Выбрать главу

Der junge Mann war wahrscheinlich noch nicht einmal zwanzig, aber er war so verängstigt und ausgemergelt, daß er doppelt so alt aussah. Seine Haut war bernsteinfarben.

»Wir hatten keinen andern Ort, an dem wir ihn hätten verstecken können«, sagte Beizer zu George. »Er kam heute früh zu meinem Haus, aber es wird langsam gefährlich für mich, äh… Reisende aufzunehmen. Es wissen zu viele von meiner Tätigkeit. Der Junge mußte unbedingt heute nachmittag in Sicherheit gebracht werden, denn ein Vertreter des neuen Distriktkommissars ist in Lehigh Station angekommen.«

Beizer bezog sich auf den Bundesbeamten, der für die geflohenen Sklaven zuständig war. Präsident Fillmore hatte das Gesetz am 18. September unterzeichnet, und der Verwaltungsapparat zu seiner Einhaltung lief bereits auf Hochtouren.

Der Ausreißer schniefte und nieste dann zweimal. George war immer noch verblüfft und wandte sich seiner Frau zu. »Wie lange befaßt du dich schon mit dieser Tätigkeit?«

»Mr. Beizer hat mich im Frühling darauf angesprochen. Seither habe ich ihm geholfen.«

»Weshalb hast du nichts gesagt?«

»Sei nicht böse, George. Ich wußte nicht, wie du darauf reagieren würdest.«

»Aber du weißt, was ich von der Sklaverei halte. Wenn man hingegen das neue Gesetz zu umgehen oder gar zu verhindern versucht, so ist das ein schweres Vergehen. Wenn man dich dabei erwischt, würdest du wahrscheinlich im Gefängnis landen.«

Constance deutete auf den zitternden Jungen. »Und wohin geht er, wenn er erwischt wird? Geradewegs zurück nach North Carolina; zurück zu weiß Gott welcher Art brutaler Bestrafung.«

»Was hat dich veranlaßt, dich da einzumischen?«

»Weil die Sklavenbesitzer nun sämtliche Vorteile für sich haben. Die Bundesbeamten sollen zwar bei der Beurteilung der einzelnen Fälle neutral sein, aber sie bekommen für jeden Sklaven, den sie zurückschicken, zehn und für jeden, den sie nicht zurückschicken, fünf Dollar. Neutral? Daß ich nicht lache!«

»Es war eine Kompromißlösung«, entgegnete George.

Beizers Stimme klang beinahe scharf, als er sagte: »Sie können es nennen, wie Sie wollen, Mr. Hazard, aber das neue Gesetz ist und bleibt eine Beleidigung Gottes und des nationalen Gewissens. Constance, es tut mir leid, wenn ich Uneinigkeit zwischen Sie und Ihren Mann gebracht habe. Ich glaube, wir haben ihn falsch eingeschätzt. Ich werde versuchen, für Abner einen andern Platz zu finden.«

Betroffen antwortete George: »Einen Augenblick!« Die andern sahen ihn an. »Ich habe nicht nein gesagt, oder?«

Der Zorn in den Augen seiner Frau machte wieder Hoffnung Platz. Sie rannte zu ihrem Mann. »Alles, was wir brauchen, sind einige Vorräte, ein paar Decken, einen Riegel für die Tür und ein oder zwei Schilder mit ›Kein Zutritt‹, um die Leute fernzuhalten. Sollte ich darüber hinaus noch Geld brauchen, werde ich es dir sagen. Ansonsten brauchst du dir keine Sorgen zu machen über das, was hier vor sich geht.«

»Keine Sorgen über Fluchtverstecke auf meinem Grundstück? Ich bin nicht einverstanden.« Er nagte an seiner Unterlippe. »Weshalb um alles in der Welt braucht ihr gerade diesen Ort?«

Beizer antwortete: »Der Ort ist abgelegen und kann leicht vom Wald aus erreicht werden. Die Leute können gefahrlos hier übernachten und nach Kanada weiterfliehen.«

Etwa fünfzehn Sekunden lang starrte George den schniefenden, unterernährten Flüchtling an. Er wußte, daß er keine Wahl hatte.

»Na gut, aber ich muß zum Schutz aller Beteiligten einige Bedingungen – «

Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Constance warf sich ihm in die Arme und küßte ihn, während Beizer Abner einige beruhigende Worte zuflüsterte. Abner grinste und bekam erneut einen Niesanfall.

George war stolz auf Constance. Sie zogen Maude ins Vertrauen. Alle drei waren sich darüber einig, daß sonst niemand in der Familie etwas vom Fluchtversteck erfahren durfte. Stanley und Isabel würden Einwände erheben, weil Stanley keine Schwierigkeiten haben wollte. In letzter Zeit verbrachte er bloß zwei oder drei Tage pro Woche zu Hause und machte den Rest der Zeit neuen Freunden in Harrisburg oder Philadelphia seine Aufwartung.

