Ein Diener erschien im Halbschatten.»Der Wagen ist bereit, Missy.»
Sie nickte. Zu Bolitho sagte sie:»Wenn Sie gegangen sind, werde ich versuchen, diese langweiligen Leute aus dem Haus zu vertreiben. «Sie hob den Kopf und blickte ihn ruhig an.»Sie dürfen meine Schulter küssen, wenn Sie wünschen.»
Ihre Haut war überraschend kühl und so weich wie ein Pfirsich. Sie riß sich von ihm los und rief:»Seien Sie brav, Kapitän, und passen Sie gut auf sich auf. Wenn Sie zurückkommen, werde ich hier sein. «Dann rannte sie leichtfüßig und lachend über die Terrasse ins Haus.
Die Kutsche wartete auf ihn, als er benommen durch den schattigen Garten zur Auffahrt ging. Sein Hut und Mantel lagen auf dem Sitz, und am Kutschkasten war eine große Holzkiste festgemacht.
Die Zähne des Dieners leuchteten weiß im Dämmerlicht.»Missy Susannah hat für Sie in der Küche etwas zu essen zusammenpacken lassen, Sir. «Er kicherte.»Nur das Allerbeste, hat sie gesagt.»
Bolitho kletterte in die Kutsche und sank in die Kissen. Er konnte immer noch ihre Haut an seinem Mund fühlen, ihr Haar riechen, ein Mädchen, das einen Mann verrückt machen konnte, auch wenn er es nicht schon halbwegs war. Am Ende des Piers fand er einen Ruderer, der über seinen Riemen eingenickt war; er mußte einige Male rufen, bis er ihn bemerkte.
«Welches Schiff, Sir?»
«Sparrow.»
Nur den Namen auszusprechen, half ihm schon, seine rasenden Gedanken zu beruhigen. Bevor er in den Kahn stieg, blickte er sich nochmals nach der Kutsche um, aber sie war schon verschwunden. Als wäre sie Teil eines Traumes.
Der Ruderer murmelte vor sich hin, als er die schwere Kiste die Treppen hinunterhievte. Nicht laut genug, um einen Kapitän zu erzürnen, aber doch laut genug, um sein Trinkgeld deutlich zu erhöhen.
Bolitho wickelte sich in seinen Mantel und fühlte die kühle Seebrise auf seinem Gesicht. Noch immer West. Es würde gut sein, auszulaufen, wenn auch nur, um zu sich selbst zu finden und seine Hoffnungen für die Zukunft zu prüfen.
Auffallende Ähnlichkeit
Der Auftrag der Sparrow, die Stärke der französischen Flotte in Newport zu erkunden, erwies sich als schwieriger, als Bolitho erwartet hatte.
Die Fahrt von Sandy Hook zu den östlichen Ausläufern von Long Island verlief reibungslos und versprach eine rasche Rückkehr. Aber das Wetter entschied anders, und in einem wilden Weststurm wurde die kleine Korvette ständig hin- und hergeschleudert, so daß Bolitho lieber den Sturm abritt, als Schäden an Rahen und Leinwand zu riskieren.
Als der Wind nachließ, dauerte es dann viele Tage, wieder zurückzusegeln; es verging kaum eine Stunde ohne die Notwendigkeit, die Segel zu reffen oder das Schiff auf einen Kurs zu bringen, der es eher von seinem Ziel entfernte, anstatt es ihm näher zu bringen.
Die Vergnügungen New Yorks schienen lange her zu sein, und Bolitho fand, daß die Wirklichkeit mehr als genügte, um seine Energie zu beschäftigen. Trotzdem fand er noch Zeit, an Susannah Hardwicke zu denken. Wenn er mit im Wind flatterndem Haar über Deck schritt, das Hemd von Gischt durchweicht, erinnerte er sich an ihren Abschied, die Andeutung einer Umarmung, genauso klar, als ob es sich soeben ereignet hätte.
Er nahm an, daß seine Offiziere errieten, was sich in New York ereignet hatte, weil sie sorgfältig schwiegen.
Die Plackerei gegen den Wind und die ständigen Anforderungen an jeden Mann wurden teilweise durch die Gegenwart ihres Passagiers erleichtert. Getreu seinem Wort, war Rupert Majendie kurz vor dem Ankerlichten samt seinen Mal- und Zeichenutensilien an Bord erschienen, und mit einem Repertoire an Geschichten, das seinen Unterhalt an Bord mehr als wert war. Wenn See und Wind sich etwas beruhigten, sah man ihn mit seinem Zeichenblock die Seeleute bei ihrer täglichen Arbeit oder in ihrer Freiwache skizzieren, wenn sie tanzten, kleine Modelle oder andere Schnitzereien machten. War das Wetter weniger freundlich, so verschwand er unter Deck und fand beim Licht einer schwankenden Laterne Arbeit mit Pinsel und Bleistift. Er und Dalkeith waren gute Freunde geworden, was kaum verwunderlich war. Jeder von ihnen kam aus einer anderen Sphäre von Kultur und Intelligenz, und sie konnten viel mehr bereden als der normale Seemann.
