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Grady grüßte Cooper höflich, viel höflicher als Huntoon.

»Ich habe Grady mitgenommen, um Ihrer Schwester mit dem Gepäck zu helfen«, erklärte der Rechtsanwalt. Er zeigte auf einige armselig gekleidete schwarze Männer, die in der Nähe standen. »Diese Nigger-Gepäckträger taugen nichts. Ich habe gesehen, wie sie absichtlich einen Koffer fallen ließen, weil der Besitzer ein Weißer war, sie aber als befreite Männer nicht bestrafen konnte.«

Cooper biß sich auf die Zunge. Was um Himmels willen mochte Ashton an diesem Idioten finden?

Der Dampfer wurde wegen irgendwelcher Schwierigkeiten noch eine halbe Stunde aufgehalten. Huntoon begann, gegen Clays Kompromißvorschläge zu wettern. Cooper hatte keine Lust auf eine Diskussion, aber der Rechtsanwalt ging ihm so sehr auf die Nerven, daß er bald mittendrin war. Sie diskutierten darüber, ob ein Staat das Recht habe, sich von der Union zu trennen – ein in letzter Zeit häufiges Gesprächsthema im ganzen Land.

Keiner der beiden konnte sich durchsetzen. Das einzige, was dabei herausschaute, war Verstimmung auf beiden Seiten. Huntoon wünschte sich die nötige körperliche Kraft – und den Mut –, um Cooper zu verdreschen. Aber das kämpferische Talent des Rechtsanwalts war rein verbaler Art, und er wußte es. Er mußte sich damit zufriedengeben, das letzte Wort zu behalten.

»Kein Wunder, daß Sie in der Oberschicht dieses Staates keinen einzigen Freund mehr haben.«

Der Dampfer legte an. Clarissa und Brett winkten und grüßten von der Reling her.

Mit einem Stirnrunzeln sagte Cooper zu Huntoon: »Haben wir in South Carolina eine Oberschicht? Ich hatte den Eindruck, daß wir seit der Revolution auf diese Einrichtung verzichtet haben. Was wird als nächstes wieder auferstehen? Die Idee der Plantagenbesitzer von Gottes Gnaden?«

Der kühle Sarkasmus versetzte den Rechtsanwalt in Rage. Doch Cooper war im Vorteil, denn seine ganze Familie beobachtete die beiden.

Als er in Richtung Gangway ging, die von schwarzen Schiffsjungen heruntergelassen wurde, erspähte er auf dem überfüllten Pier eine vertraute Gestalt: Huntoons Verwandter, Robert Rhett vom Mercury. In seiner Begleitung war ein Mann, auf den man Cooper gestern auf der Straße aufmerksam gemacht hatte, ein Politiker aus Georgia namens Bob Toombs – ein weiterer radikaler Verfechter des Südens.

Toombs und Rhett gingen Arm in Arm. Als sie Cooper erblickten, verschwand ihr Lächeln. Cooper grüßte sie, doch keiner der beiden gab eine Antwort. Sie rauschten an ihm vorbei, geradewegs auf Huntoon zu, schüttelten ihm die Hand und begrüßten ihn so laut, daß es Cooper hören mußte.

Ashton bemerkte, wie Rhett und sein Begleiter ihren Bruder schnitten. Sie war ungern nach Charleston zurückgekehrt, weil es bedeutete, daß Huntoon sie wieder belästigen würde. Und da war er auch schon, der arme Tropf. Er hatte sogar seinen gutaussehenden Nigger mit den fehlenden Zähnen mitgenommen.

Wie weich Huntoon im Vergleich zu Billy Hazard aussah. Wie schwächlich, mit seiner in der Sonne glänzenden Brille. Und doch war sie von der herzlichen Begrüßung, die Rhett dem jungen Rechtsanwalt zuteil werden ließ, beeindruckt.

Ihr Vater deutete auf Rhetts Begleiter: »Das ist Bob Toombs aus Georgia.« Er schien beeindruckt. Sie mußte mehr über den Fremden herausfinden. Sie hatte in letzter Zeit darüber nachgedacht, was es bedeutete, eine Main aus South Carolina zu sein; was es bedeutete, wohlhabend, berühmt, mächtig – und ein Freund der Mächtigen zu sein. Der Unterschied trat zusehends klarer und deutlicher zutage, als ihr bewußt wurde, was es hieß, machtlos zu sein und abseits zu stehen, wie dies eben mit ihrem Bruder der Fall gewesen war.

