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„Nein, Kylon, für eine Reise nach Afrika ist es noch zu früh. Und mit Syphax habe ich auch nichts zu besprechen, zumal er einen neuen Vertrag mit den Karthagern geschlossen hat und sich anschickt, Hannos Tochter zu heiraten. Ich habe ein wichtiges Anliegen an dich. Würdest du für mich nach Neu-Karthago fahren?"

„Daß mir die Augen platzen! Du willst mich in die Höhle des Zyklopen schicken? Dieses Abenteuer des Odysseus gefällt mir aber gar nicht. Du erinnerst dich sicher, daß Odysseus und seine Gefährten von dem Zyklopen, diesem einäugigen Riesen und Menschenfresser, mitsamt den Schafen in der Höhle eingesperrt wurden und nacheinander bei lebendigem Leibe aufgefressen werden sollten. Sie konnten diesem Schicksal nur entrinnen, indem sie ihm sein einziges Auge blendeten und sich dann den ins Freie trottenden Schafen unter den Bauch banden. Der Zyklop hockte nämlich am Ausgang und betastete den Rücken jedes hinausgehenden Tieres, um zu verhindern, daß Odysseus und seine Männer die Flucht ergriffen. - Nein, Feldherr, wenn ich überhaupt ein Abenteuer des Odysseus erleben muß, dann lieber das mit der wunderschönen Zauberin Circe, obgleich auch dabei die Gefahr besteht, daß sie mich in ein Schwein verwandelt, genau wie seinerzeit die Gefährten des Odysseus."

„Du bist wahrhaftig nicht auf den Mund gefallen, Kylon. Aber zur Circe kannst du wohl nach deiner Rückkehr aus Neu-Karthago auf eigene Rechnung reisen."

„Und was sucht Rom in der Höhle des Zyklopen?"

„Du sollst feststellen, ob der Zyklop zu Hause ist, und wenn nicht, wie viele Schafe er in seiner Höhle zurückgelassen hat."

„Aha, ich verstehe!" Kylon lachte. „Du willst wissen, ob Hasdrubal in Neu-Karthago ist, und wenn nicht, wie viele Truppen er dort stationiert hat. Und was geschieht, wenn die Karthager mich festnehmen und ums Leben bringen?"

„Odysseus hatte größere Gefahren zu bestehen, trotzdem ist er zu seiner heimatlichen Insel Ithaka zurückgekehrt."

„Ja, aber bettelarm!" wandte Kylon ein.

„In dieser Beziehung kannst du unbesorgt sein. Dich erwartet eine Belohnung, zehnmal größer als jene, die du beim vorigen Mal erhieltest."

„Gut, einverstanden. Aber du mußt mir außer dem Geld noch hundert Krüge mit Öl geben."

„Was willst du mit soviel Öl? Das kannst du doch in deinem ganzen Leben weder aufessen noch als Brennöl verbrauchen! Oder hast du die Absicht, ein Schnelläufer zu werden, und willst dich mit dem Öl salben?"

„Nein, ich will dein Öl weder essen noch verbrennen. Und was den Schnelläufer betrifft, so kann ich dir versichern, daß mich Silbermünzen mehr reizen als der Siegeslorbeer eines Sportlers. Ich will das Öl verkaufen. Paß mal auf!"

Er schob sich das dünne Haar in die Stirn und machte das einschmeichelnde Gesicht eines geschäftstüchtigen Markthändlers.

„Frisches Öl! Das beste Öl am Platze! Brennt, ohne zu qualmen! Kauf mein Öl, du Schöne! Geh nicht vorüber!"

„Ein waschechter Markthändler!" Publius lachte.

„Salbst du dich mit meinem Öl, dann wirst du jünger!" krähte Kylon. Dann wurde er sachlich: „Erwarte mich in einer Woche zurück. Falls ich aber ausbleiben sollte, dann vergiß nicht, meinen Landsleuten für den mir versprochenen Lohn Wein zu kaufen. Die eine Hälfte sollen sie austrinken und die andere den Göttern weihen."

Mit Windeseile verbreitete sich in Neu-Karthago die Nachricht, daß ein Händler auf dem Marktplatz eingetroffen wäre, der sein Öl zum halben Preis verkaufte. Die Hausfrauen strömten mit ihren Ölgefäßen zu Kylons Stand. Zwischen ihnen drängten sich viele Neugierige, die ihren Spaß an Kylons witzigen Reden hatten. Denn während das Öl in schier endlosem Strom durch den Trichter floß, ergoß sich ebenso endlos sein Redeschwall.

„Tritt näher, Verehrter, tritt näher!" lockte er einen betagten karthagischen Krieger an. „Salbe dich mit meinem Öl, das wird dich verjüngen! O Bezwinger von Rom, geh nicht an meinem Stand vorüber. - Benutze das Öl zur Förderung der Verdauung, schöne Frau!" riet er einer älteren Person, die sich gerade ihr Ölgefäß von ihm füllen ließ. „Das klärt die Haut und wird deinen Mann zu neuer Liebesglut anregen."