In der Demokratischen Partei des Staats war ein Machtkampf zwischen Stanleys Freund Cameron und dem Parteivorsitzenden Buck Buchanan aus Lancaster ausgebrochen. Nachdem er Polks Staatssekretär gewesen war, hatte sich Buchanan 1848 für das Amt des Präsidenten nominieren lassen wollen. Für seinen Mißerfolg gab er Cameron und dessen Machenschaften die Schuld. Die beiden Männer stellten einander nun öffentlich bloß. Stanley stellte sich hinter Cameron, was George unklug fand.

Aber wer konnte in einer Zeit, in der sich politische Gepflogenheiten innerhalb einer Partei sowie die Parteien selbst über Nacht veränderten, schon seiner Sache sicher sein? Vor kurzem war eine neue politische Gruppierung aufgetaucht, die Freie-Boden-Partei, eine Koalition von Demokraten, früheren Mitgliedern der Freiheitspartei und einigen Radikaldemokraten. George schien es, als wollte diese Partei das Kind mit dem Bade ausschütten. Sie wehrte sich nämlich vehement gegen die nationale Expansion, wenn diese zur Sanktionierung der Sklaverei in den neuen Territorien führen sollte. Virgilia besuchte jede Versammlung der neuen Partei innerhalb des Staats, das heißt jede, bei der Frauen als Beobachterinnen zugelassen waren. Sie schrieb lange Bittschriften, in denen sie eine aktive Beteiligung der Frauen forderte.

Die drei Verbündeten waren sich darüber einig, daß auch Virgilia nichts vom Fluchtversteck erfahren durfte. Sie würde zwar nichts dagegen haben, aber sie könnte das Geheimnis verraten. Und in den Hazard-Werken arbeiteten immer noch viele Männer, die die Schwarzen haßten, weil sie fürchteten, die freien Schwarzen würden ihre Arbeitsplätze gefährden. George wußte, daß dieser Haß von keiner Regierung mit Gesetzen – und schon gar nicht mit einem Appell an die Menschlichkeit – abgeschafft werden konnte, weil er in der Angst und Irrationalität wurzelte. Es würde noch mindestens eine Generation dauern und viel Aufklärung benötigen, bevor diese negativen Einstellungen für immer aus dem Weg geräumt waren.

»Ich glaube nicht, daß es klug wäre, deinen Freunden im Süden davon etwas zu sagen«, meinte Constance.

George runzelte die Stirn. »Du sagst das so, als ob mit ihnen etwas nicht ganz in Ordnung wäre. Ich hatte geglaubt, sie wären auch deine Freunde.«

»Oh, ja, natürlich«, sagte sie hastig. »Aber ich stehe den Mains nicht so nahe wie du. Wenn man mich vor die Wahl stellte, es entweder Orry recht zu machen oder Joel Beizer zu helfen, würde dir mein Entscheid vielleicht nicht ganz passen.«

Er wußte, daß sie ihn weder verärgern noch provozieren wollte. Sie war ehrlich, und doch irritierten ihn ihre Worte. Maude bemerkte dies und befaßte sich mit ihren Händen.

»Weshalb sagst du das«, fragte George nicht ohne Schärfe. »Du wirst niemals vor eine solche Wahl gestellt werden.«

Aber er war sich nicht so sicher, und diese nagende Ungewißheit war der eigentliche Grund seiner Besorgnis und seiner Gereiztheit.

28

Charles hielt den Gegenstand hoch, den er geschnitzt hatte. Er zeigte mit der Spitze seines Jagdmessers auf eine lange Rinne, die er aus dem Holz herausgeschnitzt hatte. »Ein Kanu, wie wir es in Carolina haben. In Louisiana nennt man es, glaube ich, eine Piroge.«

Der vierjährige Laban Hazard saß auf der Vordertreppe von Fairlawn zu Charles’ Füßen. Der Knabe verehrte Charles und hatte ein ganzes Jahr darauf gewartet, ihn wiederzusehen. Die Mains waren am Vormittag in Newport angekommen.

Labans Zwillingsbruder tauchte mit einem Reifen an der Hausecke auf. Er zeigte mit dem Finger auf das Boot. »Für Laban?«

Charles nickte.

Levi machte eine saure Miene. »Ich will eins.«

Charles grinste. Levi schien das Temperament seiner Mutter geerbt zu haben. »Einverstanden«, sagte Charles. »Sobald ich mit dem hier fertig bin.«