„Du hast recht", erwiderte Publius. „Die Vorführung eines Faustkampfes geht den Römern über alles. Aber es ist doch die Aufgabe des Theaters, die Zuschauer zu erziehen. Die Griechen nannten es eine Schule für Erwachsene. Um das römische Volk zu belehren, brauchen wir Tragödien und Komödien, die aus seinem Leben gegriffen sind. Rom muß seine eigenen Dichter haben."
„Rom kann keine eigenen Dichter erwarten, solange es die Wahrheit nicht verträgt. Du kennst vermutlich die Komödien des Griechen Aristophanes. Er schrieb sie zu Lebzeiten des athenischen Politikers Kleon, der beim Volk große Achtung genoß. Bei der Uraufführung der Komödie ,Die Ritter' war Kleon zugegen, und in der Gestalt eines frechen Gerbers, der mit den schlimmsten Schimpfworten belegt wird, erkannte er sich wieder. Ganz Athen lachte über ihn. Doch was machte er mit Aristophanes? Ließ er ihn köpfen? Ins Gefängnis werfen? Nichts von alledem, im Gegenteil, er verlieh ihm einen Lorbeerkranz. Aus diesem Grunde hatte Athen einen Aristophanes und auch Tragödiendichter vom Range eines Euripides. Rom dagegen besitzt nur so einen Nachahmet wie den Livius Andronicus."
„Nein, Rom besitzt auch einen Gnaeus Naevius!" widersprach Publius, „und es liebt seine Gedichte. Jetzt erwartet es von ihm ein Poem über den Krieg gegen Hannibal."
„Über diesen Krieg soll mein Enkel schreiben."
„Dein Enkel?" wiederholte Publius verwundert. „Wie alt ist er denn?"
„Einen Monat. Er kam an dem Tag zur Welt, als ich ins Gefängnis geworfen wurde."
„Aber er weiß dann kaum mehr etwas von Hannibal und von den Schlachten, die er schlug! Auch die römischen Feldherren wird er nur noch vom Hörensagen kennen."
„Das bringt ihm nur Vorteile. Es ist ungefährlicher, über Vergangenes zu schreiben. Und noch besser ist es, die Werke der Griechen zu übersetzen. Allerdings muß man sich dabei vorsehen, daß sich ein römischer Patrizier nicht etwa in der Gestalt des prahlerischen Kriegers, dieser typischen Figur der griechischen Komödie, wiedererkennt. Du rätst mir, über den Krieg gegen Hannibal zu schreiben, aber wie soll ich denn die Konsuln Scipio und Sempronius schildern, die ihre Niederlagen als Siege ausgaben?"
Publius wurde rot.
Gnaeus Naevius nahm sein Schweigen als Zustimmung, er fuhr fort: „Ja, Scipio und Sempronius hätten wenig Freude an so einem Poem, falls ich es schreiben würde. Dagegen würde es Hannibal mehr Vergnügen machen, denn er dürfte darin nicht schlecht wegkommen. Ja, es tut mir doch leid, einen so interessanten literarischen Stoff meinem Enkel zu überlassen. Vielleicht befasse ich mich selber damit. Aber wie soll ich über jemanden schreiben, den ich nicht gesehen habe? Was weiß ich von Hannibal? Daß er geschworen hat, ein ewiger Feind Roms zu sein. Und daß er nur ein Auge besitzt."
„Als wir uns begegneten, hatte er noch zwei Augen", erwiderte Publius. „Aber ich weiß von Hannibal auch nicht mehr als du."
„Du sahst Hannibal?" fragte der Dichter erstaunt.
„Publius Scipio der Jüngere soll sich melden", schrie der Ausrufer.
„Publius Scipio der Jüngere!"
Publius erhob sich.
„Leb wohl, ich werde gerufen."
„Du bist der Sohn des ehemaligen Konsuls?" fragte Gnaeus Naevius verblüfft. „Ach, ich Esel. Nie werde ich es mir abgewöhnen können, mich mit fremden Leuten zu unterhalten."
„Keine Sorge!" lachte Publius. „Mich kann die Wahrheit nicht beleidigen. Ich freue mich, dich kennengelernt zu haben, und ich wäre glücklich, wenn wir uns wiedersehen und unser Gespräch fortsetzen könnten. Leb wohl!"
