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„Bürger!" Der Prätor hob ruhegebietend die Hand. „Es ist euch bekannt, daß unsere ruhmreichen Legionen schon wiederholt gegen Hannibal kämpften. Aber den Meldungen, die die Feldherren an den Senat sandten, ließ sich nicht immer entnehmen, wie die Schlachten ausliefen. Bis gestern glaubten wir noch, daß das römische Heer zwar keinen entscheidenden Sieg errungen, aber auch noch keine Niederlage erlitten hätte."

Publius errötete. Er begriff, was der Prätor meinte. Weder sein Vater noch Sempronius hatten dem Senat die Wahrheit über die Schlacht am Ticino gesagt.

„Jetzt ist Konsul Flaminius tot", fuhr der Prätor fort. „Er kann dem Senat keine Meldung mehr machen. Aber auch wenn er noch lebte, würde es ihm nicht gelingen, den Untergang der Legionen vor dem römischen Volke zu verheimlichen. Unser Staat ist in Gefahr. Nach unseren Gesetzen ist ein Konsul berechtigt, einen Diktator zu ernennen. Doch zur Zeit befindet sich kein Konsul in Rom. Servilius, der einzige jetzt noch lebende Konsul, ist mit seinen Legionen weiter von Rom entfernt als Hannibal. In Anbetracht dessen schlägt der Senat euch vor, einen Diktator zu wählen. Nach sorgfältiger Überlegung haben wir uns für Quin-tus Fabius entschieden. Nun müßt ihr euch darüber klarwerden, ob ihr ihm die Vollmacht eines Diktators übertragen wollt."

Quintus Fabius! Publius kannte diesen gebeugten, kleinen Mann ziemlich genau. An Festtagen pflegte er das gastliche Haus von Publius' Vater häufig zu besuchen. In der lärmenden Runde der Gäste verhielt er sich immer unauffällig. Man erzählte sich, daß er einst in Sizilien und Gallien erfolgreich gekämpft hätte, doch er selber sprach nie von seinen Siegen. Er hörte lieber den anderen zu und machte auch dann ein freundlich aufmerksames Gesicht, wenn die betreffende Geschichte offenkundig erlogen war. Er verlor nie seine Würde, gleichgültig, ob er grüßte, aß, sich die Hände wusch; er heuchelte andererseits aber auch nie. Trotzdem stellte sich Publius den Feldherrn, der Hannibal besiegen würde, anders vor - kraftvoller, entschlossener, furchtloser.

Die Bürger schritten zur Abstimmung. Zuerst traten die Mitglieder der achtzehn Ritterzenturien vor, die reichsten Bürger, die nach altem Brauch verpflichtet waren, ihr eigenes Pferd zu reiten. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings viele Ritter außerstande, sich ohne die Hilfe eines Sklaven aufs Pferd zu schwingen. Sie waren Großgrundbesitzer, Kaufleute, Wucherer und Steuerpächter. Zum Zeichen ihres hohen Ranges trugen sie einen goldenen Ring am Finger.

Nach den Rittern stimmten die Zenturien erster Klasse ab, die Patrizier, zu denen auch Publius gehörte. Sie wählten Quintus Fabius einmütig zum Diktator, und die Zenturien der Plebejer folgten ihrem Beispiel.

Es war üblich, daß der Diktator unmittelbar nach seiner Wahl eine Rede hielt, in der er seinen Mitbürgern für ihr Vertrauen dankte und versprach, sein Bestes zu leisten.

Mit den Wahrzeichen seiner Macht - der Purpurtoga und einem Gefolge von vierundzwanzig Liktoren - trat auch Quintus Fabius vor die Römer hin.

„Bürger!" rief er. „Wir erlitten unsere Niederlagen nicht etwa, weil unsere Brüder und Söhne feige gekämpft haben. Wir erlitten sie, weil wir die Götter mißachteten. Konsul Flaminius hielt es für überflüssig, ihnen Opfer zu bringen und einen günstigen Ausgang der Schlacht von ihnen zu erflehen. Um die Götter zu versöhnen, gelobe ich, ihnen den gesamten Zuwuchs an Ziegen, Ferkeln, Lämmern und Kälbern zu opfern, der in diesem Frühjahr in den Bergen und Tälern, auf den Wiesen und Weiden Italiens das Licht der Welt erblickt."

Die Anklage gegen Flaminius ist lächerlich! dachte Publius. Er ist doch überfallen worden und konnte den Göttern deshalb vor der Schlacht kein Opfer darbringen! Trotzdem ist es sehr klug, was Quintus Fabius sagt. Er will dem Volk einreden, daß Rom nicht durch Hannibals Feldherrnkunst und die Tapferkeit seiner Krieger eine Niederlage erlitt, sondern nur deshalb, weil Flaminius die Götter mißachtete. Dadurch hat Quintus Fabius einen Schuldigen gefunden und gleichzeitig auch Maßnahmen zur Versöhnung der Götter eingeleitet.

