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„Wir haben ein Sprichwort", murmelte Gnaeus Naevius. „Es lautet: Die Wahrheit muß oft leiden, aber sie stirbt nie."

Hannibal schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ach, ich verstehe! Auch du hast im Kerker gesessen, und deshalb hast du Mitleid mit diesem Manne! Gut, dann verspreche ich dir, ihm die Freiheit zu schenken, vorausgesetzt, daß er seine Schuld öffentlich bereut." Er blickte zu Pacuvius hinüber. „Und jetzt zeige mir eure Stadt. Was ist am sehenswertesten?"

„Das Amphitheater!" erwiderten Pacuvius und Gnaeus Naevius wie aus einem Munde.

Das Amphitheater war ein gewaltiger Bau von der Form einer runden Schale, deren Seitenwände aus den Zuschauerreihen bestanden. In der Mitte befand sich die mit weißem Sand bestreute Arena. Hannibal wurde in die erste Reihe geführt, auf den Ehrenplatz, wo die ausländischen Gesandten und capuanischen Senatoren zu sitzen pflegten.

Die Zuschauer erhoben sich und begrüßten den Verbündeten Capuas mit lautem Beifall. Dann wurde es still. In die Arena kamen zwei Kampfgruppen, die aus je dreißig Gladiatoren bestanden. Die eine Gruppe trug silberbeschlagene Schilde und weiße Kleidung, die andere goldbeschlagene Schilde und rote Kleidung. Die Federbüsche auf ihren Helmen wippten wie Zaubervögel.

Sie marschierten einmal rund um die Arena, stellten sich dann vor Hannibal auf und riefen einige Worte.

„Die Gladiatoren sagen: ,Die Todgeweihten grüßen dich!' Das ist bei ihnen üblich!" erklärte Pacuvius dem karthagischen Feldherrn.

Den Gladiatoren wurden die Waffen ausgehändigt, ein Trompetensignal erklang, und sie stürzten sich aufeinander. Ihre Schwerter sausten wie Blitze durch die Luft. In ihr Kampfgeschrei mischten sich die anfeuernden Rufe der Zuschauer.

Rings um die Arena standen Bedienstete mit Peitschen und Eisenstäben, bereit, jeden Gladiator zu verprügeln, der sich vor dem Kampf drücken wollte.

Nach erbittertem Handgemenge siegten die Gladiatoren mit den Goldschilden. Aber nur sechs von ihnen waren am Leben geblieben. Die Zuschauer applaudierten.

Nachdem die Sieger die Arena verlassen hatten, wurden die Toten hinausgebracht. Mehrere Sklaven harkten die Spuren des blutigen Kampfes weg.

„Halten sich auch die Römer Gladiatoren?" erkundigte sich Hannibal bei Pacuvius.

„Selbstverständlich! Nur haben sie zur Zeit andere Sorgen."

In die Arena kamen jetzt zwei Kämpfer, die Helme mit heruntergelassenem Visier trugen. Der eine hatte einen ebenholzschwarzen Körper, der andere eine weiße Haut.

„Der Äthiopier und der Gallier!" riefen die Zuschauer.

Nach ihrem Freudengeschrei zu urteilen, waren ihnen beide Gladiatoren genau bekannt. Aber sie kämpften nur lässig.

„Peitscht sie!" schrien die Zuschauer erbost.

Die Bediensteten gehorchten. Ihre Peitschen hinterließen auf den Rücken der Gladiatoren lange blutige Spuren.

Hannibal mußte an den Zweikampf denken, den er nach dem Alpenübergang vor seinem Heer veranstaltet hatte. Damals hatten die Kämpfer sich mit mehr Leidenschaft geschlagen, obgleich sie nicht mit Peitschenhieben angetrieben wurden.

„Und was erhält der Sieger?" fragte er Pacuvius.

Der Capuaner begriff nicht. „Du willst wissen, was der Besitzer der Gladiatorenschule erhält?" fragte er zurück.

„Nein, mich interessiert, welche Belohnung der Gladiator erhält, der als Sieger aus diesem Zweikampf hervorgeht."

Der Capuaner lachte. „Vielleicht werden ihm bei seinem nächsten Vergehen die Rutenstreiche erlassen, oder man setzt ihm ein üppiges Festmahl vor."

„Jetzt begreife ich, weshalb sie so lustlos kämpfen", meinte Hannibal.

„Wenn der Sieger die Freiheit erhielte, wären die Leute mit den Peitschen überflüssig."

