„Baut Schiffe!" hatte Hanno seit jeher verlangt, und diese Forderung wurde nun von allen Karthagern unterstützt. Am Schiffbau würden nicht nur die reichen Holzhändler verdienen, sondern auch die karthagischen Handwerker.
„Doch wenn es Publius Scipio nun gelingt, die karthagischen Wachposten zu täuschen und unbemerkt in Afrika zu landen?" fragte das Volk.
Auch darauf wußte Hanno eine Antwort: „Dann werden unsere Reitereinheiten ihn ins Meer werfen!"
Und er besorgte den Karthagern noch einmal eine numidische Reitereinheit.
Viele Leute, die seine Weitsicht jetzt richtig zu erkennen glaubten, vertraten die Meinung, daß er Karthagos jetzige Zwangslage und die Notwendigkeit eines Bündnisses mit Syphax vorausgesehen und deshalb seine schöne Tochter, die inzwischen dreißig Jahre alt geworden war, noch nicht verheiratet hatte.
Allerdings gingen auch andere Gerüchte um, wonach sich Sophonisbe bisher gegen eine Heirat gewehrt hätte. Aber wer mochte glauben, daß ein Mann, der nun das ganze karthagische Volk hinter sich hatte, mit seiner einzigen Tochter nicht fertigwerden konnte! Außerdem gab es wohl kein Mädchen, das freiwillig auf die Ehe verzichtet und es vorgezogen hätte, eine alte Jungfer zu werden!
Der Hochzeitstag rückte näher. Alle Karthager warteten in freudiger Ungeduld auf Syphax und sein aus fünfhundert Reitern bestehendes Gefolge sowie auf die kostenlose Bewirtung, die Hanno ihnen versprochen hatte.
Und nur die Braut sah dem Hochzeitstag wie einem unabwendbaren Unglück entgegen. Hanno hatte ihr vorgelogen, daß Masinissa in Iberien den Tod gefunden hätte, um ihre Einwilligung zur Heirat mit Syphax zu erhalten. Aber diese Lüge war eine zu starke Arznei gewesen, schlimmer als die Krankheit selbst. Sophonisbe weinte von früh bis spät.
„Schluß mit den Tränen!" herrschte Hanno sie wütend an. „Ich will nicht, daß die Stadt dich als weinende Braut sieht! Ja, ich hatte dir versprochen, daß du keinen Barbaren heiraten brauchst. Aber die Götter fügten es anders. Überdies ist Syphax König und unser Freund. Deinetwegen hat er auf das Bündnis mit Rom verzichtet. Dein Masinissa war doch auch ein Barbar, und wenn er noch lebte..." „Nenne diesen Namen nicht!" Sophonisbes Augen funkelten vor Zorn. „Genügt es dir nicht, daß ich mich deinem Willen füge? Was willst du mehr? Mir das einzige nehmen, was mir geblieben ist - meine Trauer, meine Erinnerungen? Ich habe Masinissa geliebt. Und wäre er nur ein armer Hirt gewesen, ich hätte ihn nicht gegen alle Könige der Welt mitsamt ihren Schätzen eingetauscht."
Sie schlug die Hände vors Gesicht. Weit hinter den Stadtmauern Karthagos lag eine sonnenüberflutete wundersame Welt. Von dort war Ma-sinissa gekommen, um sie mit sich zu nehmen. Doch ihr Vater hatte sie ihm verweigert und sie wie eine Gefangene in seinem Palast eingeschlossen. Warum? Um sie in seinem Spiel als Köder zu benutzen?
„Sophonisbe, du weißt etwas Wichtiges noch nicht!" Hanno setzte sich neben sie. „Die Römer haben Neu-Karthago erobert! Hier in Karthago gibt es kein Heer. Ohne Syphax' Hilfe könnte sich Karthago keine Stunde halten. Und wenn es den römischen Legionären in die Hände fiele, würden sie uns Männer in die Sklaverei verschleppen, unsere Frauen und Töchter mißbrauchen und unsere Tempel schänden. Du mußt Masinissa vergessen. Niemand darf wissen, daß dir diese Hochzeit zuwider ist."
Sophonisbe senkte den Kopf. Sie hatte keine Kraft mehr, sich dem beharrlichen Drängen des Vaters zu widersetzen. Sollte er seinen Willen haben. Aber ihr Herz würde ihm und ihrem künftigen Gemahl für immer verschlossen bleiben!
