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»Ach ja?« schnappte Oral. »Es sind vier gegen einen.« Er beugte sich vor, um nach Charles’ Weidenkorb zu langen. Plötzlich erspähte das Langgesicht die zweite Angelrute, die am Baumstamm lehnte. »Sieh mal, Oral. Da sind ja zwei Ruten. Wozu soll der zwei haben!«

Doch Oral war so begierig, in den Besitz von Charles’ Sachen zu kommen, daß er den ängstlichen Unterton seines Freundes überhörte. Die beiden andern Jungen blickten sich verdutzt im Obstgarten um. Langsam und leise streckte Billy sein linkes Bein, ohne den Blick auch nur einen Moment von Charles’ rechter Hand abzuwenden. Als dieser nach der Spitze seines Stiefels griff und aufsprang, ließ Billy sich fallen.

»Allmächtiger«, schrie das Langgesicht, eine Sekunde bevor Billy mit seinen schweren Stiefeln auf seinen Schultern landete.

Knochen krachten. Das Langgesicht fiel kopfüber in die Hecke. Charles machte in geduckter Stellung eine langsame Bewegung mit der rechten Hand. Oral starrte auf die Messerspitze, die einen Kreis in die Luft zeichnete. Der schwarze Jüngling begann zu schwitzen.

»Nun, Sir«, sagte Charles zu Oral, »haben Sie etwas gegen alle Südstaatler oder nur etwas gegen Südstaatler, die Diebe nicht ertragen?« Inzwischen war Billy wieder auf den Füßen. Er hatte die beiden andern Burschen für einige Augenblicke aus den Augen verloren. Plötzlich sah er sie durch das Gras rennen. Sie rasten von hinten auf Charles los, jeder einen Ast schwingend.

»Hinter dir!« schrie Billy.

Charles wirbelte herum. Der eine der Angreifer versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf. Das Holz war morsch und zerbrach. Doch durch die Wucht des Schlags fiel Charles gegen Oral, der ihm das Messer mühelos entwand. Oral grinste hämisch, machte einen Schritt zur Seite, packte Charles am Hemdkragen und holte mit der andern Hand aus, um das Messer in Charles’ Brust zu bohren.

Voller Entsetzen warf sich Billy von hinten auf Oral. Das Messer sauste um Haaresbreite an Charles’ Kopf vorbei.

Billy zerrte Oral zu Boden. Charles langte nach der nächstbesten Waffe, seiner Fischerrute, und warf die Leine nach den beiden andern Jungen aus, die eben wieder angreifen wollten, jetzt aber gleich zurückwichen.

Das Langgesicht war inzwischen wieder auf den Füßen und drohte mit einem spitzen Stein. Eine schnelle Reaktion von Charles, und der Angelhaken bohrte sich in den Nacken von Langgesicht. Charles riß die Angel mit einem scharfen Ruck zurück und hielt die Leine mit dem Daumen fest. Der Haken saß fest. Das Langgesicht schrie auf.

Unterdessen wälzte sich Billy hin und her, während Oral auf seiner Brust kniete. Oral war zäh, stark und entschlossen, ihm die Kehle durchzuschneiden. Billy warf den Kopf nach rechts, gerade bevor das Messer an seinem linken Ohr vorbei in den Boden sauste.

»Du weißer Hurensohn«, keuchte Oral und stieß ihm das Knie in den Unterleib.

Billy wurde eine Sekunde schwarz vor Augen. Der Schmerz verlangsamte sein Reaktionsvermögen, und er wußte, daß er dem nächsten Stich nicht würde ausweichen können. Langsam zog Oral das Messer hoch, feierlich wie ein heidnischer Priester vor dem Opfertier.

Die lange Klinge glänzte im Sonnenlicht. Doch dann verschwand das Messer plötzlich aus Orals Hand. Oral riß den Mund auf und fiel mit schmerzverzerrtem Gesicht seitwärts ins Gras. Mit einer eleganten Bewegung zog Charles das Messer aus Orals rechtem Oberschenkel.

Obwohl er schwer atmete, schien Charles vollkommen ruhig und gefaßt, als er den Dörflern mit einem überlegenen Grinsen sagte: »Jungs, macht euch aus dem Staub, bevor wir euch umbringen. Und wenn ihr jemals wieder meinem Freund oder mir auf der Straße begegnet, so macht kehrt und geht in die entgegengesetzte Richtung. Dies war nur der Anfang.«

Er setzte den rechten Stiefel auf einen Baumstumpf und stützte den Ellbogen aufs Knie. Die beiden unverletzten Angreifer zogen Oral zur Hecke, wobei er Blutspuren im Gras hinterließ.

Billy nahm sein eigenes Messer, um die Leine durchzuschneiden. Der Langgesichtige, dem immer noch der Haken im Nacken steckte, stand starr.

