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Das war also Masinissas Heimat, mit dem kniehohen Gras, den Wildpferden, der bläulichen Gebirgskette am Horizont! Würden die Vögel, die mit ausgebreiteten Flügeln am Himmel schwebten, Sophonisbe ihre Flügel leihen, dann würde sie sicherlich das Zelt finden, in dem Masinissa auf sie wartete, und dann würde sie niemand mehr trennen! An der Grenze zu Syphax' Herrschaftsbereich wurden Hanno und sein Gefolge von Reitern erwartet. An ihrer Spitze befand sich ein stämmiger, breitschultriger Mann - König Syphax. Er starrte Sophonisbe mit entzückten Blicken an, ohne Hanno zuzuhören, der ihn in wohlgesetzten Worten bat, dem karthagischen Staat eine Kavallerieeinheit zur Verfügung zu stellen. Oh, Vater, dachte Sophonisbe entsetzt, siehst du nicht, begreifst du nicht, daß Menschen, die diesen Ausdruck in den Augen haben, dir mehr als eine Kavallerieeinheit zur Verfügung stellen würden, um ihr Ziel zu erreichen?

Hanno zwinkerte ihr lächelnd zu. Hab keine Angst, Töchterchen, sollte das heißen, ich würde dich niemals mit einem Numidier verheiraten. Aber warum soll man ihm das auf die Nase binden, bevor man genügend Nutzen aus seiner Verliebtheit gezogen hat?

Am selben Tage erschien Wermino bei Publius.

„Mein Vater läßt dir bestellen, daß er eure Bitte ablehnen muß", sagte er kurz.

Das kam so überraschend, daß Publius die Kehle zugeschnürt war. „Aber er hat es uns doch schon zugesagt!" stieß er hervor. „Ich muß ihn sofort sprechen!"

„Das ist unmöglich. Und für dich ist es am besten, Cirta auf dem schnellsten Wege zu verlassen, wenn du nicht gefangengenommen werden willst. Wir erhalten in den nächsten Stunden Besuch aus Karthago." Publius begriff, daß jedes weitere Wort nutzlos sein würde. Offenbar hatte Syphax von Flaminius' Niederlage erfahren oder durch andere Umstände seine Meinung geändert. Jedenfalls mußte Publius so schnell wie möglich den Hafen erreichten, wo ihn Kylon mit dem Schiff erwartete. Als er sich ungefähr eine Meile von Cirta entfernt hatte, hörte er in der Ferne Hufgetrappel.

Man verfolgt mich! dachte er. Als aber die Staubwolke, die von den Pferdehufen aufgewirbelt wurde, näher kam, stellte er fest, daß es sich um zwei- bis dreitausend Reiter handeln mußte. Und, so sagte er sich, es ist unwahrscheinlich, daß man so viele Krieger aussendet, um einen einzigen Mann zu fangen. Trotzdem verließ er zur Sicherheit die Landstraße und legte sich in eine Grube. Von hier aus konnte er alles beobachten, ohne gesehen zu werden.

Die Reiter kamen näher. Es waren Numidier, und an ihrer Spitze ritt ein Karthager, der über seiner Rüstung einen roten Umhang trug. Publius kam das Gesicht bekannt vor. War das Hannibal? Genauso hatte er am Ticino ausgesehen, als die Staubwolke verwehte und er den Römern von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.

Nein, Hannibal konnte sein Heer nicht verlassen. Er befand sich in Italien. Aber wer war dieser Mann, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah? Und auf welche Weise hatte er König Syphax umgestimmt? Und weshalb hatte Syphax sein Versprechen gebrochen? Was war der Grund? 

Hannibal vor den Toren 

Feuer in den Bergen

Die Nacht versprach ruhig zu bleiben.

Die römischen Posten horchten zum Lager der Karthager hinüber. Dort war alles still. Anscheinend hatte Hannibal nicht die Absicht, Kampanien jemals wieder zu verlassen. Es gefiel ihm hier wohl zu gut. Wo würde er auch einen besseren Platz zum Überwintern finden? Allerdings hielt Capua seine Tore noch immer vor ihm verschlossen, aber es war bekannt, daß die capuanischen Bürger nur auf eine gute Gelegenheit warteten, um ihn in die Stadt zu lassen.