Von den fernen schneebedeckten Gipfeln der Pyrenäen blies der Nordwind. Unter seinem eisigen Hauch duckten sich die Eichen. Ihre vergilbten Blätter wirbelten durch die Luft, und die Eicheln prasselten zu Boden. Hufschlag näherte sich. Ein Reiter galoppierte auf seinem Schimmel so eilig vorüber, als hinge von der Schnelligkeit des Galopps sein Leben ab.
Es war Masinissa, und er war auf dem Weg nach Karthago, denn erst heute hatte er die Wahrheit erfahren, obgleich Magon und Hasdrubal sie schon lange kannten: Hanno hatte seine Tochter mit Syphax verheiratet.
Der Kurier
Als Publius Scipio Neu-Karthago eroberte, befand sich Kylon auf der Reise nach Rom. Publius hatte ihn großzügig entlohnt und ihm eine Anweisung auf fünftausend Sesterzen an den neapolitanischen Geldwechsler Skintius übergeben. Kylon kannte Skintius' Kneipe genau; sie lag am Marktplatz.
Kylon malte sich schon aus, wie Skintius ihn ins Hinterzimmer der Kneipe führen und die Geldanweisung mit dem Abdruck des Siegelringes von Publius Scipio von allen Seiten prüfen würde. Schließlich erhielt er nicht alle Tage eine Anweisung auf eine so hohe Summe. Und während Skintius das Geld hervorholte und abzählte, würde er, Kylon, wortlos und mit würdevollem Gesicht danebensitzen. Ja, er würde schweigen wie ein Toter oder höchstens über Nebensächlichkeiten reden, über das Wetter zum Beispiel. „Was ist mit dir los, Kylon?" würde Skintius verwundert fragen. „Beim letztenmal, als ich dir die zweihundert Sesterzen auszahlte, hast du mir deine Abenteuer so haarklein berichtet, daß ich glaubte, selber nach Afrika gesegelt zu sein. Jetzt dagegen bist du dermaßen wortkarg, als hättest du eine Erbschaft gemacht oder wärest in den Senat gewählt worden!" Doch auch darauf würde Kylon nicht antworten, trotz seines Bedürfnisses, dem Geldwechsler von seinem Ölhandel in Neu-Karthago, von seiner wunderbaren Rettung und von der Großzügigkeit des jungen Feldherrn zu erzählen, der ihm das Geld für das verlorengegangene Schiff aus seiner Privatkasse ersetzt hatte. Publius hatte ihn nämlich schwören lassen, keiner Menschenseele zu verraten, daß er in Neu-Karthago gewesen wäre. „Da hast du noch hundert Sesterzen für dein Schweigen!" hatte er gesagt. Dieses Geld klirrte jetzt in Kylons Geldbeutel und erinnerte ihn an seinen Eid. Und wenn er für sein Schweigen jedesmal soviel Geld erhielte, würde er stumm werden wie ein Fisch und sich nur noch durch Zeichen verständigen. Und überhaupt - mit wem sollte ich mich auf See unterhalten? Etwa mit den Rudersklaven, die nur die pfeifende Sprache der Peitsche verstehen?
Die Zeit verging. Schon drei Tage lang segelte das Schiff übers Meer. Kylon hielt den Mund und verschloß seine Freude in sich. Er kam sich vor wie jener Barbier, der das Geheimnis des Königs Midas kannte und von diesem unter Todesdrohungen gezwungen worden war, es keinem Menschen zu verraten. König Midas hatte nämlich bei einem Sangeswettstreit der Götter den Schiedsrichter spielen müssen und den Gott Apollo zum Verlierer erklärt. Aus Ärger darüber hatte Apollo ihm Eselsohren verliehen, die der Barbier zu Gesicht bekam, als er dem König das Haar stutzte. Immerhin fand der Barbier in seiner Not einen Ausweg. Er grub ein tiefes Loch in die Erde, steckte den Kopf hinein, vertraute der Mutter Erde sein Geheimnis an und erleichterte sich auf diese Weise. Später wurde das Geheimnis trotz aller Vorsichtsmaßregeln dadurch in der ganzen Welt bekannt, daß über jenem Loche Röhricht wuchs und mit menschlicher Stimme in seinem Rauschen rief: „König Midas hat Eselsohren! König Midas hat Eselsohren!"