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»Auf keinen Fall. Die Union wurde durch Zustimmung der einzelnen Staaten geschaffen. Jeder Staat kann jederzeit seine Zustimmung zurückziehen.«

»Nein, Charles, das Ganze ist ein gesetzlicher Vertrag. Und wenn es in dem Vertrag keine Klausel gibt – «

»Wie gewählt du dich ausdrückst.«

»Laß mich ausreden«, sagte Billy ärgerlich. »Ein Vertrag kann nicht rechtmäßig aufgelöst werden, wenn er keine entsprechende Klausel enthält. Was den Unionsvertrag betrifft, so enthält er keine solche Klausel.«

»Du redest wie ein Rechtsanwalt aus Philadelphia. Es geht ja nicht um eine Vereinbarung zwischen Hausierern. Es geht um einen Pakt zwischen der Regierung und den Bürgern. Das ist etwas ganz anderes. Ich bleibe dabei, daß jeder Staat jederzeit das Recht hat, sich zurückzuziehen.«

Das Segel wurde schlaff. Als Billy ihren Kurs korrigierte, knurrte er: »Das würde ins Chaos führen.«

»Nein, Sir – nur zum Ende einer Tyrannis der Union. Da hast du noch einen weitern gewählten Ausdruck für deine Sammlung.« Er spie die Bemerkung förmlich aus. Billy konnte sich nicht daran erinnern, seinen Freund jemals so heftig und humorlos erlebt zu haben. Er versuchte, der Situation den Ernst zu nehmen, indem er lächelte und sagte: »George sagte mir, daß ihr Südstaatler gerne streitet. Er scheint recht zu haben.«

»Die Südstaatler lieben die Freiheit«, gab Charles zurück. »Und sie lieben sie so sehr, daß sie nicht zusehen können, wie sie langsam zerbröckelt.«

Über dem Meer ertönte ein Donnergrollen. Billy preßte die Lippen zusammen. Charles’ Spott machte ihn plötzlich wütend.

»Du sprichst natürlich von der Freiheit der Weißen.«

Billy wußte, daß er zu weit gegangen war, aber er würde um keinen Preis nachgeben. Charles stierte ihn an und wollte etwas sagen. Dann sah er Sturzwellen am Horizont. Während ihrer Auseinandersetzung war ein Nordostwind aufgekommen.

»Es wird einen Sturm geben«, murmelte Charles. »Wir tun besser daran, zum Ufer zurückzugehen.«

»Einverstanden.«

Für den Rest des Tages gingen sie höflich miteinander um. Keiner entschuldigte sich, und die Diskussion wurde nicht fortgeführt. Sie ließen es einfach dabei bewenden. Langsam vergaßen sie den Streit. Doch in den Augenblicken, in denen sich Billys Phantasie nicht mit Ashton beschäftigte, erinnerte er sich an die Auseinandersetzung und stellte mit Erstaunen fest, daß sie einander beinahe angeschrien hatten. Noch vor zwei Jahren hatte er immer darüber gelacht, wenn Mitglieder seiner Familie sich wegen politischer Probleme in die Haare gerieten. Nun mußte er feststellen, daß er über genau diese Probleme nachdachte und Partei ergriff.

Aber genau das durfte er nicht tun, wenn ihm an Charles’ Freundschaft etwas gelegen war. Von da an enthielt er sich sorgfältig jeder Bemerkung, die eine Kontroverse hätte auslösen können. Charles legte die gleiche Zurückhaltung an den Tag.

Trotzdem hatte sich ihre Beziehung entscheidend verändert. Sie waren sich beide einer Kraft bewußt geworden, die ihre junge Freundschaft zerstören konnte. Obwohl sie beide vorgaben, sich darüber hinwegzusetzen, gelang es ihnen nicht. Die Kraft war immer da, bedrohlich wie der Sturm an jenem Nachmittag, an dem sie sich gestritten hatten.

Ashton führte ihn hinter einen Felsen, der wie ein zwei Meter hohes Ei auf dem Strand saß. Sie lehnte sich, abgeschirmt von beobachtenden Blicken, gegen den Felsen. Billy preßte die Beine zusammen und hoffte, sie würde den Grund dafür nicht erkennen.

Unter dem grauen Himmel grollte die See. Über ihnen das Geschrei von Möwen, die nach Fischen tauchten. Der Sommer neigte sich dem Ende zu und warf einen Schatten voller Melancholie.

»Ich hasse es, daran zu denken, daß wir morgen abreisen müssen«, sagte sie.

Billy stützte sich auf beiden Seiten ihres Kopfes mit den Handflächen auf den Felsen, als wolle er sie für immer festhalten. Durch den kühlen Wind bekam er eine Gänsehaut auf den nackten Armen. »Ich werde einmal pro Woche schreiben«, versprach er.