Nach drei langen Wochen beschloß Bolitho, nicht länger zu warten. Er rief Tyrell in die Kajüte und rollte seine Seekarte auf.
«Wir werden morgen bei Tagesanbruch zur Küste segeln, Jethro. Der Wind ist noch immer stark, aber ich sehe keine andere Möglichkeit.»
Tyrell ließ die Augen über die Karte wandern. Die Anfahrt nach Rhode Island war bei anhaltendem Westwind immer ein Problem. In einen Sturm zu geraten, konnte erneutes Abdriften nach Osten bedeuten, und wenn sie einmal in den Klammern des Festlandes und Newports selbst waren, dann blieb wenig Raum für Segelmanöver. Unter normalen Umständen erforderte es schon Geduld und Verstand. Da aber die Franzosen die Kontrolle über das Gebiet hatten, war es völlig tollkühn.
Als ob er seine Gedanken lesen könnte, sagte Bolitho ruhig:
«Ich möchte natürlich nicht an eine Leeküste geraten. Wenn wir aber hier auf offener See bleiben, können wir genausogut zugeben, daß unsere Mission ein Fehlschlag war.»
«Aye. «Tyrell streckte sich.»Ich bezweifle sowieso, daß die Franzosen viele Schiffe haben. Sie verlassen sich auf ihre Batterien, um sich zu verteidigen.»
Bolitho lächelte, etwas Spannung wich aus seinem Gesicht.»Gut. Geben Sie die Befehle. Ich möchte morgen die allerbesten Leute im Ausguck haben.»
Aber entsprechend Buckles düsterer Vorahnung war der nächste Morgen eine Enttäuschung. Der Himmel war bewölkt, und der Wind, der die Topsegel wild krachen ließ, zeigte nahen Regen an. Und doch war die Luft so schwül und drückend, daß die Toppsgasten stöhnten, als sie zum Kurswechsel auf ihre Stationen gingen. Der willkommene Aufenthalt im Hafen, gefolgt von der nervösen Unsicherheit, von der Laune des Windes hierhin und dorthin geworfen zu werden, dies alles forderte seinen Tribut. Viele Flüche wurden laut, und die Maaten mußten einige Schläge austeilen, ehe sich die Sparrow auf Backbordkurs legte; ihr Bugspriet zeigte wieder einmal auf die Küste zu.
Ein grauer Tag. Bolitho griff in die Luvwanten und wischte sich die Stirn mit dem Hemdsärmel ab. Seine Haut und seine Kleider waren tropfnaß, sowohl von Schweiß als auch von fliegender Gischt.
Nur Majendie schien es zufrieden zu sein, an Deck zu bleiben. Sein Bleistift fuhr geschäftig über das Papier, sein dünner Körper und der vorstehende Bart tropften vor Feuchtigkeit.
«Land in Luv!»
Bolitho versuchte, seine Befriedigung und Erleichterung nicht zu zeigen. Bei der schlechten Sicht und dem starken Wind konnte man sich nicht zu sehr auf Berechnungen verlassen. Er schaute zum Großmastwimpel hinauf. Der Wind war etwas stärker geworden. Er starrte den Wimpel an, bis seine Augen tränten. Kein Zweifel. Gut für eine stetige Annäherung, aber nicht so beruhigend, wenn man umdrehen und schnell weg müßte.»Gehen Sie einen Strich höher, Mr. Buckle.«»Aye, aye, Sir.»
Buckle wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab, ehe er seine Befehle weitergab. Er war sich wohl über die Schwierigkeiten im klaren, dachte Bolitho. Es würde zu nichts führen, ihn noch weiter zu beunruhigen.
Zu Majendie sagte er:»Hoffentlich bringen Sie alles zu Papier. Sie werden ein Vermögen machen, wenn Sie nach England zurückkehren.»
Buckle schrie:»Nord-Nordost, Sir! Kurs liegt an!»
«Sehr gut. Kurs halten.»
Bolitho ging ein paar Schritte und dachte an das Mädchen in New York. Was hätte sie jetzt von ihm gehalten? Zerknittert und durchnäßt bis auf die Haut, sein Hemd mehr Flicken als Stoff. Er lächelte vor sich hin und bemerkte Majendies Bleistift nicht, der seine Stimmung festhielt.