Macht war seit jeher die Triebfeder in ihrer Beziehung zu Brett gewesen. Ashton wußte sehr wohl, daß sie ein tiefes, wenn auch zum Teil unerklärliches Bedürfnis hatte, immer die Hauptrolle zu spielen. Jetzt verspürte sie plötzlich dieses Bedürfnis gegenüber der Gesellschaft. Auch dort wollte sie diejenige sein, die die Befehle erteilte – und sie wollte als solche anerkannt werden.

Als sie an der Reling stand, wurde ihr nicht nur dieses neue Ziel bewußt, sondern sie erkannte auch, daß sie in ihrem Verhalten berechnender werden mußte, wenn sie dieses Ziel erreichen wollte. Huntoon hatte Beziehungen. Das durfte sie nicht vergessen, was auch immer sie persönlich von ihm hielt. Billy – das war ein Sommer. Huntoon – das war die Zukunft.

Als die Mains den Dampfer verließen, richtete sie es ein, daß ihr Vater sie am Arm nahm, weil sie wußte, daß er geradewegs auf Rhett und die andern zugehen würde. So war es auch. Als sie vor Huntoon stand, begrüßte sie ihn mit einem kühnen Kuß auf die Wange.

»James! Ich hab’ dich ja so vermißt.«

»Wirklich? Wie schön.«

Eine Lüge, aber das dachte sie bloß. Sie war mit sich selbst zufrieden, weil sie allen gezeigt hatte, wo ihre Interessen und ihre Loyalität lagen. Sollte doch Brett auf Cooper zurennen und ihn umarmen, wie sie das eben tat. Brett war keine Gefahr für sie, sie zählte sowieso nicht.

Eines frühen Oktoberabends sagte Constance in Belvedere zu George: »Liebling, erinnerst du dich noch an den Schuppen hinter der Fabrik?«

Er legte das Blatt, auf dem er eben geschrieben hatte, zur Seite. Er war dabei, einen Plan für eine rasche Expansion des Walzwerks zu entwerfen. Im September hatte die Bundesregierung den Eisenbahngesellschaften zum erstenmal öffentliches Land zur Verfügung gestellt, um den Bau von neuen Linien zu fördern. George zahlte einem Rechtsanwalt in Washington jeden Monat eine beträchtliche Summe; dafür wurde er über Entscheidungen, die den Eisenhandel betrafen, vorzeitig informiert. Der Rechtsanwalt hatte ihm vorausgesagt, daß auch im Westen und Süden mit solchen Beihilfen zu rechnen sei. Für George bedeutete dies einen Aufschwung im Eisengeschäft für die nächsten zehn, möglicherweise zwanzig Jahre.

Er hatte bemerkt, daß Constance, bevor sie die Frage stellte, eine Weile geschwiegen hatte. Es mußte etwas Wichtiges sein.

Es war still im Raum und im Haus. Die goldene Wanduhr tickte. Es war schon nach zehn. Er stand auf und reckte sich. »Der Schuppen, in dem wir früher Werkzeug aufbewahrten?« fragte er nickend. »Was ist damit?«

»Dürfte ich ihn benutzen?«

»Wozu?«

Sie gab keine direkte Antwort. »Ich würde ihn nicht oft brauchen. Aber ich möchte, daß du weißt, was dort geschehen könnte.«

»Gott im Himmel, was für eine Geheimniskrämerei. Was ist los?«

Er lächelte, aber sie runzelte die Stirn und schien über seine Reaktion bekümmert. Sie eilte auf ihn zu.

»Ich zeig’s dir. Komm mit.«

»Wohin?«

»Zum Schuppen.«

»Jetzt?«

»Ja, bitte.«

Wenige Minuten später stiegen sie eine steile Straße hinter der Fabrik hinauf. Die Nacht war kühl, der Himmel hell. Der Schuppen war im Sternenlicht klar zu sehen.

George hielt plötzlich inne. Durch eine Ritze in der Bretterwand war ein heller, gelber Lichtstreifen zu sehen.

»Da ist jemand drin.«

»Ja, ich weiß.« Sie nahm seine Hand. »Es besteht keine Gefahr. Komm!«

»Du weißt Bescheid«, fragte er, als sie ihn mitzog. »Würdest du die Güte haben, mir zu erklären, was das alles zu bedeuten –«

»Mr. Beizer«, flüsterte sie, als sie vor der Schuppentür angekommen waren. »Es ist Constance. Sie müssen die Laterne umstellen. Man kann sie von draußen sehen.«

Das Licht verschwand. Beizer war ein Ladenbesitzer aus dem Dorf, ein Quäker. Was um Himmels willen tat er hier oben? Die Tür wurde geöffnet, und George erblickte den mageren, nervösen Kaufmann. Hinter ihm erspähte er eine zweite, in alte Leintücher gehüllte Gestalt, deren Aussehen ihn zutiefst erschreckte und ihm alles erklärte.