Charles grinste. »Ein Matrose, aber hoffentlich nie ein Yankee.«
»Was hast du gegen Yankees?«
»Mr. Hazard, Sir. Das werde ich dir gerne sagen – wenn du heute abend frei bist.«
»Nicht um mir Märchen und Lügen anzuhören.« Der Scherz verdroß Billy etwas. »Reden wir doch über etwas, worüber wir uns einig sind.«
»Mädchen?«
»Mädchen«, sagte Billy genüßlich; seine gute Laune war wiederhergestellt. Er dachte dabei an ein ganz besonderes Mädchen namens Ashton.
George und Orry, die wie zwei violette Schattengestalten in der Abenddämmerung aussahen, lächelten über das Gespräch: Stumpf und Stiel II.
Sobald sie in Fairlawn ankamen, löste sich jedoch die friedliche Stimmung auf. Die Damen hatten es sich in der Veranda gemütlich gemacht und Eistee getrunken – erst ohne Virgilia. Doch sie war jetzt auch anwesend. Sie war zu ihnen gestoßen, nachdem sie eine beträchtliche Menge Rotwein getrunken hatte. Als George und die andern ankamen, ereiferte sie sich eben über die Revision zum Gesetz über Sklavenflucht von 1793, über die zu jener Zeit im Kongreß debattiert wurde.
»Das ganze Manöver soll lediglich dazu dienen, den Süden zu besänftigen«, erklärte sie mit schwerer Zunge.
»Lieber Gott«, seufzte Clarissa. »Ich fühle mich bei solchen Gesprächen immer so verloren.«
»Dann würde ich mich an Ihrer Stelle informieren, Mrs. Main.«
Virgilias Ton ärgerte die andern Frauen der Familie. Ashtons Reaktion war am schärfsten. Sie saß mit einem frischen Glas Tee in der Hand in einem Schaukelstuhl und warf Virgilia haßerfüllte Blicke zu. Virgilia kümmerte sich jedoch nicht darum.
»Es ist ganz einfach. Mit der Revision werden solche Fälle der staatlichen Gesetzgebung entzogen und der Bundesregierung unterstellt. Man könnte jetzt natürlich annehmen, daß somit die Ausreißer begünstigt würden, nicht wahr?«
»Ja, genauso stelle ich es mir vor«, sagte Clarissa.
»Aber genauso ist es nicht. Die Revision beabsichtigt in Tat und Wahrheit, freiheitliche Gesetze, wie zum Beispiel diejenigen von Vermont, zu umgehen. Die Revision ist zugunsten der Sklavenfänger und Sklavenbesitzer. Alles was es braucht, um den Sklavenbesitz nachzuweisen, ist eine eidesstattliche Erklärung, die leicht gefälscht werden kann. Dazu kommt, daß es einem ausgerissenen Sklaven nicht gestattet sein wird, auch nur ein einziges Wort zu seinen Gunsten zu sagen. Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel. Schamlos. Ich werde nie begreifen, weshalb Washington vor dem Süden kriecht.«
Maude hatte so lange wie möglich geschwiegen. Mit fester Stimme sagte sie jetzt zu ihrer Tochter: »Es ist ziemlich unhöflich von dir, bei einem gesellschaftlichen Anlaß eine politische Rede zu halten. Wenn du fertig bist, könntest du dich entschuldigen. Du siehst müde aus.«
Isabel lachte. »Nennen wir die Dinge doch beim Namen: Das arme Kind hat zuviel getrunken.«
»Isabel – «, sagte Maude, doch bevor sie weiterreden konnte, sprang Ashton auf und rannte wütend auf Virgilia los.
»Wenn Sie die Südstaatler nicht ausstehen können, warum haben Sie uns dann hierher eingeladen?«
Clarissa stand auf.
»Ashton. Genug!« Sie wandte sich den Männern zu, die schweigend dagestanden hatten. »Ich freue mich, daß du zurück bist, Orry. Begleitest du uns bitte nach Hause? Vielen Dank für die Einladung«, sagte sie abschließend, indem sie Maude die Hand entgegenstreckte. Der Besuch endete mit einer peinlichen Note.