Charles schwang das Messer, das in der Sonne aufblitzte. »Verschwinde!« Das Langgesicht rannte davon.

Erst jetzt atmete Billy auf. »Warum, zum Teufel, haben sie Streit gesucht?«

»Weil ich eine Angel und einen Fischkorb besitze, die sie haben wollten. Weil sie meine Sprache oder meine Herkunft nicht mochten – « Er zuckte die Achseln. »Der menschlichen Bosheit sind keine Grenzen gesetzt. Egal, wir haben’s überstanden. Wir sind ein gutes Team. Vielen Dank für Ihre rechtzeitige Hilfe, Mr. Hazard.«

Billy lächelte weniger selbstsicher als sein Gefährte. »Nicht der Rede wert, Mr. Main. Ich wünschte, ich könnte kämpfen wie Sie. Ich habe Todesängste ausgestanden.«

»Glaubst du, ich nicht? Meine Knie fühlten sich an wie Gummi.«

»Aber man hat es nicht gesehen.«

»Um so besser. Wenn der Gegner nicht merkt, was in dir vorgeht, wird er nervös und fängt an, Fehler zu machen. Das hab’ ich von Orry gelernt.«

»Vielleicht sollte ich auch etwas Unterricht nehmen«, sagte Billy, als sie ihre Sachen zusammenräumten.

»Aber dann müßtest du ja erklären, weshalb.« Charles wurde wieder ernst. »Ich persönlich möchte diese kleine Affäre geheimhalten. Orry, Tante Clarissa und Onkel Tillet glauben, daß ich über diese Art von Rauferei hinausgewachsen bin. Ich möchte ihre Illusion nicht zerstören.« Er streckte die Hand aus: »Abgemacht?«

»Abgemacht.«

Billy ergriff die Hand, um den Geheimbund zu besiegeln. Zum erstenmal hatte er das Gefühl, daß Charles Main sein Freund war.

Das Geheimnis blieb jedoch nicht lange geheim.

Zwei Tage später gingen Ashton und ihre Schwester zum Strand, wo Billy und Charles ausgestreckt im warmen Sand lagen.

Ashton ruhte etwas weiter weg in einer Liege unter einem riesigen, gestreiften Sonnenschirm. Sie trug ein leichtes lila Sommerkleid, das die Brise auf ihre sich entwickelnden Brüste preßte. Die Wirkung war so aufreizend, daß Billy wegblicken mußte.

Er dachte fast permanent an Ashton. In seinen Tagträumen war sie immer nackt. Die Sommerhitze schien solche Phantasien noch zu fördern. Da waren sie also: zwei junge Männer und zwei junge Mädchen, ohne Anstandsdame, an ein und demselben Strand.

Billy glaubte nicht, daß dies rein zufällig war. Brett, der Quälgeist, folgte ihm überall hin. Wahrscheinlich hatte sie ihre Schwester so lange beschwatzt und umschmeichelt, bis sie mit ihr an den Strand gekommen war. Doch leider interessierte sich Ashton nicht für Billy; die meiste Zeit über benahm sie sich so, als ob er Luft wäre.

Er kniete sich hin, begann, eine Sandburg zu bauen, und preßte ein Gemisch aus Wasser und Sand aus seiner Faust heraus, um die Türme zu formen. Er war etwa zehn Minuten damit beschäftigt gewesen, als plötzlich ein Schatten auf das Gewirr von Türmen und Wällen fiel. Brett stand da und nestelte an einem ihrer Zöpfe herum.

»Hallo, Billy.«

»Hallo.«

Sie war zwar nicht häßlich, obwohl die Sommersprossen, die durch die Sonne nur noch dunkler wurden, nicht zu übersehen waren. Da sie so jung war, war sie flach wie ein Brett. Aber das war nicht das einzige an ihr, das ihn ärgerte.

»Ich habe gehört, daß du dich gerauft hast«, sagte sie.

Er machte eine nervöse Handbewegung und schmiß einen Turm um. »Wer sagt das?«

»Gestern bin ich in den Laden gegangen, um etwas Süßholz zu kaufen, und dort erzählte ein Junge, er sei neulich von zwei Raufbolden angegriffen worden.«

»Kennst du den Jungen?«

Brett schüttelte den Kopf.

»Wie sah er aus?«

»Er hatte blondes, fast weißes Haar. Auf seinem Nacken klebte ein schmutziges Pflaster.« Sie zeigte ungefähr die Stelle an, an der Charles den Angelhaken beim Langgesichtigen plaziert hatte.

»Und?«

»Ich hab’ mir die Süßigkeiten angeschaut, bis er mit seiner Geschichte zu Ende war. Er sagte, die Raufbolde seien Sommergäste gewesen. Als er sie beschrieben hatte, war ich sicher, daß es um dich und um Charles ging.«