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Die Nachfahren des trojanischen Helden Äneas, der aus dem brennenden Troja floh und nach langen Irrfahrten in Italien ansässig wurde, kämpfen nun gegen die Nachfahren der Königin Dido, die Karthago gründete und sich später aus Kummer über die Untreue des Äneas freiwillig auf dem Scheiterhaufen verbrannte! stellte Gnaeus Naevius fest. Aber was weiß ich eigentlich von den Nachfahren der Dido? grübelte er weiter. Daß sie schlau und rachsüchtig sind, mehr nicht. Obgleich Homer Grieche war, hat er die Trojaner, die Feinde der Griechen, nicht als Bösewichter geschildert, sondern als mutige, kluge, edle Männer, die ihre Väter, ihre Frauen und Kinder liebten. Auf welche Weise gelang es Homer, sich so tief in seine Feinde hineinzuversetzen? Hat er sich jahrelang bei ihnen aufgehalten, war er Augenzeuge, als der greise König Priamos weinte? All das ist mir unbekannt. Dagegen weiß ich genau, daß ich es nur dann mit Homers Gestaltungskunst aufnehmen kann, wenn ich die Karthager genauer kennenlerne, wenn ich von ihnen mehr sehe als Ochsen mit Feuern auf den Hörnern! 

Der zweite Diktator

Der römische Erdgott Consus liebt es, wenn zur Erntezeit fröhliche Stimmen über die Felder schallen, die Sicheln blinken und die reifen Ähren rauschend zu Boden sinken, wenn in den Scheunen die goldenen Garben aufgetürmt werden und am Schluß die Fuhrwerke durch die Straßen rollen, bespannt mit bekränzten Maultieren und Pferden.

Aber in diesem Jahr konnte er sich an solchen Freuden nicht ergötzen. Eines Nachts verließen die Karthager ihr Lager, Sicheln und Stricke in den Händen. Sie schlichen zu fremden Feldern, um zu ernten, was sie nicht gesät hatten. Doch Consus bestrafte die Diebe.

Ein römischer Chronist müßte jene Nacht tatsächlich nach dem Brauch seines Volkes mit einem weißen Stein - dem Zeichen für ein glückliches Ereignis - vermerken. Als die Karthager, mit Garben schwer beladen, schon fast das Tor ihres Lagers erreicht hatten, blitzten Schwerter über ihren Köpfen. Die Krieger des Minucius, die im Hinterhalt gelegen hatten, fielen über sie her, nahmen ihnen die Beute ab und schlugen sie in die Flucht.

Die Nachricht von diesem Sieg erreichte Rom auf dem schnellsten Weg, und die Volkstribunen, wie man die Vertreter der Plebejer nannte, beriefen sofort eine Versammlung ein.

„Zum Forum! Zum Forum!" schrien die Ausrufer durch die Straßen der Schuster, Kuchenbäcker, Kupferschmiede, Vergolder und Töpfer, denn in Rom wohnten die Handwerker voneinander gesondert.

In ihrer Arbeitskleidung, der kurzen Tunika, noch mit Lehm oder Ruß, mit Kuchenteig oder Teer beschmiert, verließen die Männer ihre Werkstätten und strömten durch die engen, gewundenen Straßen zum Herzen der Stadt, dem römischen Forum.

„Bürger!" begann ein Volkstribun. „Ich beglückwünsche euch zum Siege des Minucius! Als Kommandeur der Reiterei überfiel er mit seinen Truppen die Feinde, die die Dörfer Apuliens verheerten. Dabei wurden über hundert Karthager getötet und ebenso viele gefangengenommen. Unsere Krieger haben bewiesen, daß sie nicht nur imstande sind, befestigte Lager zu bauen und sich verlustlos zurückzuziehen, was der Diktator Fabius offenbar für die wichtigste Aufgabe hält, sondern daß sie es auch verstehen, die Feinde in die Flucht zu schlagen."

Beifall rauschte über den Platz. Die Senatoren, die Fabius umringten, erschraken über diese Mißfallenskundgebung gegen den Diktator. Doch dieser zuckte nicht mit der Wimper.

„Jetzt wißt ihr", fuhr der Volkstribun fort, „wer die Schuld trägt an unserem Unglück und an den Menschenverlusten, die fast jede Familie zu beklagen hat. Es sind die Patrizier! Sie benutzen diesen Krieg, um das Volk seiner Rechte zu berauben, es einem Diktator zu überantworten! Und jetzt ziehen sie den Krieg absichtlich in die Länge, um ihm die Macht zu erhalten. Kaum hat Fabius für kurze Zeit die Truppen verlassen, da errangen sie schon einen Sieg! Wir müssen den Diktator absetzen und einen tüchtigeren Mann an die Spitze des Heeres stellen. Dann könnte sich der Feind keinen Tag länger in Italien halten!"