Nachdem die Mains gegangen waren, stellte George seine Schwester zur Rede; sie hatte sich auf den Rasen zurückgezogen, um dem Zorn der Familie zu entgehen. »Würdest du mir bitte sagen, weshalb du unsere Gäste dauernd provozierst?«
»Warum soll ich nicht sagen, was ich denke?«
»Wenn ich wirklich glaubte, daß das die Wahrheit wäre, würde ich mich nicht beklagen. Aber deine Offenheit schießt übers Ziel hinaus: Du versuchst, die Menschen zu beleidigen und zu verletzen. Und du tust es mit meinen besten Freunden!«
»Es sind nicht meine Freunde. Sie vertreten einen Lebensstil, der verachtenswert und völlig falsch ist. Es würde mir nichts ausmachen, wenn die Erde sie plötzlich alle verschluckte.«
»Mein Gott, du bist das frechste und rücksichtsloseste – «
Er sprach mit den Glühwürmchen; Virgilia hatte ihn stehengelassen und war ins Haus gegangen.
George mußte drei Zigarren rauchen und einen ausgedehnten Spaziergang durch Newports leere Straßen unternehmen, bevor er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Was nützte es, mit ihr zu diskutieren? Sie war unverbesserlich. O Gott, wie würde bloß der Rest der Ferien werden?
Glücklicherweise wurde Virgilia zwei Tage später durch den Brief eines Gesinnungsgenossen nach Boston geholt. Sie wechselte kaum ein Wort mit jemandem, packte ihre Sachen und begab sich zur Fähre. Maude wirkte erleichtert. Auch George, obwohl er es nicht zeigte.
Die stärkste Reaktion, die seine Schwester letzten Endes in ihm hervorrief, war Mitleid. Sie ging mit zu vielen Menschen äußerst böswillig um. Eines Tages würde jemand zurückschlagen. Es könnte sogar ein Yankee sein. Die Nordstaatler waren bei weitem nicht so tugendhaft, wie Virgilia immer behauptete.
Und wie würde wohl ihre Zukunft aussehen? Worauf konnte sie sich denn freuen? Aufs Unglücklichsein? Zweifellos. Auf eine Tragödie? Durchaus möglich, wie er mit einem Gefühl der Traurigkeit zugeben mußte.
»Verdammt. Was haben wir denn hier?«
»Dem Aussehen nach gehört er zum Ferienpöbel.«
»Ich meine nicht ihn, Oral. Sieh dir die teure Angel und den Fischkorb an.«
Billy hielt sich ruhig in seinem Versteck. Er saß hoch oben in einem Apfelbaum, um an die guten Äpfel heranzukommen. Tief unter ihm waren die vier Dorfjungen durch ein Loch in der Hecke in den Obstgarten hereingekrochen. Drei von ihnen waren weiß, einer schwarz.
Billy und Charles waren nordwärts gewandert, hatten während zwei Stunden erfolglos in der Bucht gefischt und auf ihrem Heimweg einen Umweg über den Obstgarten gemacht. Doch jetzt waren sie in Schwierigkeiten. Die meisten Dörfler der Gegend haßten die Horden von Gästen, die die Insel jeden Sommer überschwemmten. Diese vier waren wohl keine Ausnahme.
Billy kauerte in einer Astgabel. Er hatte sein linkes Bein angezogen, die Ferse drückte gegen seinen Oberschenkel. Die Muskeln taten ihm jetzt schon höllisch weh. Die Kerle hatten ihn nicht gesehen. Sie konzentrierten sich auf die kostspielige Angelausstattung, die neben Charles im Gras lag. Charles saß mit dem Rücken zum Baum, das Kinn auf der Brust, die Augen geschlossen.
»Wenn es dir gefällt, bedien dich«, sagte der schwarze Junge, den man Oral nannte. »Er wird sich nicht aufregen, er schläft.«
Wie der Blitz öffnete Charles die Augen. Einer der Kerle schrie auf. Charles benützte die Gelegenheit und zog sein rechtes Bein an, so daß er den Stiefel, in dem er sein Jagdmesser verbarg, in Griffweite hatte.
»Tut mir leid, ihr habt euch in zweifacher Hinsicht geirrt«, sagte er mit einem breiten Lächeln. Billy blickte auf den Kopf von Charles hinunter, auf sein vom Wind zerzaustes Haar. Es fiel ihm auf, wie Charles so ganz nebenbei seine rechte Hand auf das Knie wenige Zentimeter vom Stiefel legte.
»Verflucht noch mal, das hört sich doch nach einem Südstaatler an«, sagte einer der Dörfler, ein langgesichtiger, schlaksiger Kerl. Er versetzte dem Schwarzen einen Rippenstoß. »Wetten, daß er zu den Leuten gehört, die deine Verwandten unten in Georgia auspeitschen.«
»Bestimmt«, sagte Oral. Er blickte böse. »Wir nehmen ihm die Angelsachen.«
Immer noch lächelnd, legte Charles seine Rechte leicht auf die Wade. »Damit würdet ihr einen schwerwiegenden Fehler begehen, Jungs.«