Er fuhr aus seinen Gedanken auf. Die Versammlung war beendet, die Römer gingen heim. 

Rast am Ufer der Adria

Die Räder des geschlossenen Wagens, in dem Hannibal den Schlaf der Erschöpfung schlief, ratterten auf etwas Festes und rollten gleichmäßig auf einer ebenen Fläche weiter.

Hannibal erwachte und steckte den Kopf aus der Öffnung.

„Halt!" rief er dem Krieger zu, der die Pferde lenkte. Das war die erste römische Pflasterstraße, die er zu Gesicht bekam. Und sie hieß Flaminische Straße nach dem Manne, der kürzlich in der Schlacht den Tod gefunden hatte. Die Römer bauten gute Straßen. Diese hier sollte Rom mit den gallischen Gebieten verbinden und deren Niederhaltung und Beraubung erleichtern. Die Römer hatten sich schon daran gewöhnt, ganz Italien zu beherrschen, und kamen überhaupt nicht auf den Gedanken, daß auch ein anderer ihre Straßen benutzen könnte. In drei Tagesmärschen hätte Hannibal die verhaßte Stadt, die ihre Straßen nach allen Seiten ausreckte wie ein Krake seine Arme, erreichen können. Aber das war noch zu früh. Seine Leute waren erschöpft, Kleidung und Schuhwerk waren verschlissen, die Pferde lahmten.

„Diese gerade, glatte Straße ist nichts für uns", sagte Hannibal. „Wir müssen einen anderen Weg nach Rom finden."

Nach einigen Stunden weiteren Marsches erblickte das Heer vor sich eine sonnenflimmernde Wasserfläche, die am Horizont mit dem Himmel verschmolz und mit Segeln wie mit Blüten besetzt war. Das Meer! Zum erstenmal nach den monatelangen Märschen durch Gebirge und Wälder hatten die Karthager wieder ihr vertrautes Element vor sich. Das Meer war von allen Seiten ihrer großen Heimatstadt zu sehen, und jetzt schien es seine Kinder mit ausgebreiteten Armen zu empfangen. Das Meer war Karthagos Mutter, und die Flotte war seine Wiege. Deshalb nannten sich auch Hannibals Vorfahren Nomaden der Meere. Mit ihren hochbordigen Segelschiffen bezwangen sie die Stürme, die - verblüfft über die Zähigkeit der Seefahrer - vor ihnen die grauen Häupter ihrer Wogen neigten. In unzähligen Buchten waren karthagische Seefahrer vor Anker gegangen, mit unzähligen Waren hatten sie den gierigen Rachen ihrer Laderäume vollgestopft, gegen unzählige Völker hatten sie gefochten. Häufig brachten sie die Bugspitzen feindlicher Schiffe, die wie die Stoßzähne eines Elefanten gebogen waren, als Siegestrophäen heim. Aber das Meer hatte Karthago verraten, war zu den Römern übergelaufen. Die karthagische Flotte mußte im vorigen Krieg mehrere schwere Niederlagen erleiden. Und die Aegatischen Inseln hatten das größte Unheil - den Untergang von Karthagos Seefahrtsruhm - mit angesehen.

Ja, überlegte Hannibal, es ist sinnlos, das Schicksal noch einmal herauszufordern. Mein Vater Hamilkar hat das als erster erkannt. Er drehte dem Meer den Rücken und versuchte sein Glück an Land. Da Karthago keine Flotte mehr besaß, führte er den Krieg gegen Iberien auf festem Boden. Er schuf das aus vielen Völkerstämmen bestehende Heer und befahl mir, ebenfalls einen Landkrieg zu führen. Es ist doch seltsam! Damals wurden die besten Seeleute der Welt von Landratten besiegt, die noch nie ein Ruder in der Hand gehalten hatten, und jetzt besiegen Seeleute an Land die als unbesiegbar geltenden römischen Landtruppen. Ja, mein Vater hatte recht. Die Meeresgötter haben Karthago verraten und besitzen jetzt neue Günstlinge. Dennoch ist noch nichts verloren. Es gibt noch die Götter der Berge, der Wälder und Steppen. Mit ihrer Hilfe werden wir den Sieg erringen!

Das waren Hannibals Gedanken, während er in Betrachtung des Meeres versunken war.

Die erschöpften Krieger warfen sich am Strand hin und streckten erleichtert die wunden Füße aus. Dumpf brandeten die Wellen gegen die Ufersteine, die manchmal unter dem Wasser verschwanden und dann wieder mit glänzend schwarzem Buckel zum Vorschein kamen. Die Krieger fühlten sich im frischen Seewind wohl. Sie dachten nicht darüber nach, aus welchem Grunde das Meer Karthago verraten hatte.