Im römischen Feldlager
Fabius schlenderte an den schnurgeraden Reihen der Leinwandzelte vorüber. Er war nun schon seit einem Monat Diktator, und während der ganzen Zeit hatte er keine einzige ruhige Nacht verbracht. Die Diktatorwürde brachte ihm außer Ehre und Ruhm auch Aufregung und Schlaflosigkeit. Durch die Niederlagen hatte Italien das Vertrauen in die eigene Kraft verloren und sein Schicksal ihm, Fabius, in die Hände gelegt. Es erwartete, daß er es von Hannibals Horden befreite, aber was gab es ihm zu diesem Zweck?
Ein paar tausend im Kriegshandwerk notdürftig ausgebildete Bauernjungen, mit denen er die erfahrenen iberischen und afrikanischen Fußtruppen und obendrein die gefährliche numidische Reiterei besiegen sollte. Auf dem Erdwall stand die dunkle Silhouette eines Postens, der sich auf seinen Speer stützte. Bei diesem Anblick mußte Fabius an seine Jugend denken, die er im römischen Feldlager in Sizilien verbracht hatte. Wie einfach war damals alles für ihn gewesen. Wachablösung und anschließend tiefer Schlaf. Jetzt dagegen kannte er keine Ruhe bei Tag und Nacht, als hätte Italien ihn als immer wachen Dauerposten eingesetzt.
Das römische Feldlager lag auf einem Hügel, von dem man einen weiten Blick auf die Ebene, die verschwommenen Umrisse kleiner Wälder und Weingärten hatte. Vielleicht schlief Hannibal zu dieser Stunde auch nicht und war mit den Vorbereitungen eines neuen Überfalls beschäftigt. Hannibal will den Krieg so schnell wie möglich beenden! sagte sich Fabius. Denn jeder Tag seines Aufenthaltes auf fremdem Boden zehrt an seinen Kräften. Er ist ungeduldig, dieser Afrikaner, er hat heißes, südliches Blut. Im Kampf gegen ihn ist Geduld die beste Waffe. In den Zelten schnarchten die Legionäre. Sie waren erschöpft. Fast täglich mußten sie ein neues Feldlager bauen, Gräben ausschachten, den Erdwall mit Rasenstücken bedecken und mit einem Pfahlzaun absichern. Und wenn einmal kein Lager gebaut wurde, fanden sich genügend andere Arbeiten. Dann mußten sie Korn schroten oder mit einem Gemisch von Kreide und Essig ihre Waffen reinigen. In einem Zelt unterhielten sich zwei Legionäre. Fabius lauschte. „Wie lange sollen wir hier noch hocken wie die Glucke auf dem Nest? Es sieht fast so aus, als wollte das Schäfchen uns bloß zuschauen lassen, wie Hannibal Italien verheert."
Schäfchen! Fabius lächelte trübe. Das war in der Schule mein Spitzname. Den kennt man also hier auch schon.
„Was ist von ihm zu erwarten?" antwortete der andere. „Er würde sich am liebsten hinter den sieben Bergen vor Hannibal verkriechen. Der Kommandeur Minucius dagegen, der ist ein wahrhafter Held. Wenn der Diktator wäre, hätte Hannibal schon längst Reißaus genommen." Langsam ging Fabius zum Feldherrnzelt zurück.
Wer sind diese Leute, die so verächtlich über mich reden? fragte er sich. Bauern oder Hirten? Auf jeden Fall stammen sie aus Italien, und Hannibal hat ihnen Heim und Familie geraubt. Nun warten sie auf den Kampf und vergessen dabei das Los, das Flaminius und sein Heer erlitten. Mögen die Götter ihren Irrtum verzeihen! Es ziemt sich nicht, daß ich zu einem Zeitpunkt, da sich das Schicksal des Vaterlandes entscheidet, den Beleidigten spiele. Schon Flaminius wurde von seinem Ehrgeiz ins Verderben geführt. Meinetwegen sollen die Legionäre mich für einen Feigling oder Verräter halten. Das wird mich nicht umstimmen.
Gegen Morgen ging Fabius zur Ruhe, aber sein Schlaf war nur von kurzer Dauer. Ein lauter Wortwechsel vor dem Zelteingang weckte ihn. Jemand wollte ihn unbedingt sprechen; aber der Posten verwehrte ihm den Eintritt.