Die Zuschauer lachten.

„Fehlgeschossen!" rief einer. „Ihr Mann ist im Heer, sie hat andere Sorgen als ihre Schönheit!"

Schon verkaufte Kylon den Inhalt des siebenundneunzigsten Kruges und hatte bereits durch geschickte Fragen aus seinen Zuhörern alle Informationen herausgeholt, die Publius brauchte: daß sich Hasdrubal mit seinem Heer nicht in Neu-Karthago aufhielt, sondern in der Nähe von Cädiz, daß auch die beiden anderen karthagischen Heere nicht in der Stadt waren und Hasdrubal nur etwa eintausend Krieger zurückgelassen hatte.

Plötzlich drängte sich ein rundlicher Mann, an seiner Kleidung als Schiffskapitän zu erkennen, durch die Menge und blickte Kylon prüfend an. „He, Freund, wo habe ich dich schon gesehen?" fragte er.

Kylon blickte auf. Ja, er kannte den Dicken, aber er ließ sich nichts anmerken.

„Vielleicht in Marseille, edler Seefahrer?" fragte er gelassen zurück.

„Dort ist mein Marktstand weltberühmt."

„Rede mir nichts ein, ich war niemals in Marseille."

„Ein kluger Mann kann sich nun einmal irren", erwiderte Kylon hintergründig. „Aber ich schwöre bei Herakles, daß du dich nicht irrst, wenn du mein Öl kaufst, denn nirgendwo auf der Welt gibt es ein billigeres und besseres."

„Ich brauche dein Öl nicht." Der Kapitän trat dicht vor Kylon hin.

„War es nicht dein Handelsschiff, das ich vor den Aegatischen Inseln kontrollierte? Damals gabst du dich als Neapolitaner und Weinhändler aus und schenktest mir einen Krug, der statt Falernerwein fauliges Wasser enthielt."

Kylon begriff, daß der Dicke ihn erkannt hatte. Er mußte fliehen, und zwar sofort. Aber wohin? Vor ihm befand sich die unübersteigbare Stadtmauer, rechter Hand war der Hafen, wo sein Schiff vor Anker lag. Doch jede Flucht dorthin würde sinnlos sein, denn selbst dann, wenn er das Schiff wohlbehalten erreichte und es fertigbrächte, den Hafen zu verlassen, würden ihn die schnellen karthagischen Wachboote im Handumdrehen einholen. Es blieb also nur der Sprung in das Meer, das er im Rücken hatte, und die Hoffnung, das gegenüberliegende Ufer, das ungefähr zwei Meilen weit entfernt war, schwimmend zu erreichen.

Er holte mit dem Ölkrug aus, den er noch immer in der Hand hielt, und schüttete dem dicken Kapitän den ganzen Inhalt ins Gesicht. Der taumelte zurück, rutschte auf dem Öl aus und fiel hin.

„Haltet ihn!" schrie er. „Es ist ein römischer Spion!"

Kylon war schon am Wasser, machte einen Kopfsprung und tauchte erst zehn Schritte vom Ufer entfernt wieder auf. Als er sich umblickte, sah er, daß sechs Männer ans Ufer rannten, unter ihnen der dicke Kapitän.

Kylon schwamm, so schnell er konnte. Das Blut klopfte ihm in den Schläfen, keuchend rang er nach Luft, die Sandalen störten ihn, er riß sie sich ab. Die Verfolger hatten inzwischen ein Boot losgemacht und ruderten ihm nach. Der Abstand zu ihnen verringerte sich zusehends. Schon hörte er die Ruder plätschern und den Kapitän brüllen: „Uns entgehst du nicht!"

Er reckte den Kopf aus dem Wasser, um noch einmal den klaren Himmel zu betrachten. Mögen mich die Fische fressen! dachte er. Das ist noch besser als Folterung und Kreuzigung!

Da merkte er, daß er in eine Brandung geriet, obgleich er sich noch mitten im Meerbusen befand. Er tastete mit den Füßen und stieß auf Grund. Das Wasser wurde immer seichter, reichte ihm nur noch bis zu den Knien, er sprang auf die Füße und rannte quer über die Sandbank hinweg. Das Boot blieb hinter ihm zurück. Es hatte sich mit der Nase tief in den Sand gebohrt, die sechs Verfolger bemühten sich fluchend, es über die Sandbank hinwegzuzerren, aber ihre Anstrengungen waren vergebens. Kylon war inzwischen auf der anderen Seite schon längst wieder im Wasser, und bis seine Verfolger erkannt hatten, daß sie ihn nur schwimmend einholen konnten, und anfingen, sich die Sandalen abzustreifen, hatte er das gegenüberliegende Ufer erreicht und war im Schilf verschwunden.