Doch was war das? Lichter leuchteten aus der Dunkelheit. Sie wurden immer größer und zahlreicher. Nein, Lagerfeuer waren es nicht. Sie bewegten sich vorwärts. Ein Lichtermeer. Es überflutete das Tal und näherte sich den Berghängen am Hohlweg, auf denen sich viertausend römische Legionäre verschanzt hatten. Sie sollten dem karthagischen Heer den Hohlweg versperren. Ihr Kommandeur sah das Lichtermeer und glaubte, die Feinde wären dabei, bei Fackellicht die Berghänge von hinten zu besetzen und den Römern in den Rücken zu fallen. Um das zu verhindern, teilte er seine Legionäre in zwei Gruppen auf und befahl ihnen, ihre festen Stellungen zu verlassen und zum Angriff vorzugehen.

„Vorwärts! Oder soll ich morgen früh dem Koch befehlen, euch zur Strafe für eure Feigheit Gerstenbrot statt Weizenbrot zu geben?"

Die Legionäre versuchten, an den Hängen hochzuklettern. Aber sie rutschten aus, zerschrammten sich an den Dornensträuchern Arme und Beine. Hier am Hohlweg waren die Hänge steiler als auf der Gegenseite, wo die Karthager aufstiegen. Schon waren sie heran. Die Römer zückten die Wurflanzen. Doch da erstarrten sie vor Verblüffung. Was ihnen entgegengerannt kam, waren keine Menschen, sondern Ochsen, die brennende Reisigbündel auf den Hörnern trugen. Der Wind blies in die Flammen, daß die Funken sprühten. Rasend vor Angst versuchten die Ochsen, das brennende Reisig abzuschütteln. Von hinten klangen die Rufe der Treiber, Peitschengeknall, Kriegsgeschrei. Die Ochsen wurden demnach von den Karthagern bergauf getrieben. Wie sollten die römischen Legionäre mit einem Feind kämpfen, der sich hinter Ochsen verschanzte? Hinter friedlichen Tieren, die es gewohnt waren, vor dem Pflug zu gehen oder Lasten zu ziehen?

Aus Angst vor einer neuen List ergriffen die Römer die Flucht. Aber auf halber Höhe des Berges stießen sie mit der leichten karthagischen Kavallerie zusammen, und nur die Dunkelheit rettete sie vor der gänzlichen Vernichtung.

Auch Quintus Fabius nahm die Feuer in den Bergen wahr, doch mit der ihm eigenen Besonnenheit befahl er seinen Legionären, das Lager nicht zu verlassen. Als es tagte, erkannte er, daß das karthagische Heer den Hohlweg besetzt hielt und seine mit Pferden und Maultieren bespannten Troßwagen in ununterbrochener Schlange hindurchfuhren. Die römischen Truppen dagegen waren spurlos von den Hängen am Hohlweg verschwunden.

Er ließ die flüchtigen Legionäre vor seinem Feldherrnzelt antreten. Mit gesenktem Kopf standen sie da. Ihre Kleidung war zerfetzt, ihre Arme und Beine zerschrammt.

Der Diktator trat vor sie hin, gefolgt von seinen Liktoren, die alle fast einen Kopf größer waren als er.

„Das römische Volk hat mich mit gewaltiger Macht ausgestattet", sagte er und wies auf die Liktoren, die wie immer ihre Rutenbündel mit den Beilen bei sich trugen. „Aber ich werde euch weder zum Tode noch zu demütigenden Strafen verurteilen. Euch kann ich diesen Fehler verzeihen, mir jedoch nicht. Die Götter sollen entscheiden, ob ich der Macht noch würdig bin, mit der mich der Senat und das römische Volk betrauten. Deshalb will ich mich nach Rom begeben und nach altem Brauch die Götter befragen. Minucius wird euch in meiner Abwesenheit befehligen!"

Er drehte sich um und ging langsam in sein Zelt zurück. Die Legionäre blickten ihm verwundert nach.

Unter ihnen stand auch Gnaeus Naevius. Aber er starrte abwesend vor sich hin. Die Einfälle drängten sich in seinem Hirn, die ersten Zeilen fügten sich zu rhythmischem Klang zusammen. Sie kündeten von den nächtlichen Sternen, die über dem Hohlweg standen, von brennenden Reisigbündeln auf den Hörnern brüllender Ochsen, vom Geklirr der Waffen und den leisen Worten des Diktators. Es waren die ersten Verse des großen Poems, das Gnaeus Naevius schreiben würde, falls die Götter ihn am Leben ließen. Denn er hatte erkannt, daß dieser Krieg ebenso bedeutsam war wie jener, den Homer einst in seiner , Ilias" beschrieb.