Es entspann sich eine erbitterte Schlacht. Sie verlief mit wechselndem Erfolg, bis Hannibal den in den Gräben und Senken wartenden Kriegern das Signal zum Angriff gab. Sie sprangen hervor, stürzten sich mit lautem Kampfgeschrei von hinten auf den Feind und vernichteten die Nachhut des römischen Heeres. In den Legionen entstand eine unbeschreibliche Verwirrung.
Vom Wall seines Lagers aus beobachtete Fabius das Geschehen. Als er sah, daß die Römer umzingelt waren und sich ihre Reihen lichteten, schlug er sich wütend aufs Knie.
„Beim Herkules!" rief er. „Minucius stürzt sich schneller ins Verderben, als ich je angenommen hätte. He, Hornist! Blase Alarm!"
Kurz darauf marschierten Fabius' Legionen mit flatternden Feldzeichen aus dem Lager. Die Karthager, die Minucius in den Rücken gefallen waren, sahen sich nun auch von hinten bedroht und ergriffen die Flucht. Das römische Heer war gerettet.
Der Weg ins Verderben
Publius meldete dem Senat das Mißlingen seiner Mission und begab sich anschließend nach Apulien zum Heer. Es wurde nicht mehr von Fabius kommandiert, der sich nach Ablauf seiner sechsmonatigen Dienstzeit als Diktator wieder ins Privatleben zurückgezogen hatte, sondern von zwei neu gewählten Konsuln.
Der Weg nach Apulien führte durch die Provinz Samnien, die von den Karthagern verwüstet worden war. In den Dörfern herrschte die Stille des Todes. Kein Huhn gackerte, kein Schaf blökte, keine Kuh muhte. Vieh und Geflügel waren von den Karthagern weggeschleppt oder von den Dorfbewohnern geschlachtet worden, damit den Feinden kein Proviant in die Hände fiel. Die Frauen, die ihre Wirtschaft mit Hilfe von wenigen überlebenden Sklaven besorgten, betrachteten den Reisenden ängstlich und mißtrauisch. Wann kehren unsere Männer und Söhne zurück? fragten ihre Blicke. Wann wird Italien befreit sein? Im Morgengrauen traf Publius in dem bei Cannae gelegenen römischen Lager ein. Es war eine richtige Stadt. Nur wenige italische Städte hätten es an Bevölkerungszahl mit ihm aufnehmen können.
Viele Legionäre liefen zum Aufidus, um sich mit seinem eiskalten Wasser die Schlaftrunkenheit abzuspülen. Jenseits des Flusses bemerkte Publius den Wall und den Pfahlzaun des kleineren römischen Lagers. Auf der von Posten bewachten Pfahlbrücke, die beide Lager verband, herrschte lebhaftes Kommen und Gehen. Die beiden Lager machten sich kampfbereit.
Vor dem Gerichtsplatz wurde Publius vom Konsul Aemilius Paullus angerufen. Er war schon über vierzig, hatte aber ein faltenloses Gesicht mit sanften runden Augen. Man sah es ihm nicht an, daß er fast sein ganzes Leben dem Kriegsgott Mars geweiht und schon als Jüngling an der Schlacht bei den Aegatischen Inseln teilgenommen hatte.
„Welcher Wind weht dich her, Publius?" fragte er. „Wo ist die Kavallerie des Syphax?"
Über Publius' Bericht schüttelte er niedergeschlagen den Kopf.
„Das ist recht betrüblich", murmelte er. „Selbst tausend Reiter würden uns in der gegenwärtigen Lage einen unersetzlichen Dienst erweisen. Dir ist wohl auch bekannt, daß Hannibals Reiterei die unsrige an Zahl und an Ausbildung weit übertrifft. Die numidischen Reiter sind die besten der Welt." Er seufzte. „Ich bin es müde, mich mit meinem Kollegen Varro herumzustreiten. Er dürstet nach dem Kampf, genau wie seinerzeit Flaminius und Minucius. Hier aber sitzen wir mitten in einer Tiefebene, wo Kavallerieangriffe gefährlicher sind als etwa in den Bergen. Doch das ist Varro vollständig gleichgültig. Schon in Rom, auf dem Forum, als er noch keine Waffen trug, legte er das Datum der nächsten Schlacht fest. Ich habe das Konsulsamt nur auf Bitten des Fabius übernommen. Er hofft, daß es mir gelingen würde, Varro vor dem Abgrund zurückzuhalten, in den ihn die beiden Pferde Ruhmsucht und Dummheit unaufhaltsam ziehen. Aber ich würde wohl eher Hannibal besiegen können als einen Varro, und manchmal habe ich den Eindruck, daß mir hier nur noch meine Liktoren gehorchen!" Er sah Publius von der Seite an.