Beifällige Rufe dröhnten über den Platz.

„Richtig!" riefen die Plebejer. „Fort mit dem Zauderer Fabius!"

Trotz ihrer empörten Rufe erklomm Fabius die Rednertribüne. Die Plebejer ließen ihn nicht zu Wort kommen, beschimpften ihn als Feigling und Verräter. Eindeutig lehnten sie die Art seiner Kriegführung ab.

Nachdenklich blickte Fabius zu ihnen hinab. Daß ihre Geduld erschöpft war, konnte er durchaus verstehen. Hannibals Söldner hatten die Felder der Bauern verheert, deshalb litten die Städter unter der Teuerung, der unausbleiblichen Folge jedes Krieges, dehalb wollten sie eine Entscheidungsschlacht so schnell wie möglich herbeiführen. Aber Fabius wußte, daß dies unmöglich war, denn eine solche Schlacht würde im gegenwärtigen Augenblick nur mit einer weiteren Niederlage enden. Das hatten er und seine Freunde den Römern oft genug gesagt, aber sie glaubten es nicht.

„Ich werde auf diese Beschuldigungen keine Antwort geben", sagte er scharf, als er sich schließlich doch Gehör verschaffen konnte. „Ich habe Minucius das Heer anvertraut mit dem Befehl, sich nicht in eine Schlacht einzulassen. Er hat diesen Befehl nicht ausgeführt und wird dafür bestraft werden. Mehr habe ich nicht zu sagen."

Es erhob sich ein unbeschreiblicher Lärm. Alle wußten, daß ein Diktator die Macht hatte, jeden Bürger in Ketten zu schlagen und ihn ohne Gerichtsverfahren hinzurichten.

„Bürger, laßt Minucius nicht im Stich!" schrie der Volkstribun. „Nehmt Fabius die Macht und übergebt sie dem, der imstande ist, Rom zu retten!"

Daraufhin faßten die Plebejer einen Entschluß, der in der römischen Geschichte einmalig war: Sie wählten Minucius zum zweiten Diktator mit den gleichen Rechten, die Fabius besaß.

Als Fabius wieder bei den Truppen eintraf, platzte Minucius, sein ehemaliger Untergebener, fast vor Stolz.

„Laß uns abwechselnd kommandieren!" schlug er Fabius vor. „Einen Tag ich, einen Tag du." Fabius schüttelte den Kopf.

„Besser ist es, wenn wir die Legionen teilen", erwiderte er. „Ich behalte die erste und vierte, du nimmst die zweite und dritte."

„Wie du willst", stimmte Minucius bereitwillig zu. „Aber merke dir, daß ich mich den Feinden stellen und sie bei jeder Gelegenheit angreifen werde."

„Das ist deine Sache", versetzte Fabius kühl. „Dafür bist du Diktator. Aber vergiß nicht, daß du bisher nur einen Sieg über Fabius errungen hast, nicht aber über Hannibal."

Auf diese Weise gab es nun in der Provinz Apulien zwei römische Lager, aus je zwei Legionen bestehend und von Feldherren befehligt, die miteinander verfeindet waren. Das erfuhr Hannibal schnell. Er beobachtete die Römer ununterbrochen und wartete ungeduldig auf die beste Gelegenheit zur Schlacht.

Zwischen seinem und Minucius' Lager befand sich eine Anhöhe, die mühelos zu besetzen war und sich besonders gut als Standort für ein Lager eignete. Davor lag eine baumlose Ebene, die aber nur von weitem eben wirkte, in Wirklichkeit kleine Gräben und Senken hatte. Nachts befahl Hannibal einem Teil seines Heeres, in diesen Gräben und Senken Stellung zu beziehen, und als der Morgen graute, ließ er eine kleine Truppeneinheit offen die Anhöhe besetzen. Es war kennzeichnend für Hannibals Kriegskunst, daß er seinem Gegner falsche Vorstellungen von seinen Absichten vermittelte.

Als Minucius sah, wie gering die Anzahl der Feinde war, schickte er seine leichte Infanterie und anschließend seine Kavallerie gegen die Anhöhe vor. Dann bemerkte er, daß Hannibal seinen Truppen Verstärkung schickte, und marschierte mit seinem ganzen Heer in Schlachtordnung auf. Er war der festen Überzeugung, daß die Karthager die Anhöhe erstürmen wollten, um ein Feldlager darauf zu errichten.