten das Schlachtfeld. Als sie sich zerteilten, sah Hannibal, daß das Ufer der Trebia mit Leichen und zerbrochenen Waffen übersät war. Nur zehntausend Legionären mit Sempronius an der Spitze gelang es, die Umzingelung der Karthager zu durchbrechen und zu entkommen. 

In Hannibals Zelt

Als Dukarion eines Morgens zu Hannibal ging, stand vor dessen Zelt ein Krieger in knöchellangen Hosen und leichtem Umhang. Der Kleidung nach also ein Iberer. Der Unbekannte nahm den Helm ab, und der Morgenwind spielte in seinem rotblonden Haar.

Dukarion kannte alle Freunde Hannibals, die Zugang zu seinem Zelt hatten, aber diesen Rotblonden sah er zum erstenmal.

„Tritt ein, Dukarion!" redete der Mann ihn an und schlug höflich den Zeltvorhang zurück.