„Warst du schon bei Varro?"
„Nein", antwortete der junge Mann. „Genügt es nicht, daß ich mit dir gesprochen habe?"
„Aha, du weißt noch nicht, daß wir das Heer abwechselnd kommandieren - einen Tag ich, einen Tag er. Heute ist sein Tag. Deshalb mußt du ihm unbedingt vom Ergebnis deiner Reise berichten."
Publius war gezwungen, eine Weile vor dem Feldherrnzelt zu warten. Varro empfing gerade die Kommandeure, und seine scharfe Stimme drang wiederholt bis nach draußen. Als die Besprechung beendet war, kam er selbst aus dem Zelt.
Vor Publius stand ein hochgewachsener Mann mit harten, wie aus Stein gehauenen Zügen und zerfurchtem rotem Hals. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Zenturio, der sein ganzes Leben beim Militär verbracht hatte. Aber Publius wußte, daß Varro noch nicht lange im Heeresdienst war. Die römischen Plebejer hatten ihn nur deshalb in sein hohes Amt gewählt, weil ihnen seine Schmähreden gegen die Patrizier so gut gefielen. Er hielt das Schlachtfeld für eine Art von Forum, auf dem er wie zu Hause war und wo der Sieg dem gehörte, der die Mehrheit hinter sich hatte. Deshalb verließ er sich darauf, daß sein Heer größer war als das von Hannibal.
„Wozu brauchen wir die Reiter des Syphax!" rief er. „In unseren beiden Feldlagern gibt es achtzigtausend Krieger. Hannibal dagegen hat nur vierzigtausend. Was hätten wir davon, unsere Kavallerie auf zweiundachtzig- oder dreiundachtzigtausend Mann zu erhöhen? Gar nichts!" Er fuchtelte mit den Fäusten. „Sieh dir an, was für ein ebenes Gelände wir hier haben! Trotzdem will Aemilius Paullus unbedingt ins Gebirge umziehen. Blindlings folgt er dem Beispiel des Zauderers, seines Freundes. Doch wie lange sollen wir noch warten! Wie lange sollen wir einer Schlacht ausweichen?"
Während Publius zuhörte, kamen ihm die verwüsteten Dörfer Samniens und die verstörten Blicke seiner Bewohner wieder ins Gedächtnis. Ja, Italien wollte wirklich nicht länger warten, viele tausend Menschen waren Varros Meinung. Alle sagten: Schluß mit dem Abwarten! Es wird Zeit, die Klingen zu kreuzen!
Aber aus welchem Grunde wirkten Varros grobe Stimme und seine Art, mit den Fäusten herumzufuchteln, so abstoßend? Weshalb stellte er Fragen und beantwortete sie selber, ohne seinem Partner Gelegenheit zu geben, auch nur den Mund aufzumachen? Und stand es einem Feldherrn nicht schlecht zu Gesicht, mit bloßen Zahlen zu argumentieren -achtzig, vierzig, dreiundachtzig? Er befand sich doch nicht mehr in der Kneipe seines Vaters, die am Forum lag!
„Morgen ist der Tag des Aemilius Paullus", schloß Varro. „Doch dann bin ich wieder an der Reihe. Merke auf, Jüngling! Bald werden die Hörner Alarm blasen!"
Cannae
Die Ebene, die Hannibal am Vortag von einer Anhöhe aus beobachtet hatte, war vollständig verändert: Das gesamte Gelände zwischen dem großen römischen Lager am diesseitigen Flußufer und dem kleinen Lager am jenseitigen Ufer war angefüllt mit Truppen, deren Waffen in den Strahlen der Morgensonne funkelten.
Im Mittelpunkt des großen römischen Lagers wehte über dem Feldherrnzelt eine flammendrote Fahne. Demnach hatten sich die Römer entschlossen, eine Schlacht zu schlagen, und sie forderten ihn, Hannibal, offen dazu heraus. Immer neue Truppeneinheiten marschierten über die Brücke, die beide Flußufer und auch beide Lager verband. Noch nie hatte Hannibal ein so großes Heer zu Gesicht bekommen. Am Fluß nahm die römische Kavallerie Aufstellung, rechts davon die Infanterie, mehr tief als breit gestaffelt. Der linke Flügel wurde von der Reiterei der römischen Verbündeten gebildet. Aus dem kleinen Lager marschierten leichtbewaffnete Einheiten und stellten sich vor der schweren Infanterie auf.