„Aber ein guter Gladiator ist ein Vermögen wert", wandte Pacuvius ein. „Der Besitzer der Gladiatorenschule riskiert bei jedem Kampf, daß er seine Gladiatoren verliert, und ist heilfroh, wenn wenigstens einer am Leben bleibt. Was hätte er davon, wenn er den Sieger freilassen müßte?" Er besann sich. „Andererseits bist du unser Gast, und es ist mir ein Vergnügen, deine Wünsche zu erfüllen." Er winkte einem Bediensteten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Kurz darauf wurde der Zweikampf unterbrochen, und der Ausrufer verkündete: „Der unter uns weilende große Feldherr Hannibal äußerte den Wunsch, dem Sieger dieses Zweikampfes die Freiheit zu schenken. Pacuvius wird alle Verluste bezahlen, die dem Besitzer der Gladiatorenschule daraus entstehen."

Der Kampf ging weiter. Der Gallier drang auf den Äthiopier ein. Dieser wehrte sich erbittert, wich aber langsam an die Barriere zurück.

Ebenso wie bei dem Gefecht zwischen den Goldschilden und den Silberschilden teilte sich das Amphitheater in zwei Parteien.

„Jag den Äthiopier!" schrien die einen.

„Laß den Gallier nicht so dicht ran!" brüllten die anderen.

Ja, das war ein Kampf, wie ihn weder die Capuaner noch Hannibal jemals gesehen hatten. Damals, am Fuß der Alpen, hatten zwei halbe Kinder miteinander gefochten, von Hunger und Ketten erschöpft. Hier dagegen schlugen sich Männer, die gleich viel Kampferfahrung und Siegeswillen besaßen. Jeder von beiden trug die Freiheit auf der Spitze seines Schwertes.

Allmählich war zu erkennen, daß der Gallier erlahmte. Sein Gesicht und seine Schultern bedeckten sich mit Schweiß, seine Bewegungen wurden unsicher. Er versuchte, dem Äthiopier so schnell wie möglich den entscheidenden Streich zu versetzen. Sein Gegner kämpfte viel ruhiger und kaltblütiger.

Doch was war das? 

Das Schwert krachte gegen den Schild des Äthiopiers. Der rutschte aus. Nein, das war nur eine Finte. Von unten führte er einen kurzen, kraftvollen Schlag. Der Gallier brach zusammen.

Das Amphitheater tobte. Die Zuschauer sprangen von den Plätzen und jubelten dem Sieger zu. Viele warfen ihm Geldstücke und Blumen in die Arena.

Die Vorstellung war beendet. 

Der Raub des Feldzeichens

Erst nach seiner Ankunft in Iberien erkannte Magon, daß die karthagischen Ratsherren ihn hereingelegt hatten, als sie ihn beauftragten, in Iberien ein Heer aufzustellen. Denn sie wußten, daß in Iberien keine Krieger aufzutreiben sein würden.

Kurz vor der denkwürdigen Sitzung im Großen Rat, in der Magon die goldenen Ringe auf den Tisch geschüttet hatte, war eine Botschaft von Hasdrubal eingetroffen, in der er einen Aufstand in Nordiberien meldete. Führer dieses Aufstandes war Alorkes, der Mann, den Hannibal seinerzeit als Sendboten in das belagerte Sagunt gesandt hatte. Alorkes hatte die iberischen Stammesfürsten und die Kapitäne der Schiffe, die in der Ebromündung lagen, gegen Karthago aufgewiegelt. Iberien konnte Hannibal demnach keinesfalls Krieger schicken, es brauchte selber Hilfe. Auch Karthago mußte ihm die Verstärkung versagen, denn kurz nach Magons Abreise zog Syphax gegen die Stadt zu Felde, entweder, weil er sein Bündnis mit Rom erneuert hatte, oder auch, um Hanno zu zwingen, ihm seine Tochter Sophonisbe zur Frau zu geben. Auf jeden Fall hatte er sich wieder in einen Feind Karthagos verwandelt.

Die Römer nutzten Karthagos schwierige Lage aus, um ihre Angriffe in Iberien zu verstärken. Zu den Truppen des Gnaeus Scipio, der sich seit Beginn des Krieges in Iberien aufhielt, stießen die Legionen seines Bruders Publius Scipio, des ehemaligen Konsuls. Offenbar hielten die Römer Iberien für kriegsentscheidend, denn sonst hätten sie sich wohl nicht entschlossen, ihren besten Feldherrn nach Iberien zu schicken, obgleich sie in Italien eine Niederlage nach der anderen erlitten.

Die Römer hatten ihr Lager am Ebro aufgeschlagen, die Karthager fünf Meilen davon entfernt. In den ersten Tagen lieferten sich die Feinde nur kleine, vorbereitende Gefechte. Dann aber entschloß sich Hannibals Bruder Hasdrubal, der das karthagische Heer führte, zur Entscheidungsschlacht. Mittags verließ sein Heer das Lager und marschierte auf den Ebro zu.