»Oh, das ist herrlich.«

»Wirst du mir auch schreiben?«

Ihre roten Lippen glänzten, als sie lächelte. Sie runzelte leicht die Stirn. »Ich werde mir Mühe geben, aber ich werde diesen Herbst fürchterlich beschäftigt sein.«

Wie geschickt sie doch war! Sie gab etwas, hielt aber auch etwas zurück. Sie hielt gerade genug zurück, damit er nicht zufriedengestellt war. Sie tat es im kleinen, aber sie tat es mit ihrem ganzen Wesen. Manchmal haßte er sie dafür. Dann blickte er in ihre dunklen Augen und dachte an nichts anderes mehr, als daran, sie zu besitzen – zu welchen Bedingungen auch immer.

»Wirst du nächsten Sommer wieder hier sein?« fragte er.

»Ich hoffe. Es war so herrlich.«

Er war enttäuscht. »Ist das alles – herrlich?«

Sie starrte über sein nacktes Handgelenk auf das Meer. »Es wäre unanständig, wenn ich mehr sagte. Aber vielleicht findest du mich nicht undamenhaft, wenn ich dir meine Gefühle zeige.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn auf den Mund. Dann schlängelte sich ihre Zunge zwischen seine Lippen. Billy wurde schwindlig. Von solchen Küssen hatte er bisher nur gehört.

Er fummelte an ihrer Taille und zog sie an sich, so daß sie ihn durch ihre Kleiderschichten hindurch fühlen konnte. Sie gab ein leises Stöhnen von sich. Ein Stöhnen der Freude, dachte er.

Wieviel Erfahrung hatte sie? Um dies herauszufinden – aber nicht nur deswegen –, glitt seine Hand aufwärts. Als er ihre Brust berührte, entwand sie sich ihm, rannte lachend zum Wasser hinunter und rückte ihre Frisur zurecht.

Er lief hinter ihr her, weil er befürchtete, daß er sie verärgert hatte. Aber das war nicht der Fall.

»Billy«, keuchte sie, den Blick dem Meer zugewandt, »so was dürfen wir nicht tun. Bei dir vergesse ich, was Anstand ist.«

Er fühlte sich geschmeichelt, war jedoch verwirrt. Er glaubte ihr nicht. Sie wußte genau, was sie tat. Sie wußte es immer. Das war ein Teil der fürchterlichen Faszination, die sie auf ihn ausübte. Aber das erschütterte ihn nicht lange. Er war zu sehr von der Erinnerung an ihre Umarmung gefesselt.

Ashton ebenfalls; das ärgerte sie. Sie hatte Billy manipuliert, bis zu dem Augenblick, da sie einander küßten. Da hatte er sich gegen sie geworfen, und sie hatte die Kontrolle verloren. Für einen kurzen Moment war sie wirklich verliebt gewesen. Doch das durfte nie geschehen. Sie – und niemals der Mann – mußte immer die Oberhand behalten.

Doch sie fühlte sich machtlos, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Als sie sich auf die Heimreise machten, schlang sie ihre Finger um seine Hand und preßte sie gegen ihren Rock. Sie lehnte ihren Kopf zur Seite, so daß ihre Schläfe seine Schulter berührte. Dann gurrte sie wie ein verliebtes Täubchen: »Ich werde dafür sorgen, daß wir nächsten Sommer mit Orry wieder hierherkommen. Ich möchte dich so gern wiedersehen, Liebling. Ich glaube, ich habe mir noch nie etwas sehnlicher gewünscht.«

27

Cooper ging zum Pier, um die Familie zu Hause zu begrüßen. Sobald sie sich von der Reise erholt hatten, wollte er ihnen mitteilen, daß Judith eine Familienzusammenkunft im Haus an der Tradd Street plante. Er war guter Stimmung, die unerwartete Ankunft von James Huntoon verdarb sie ihm jedoch.

Der junge Rechtsanwalt war von einem großen, pechschwarzen, etwa dreißigjährigen Mann begleitet. Cooper erkannte in ihm einen der wenigen Sklaven, die immer noch im Besitz der Familie Huntoon waren. Sein Name war Grady. Er gehörte der zweiten Generation der Ibos an; sein Vater war gegen 1810, zwei Jahre, nachdem der Kongreß die Einfuhr von Schwarzen verboten hatte, illegal aus Benin importiert worden; wahrscheinlich über Havanna und irgendeinen der Schlupfwinkel an der Küste von Florida. Cooper kam gelegentlich zu Ohren, daß der geheime Sklavenhandel immer noch existiere.

Man hatte Ibos als Sklaven nie besonders geschätzt, weil sie als Ausreißer bekannt waren. Die Huntoons hatten sichergestellt, daß Grady – sollte er jemals auf diesen Gedanken kommen – leicht identifiziert werden konnte: Man hatte ihm die vier oberen Schneidezähne gezogen. Es war nicht unüblich, Sklaven so zu kennzeichnen.