»Vielleicht während meines Lebens. Aber langfristig möchte ich mich da nicht festlegen. Die Yankee-Politiker sind unberechenbar; gierig und hinterlistig wie – aber lassen wir das. Ich bin ehrlich überrascht über den Namen, den du dir mit nur einem Schiff gemacht hast.«
»Auf der Mont Royal gibt es viele Neuerungen. Zwei kleinere Erfindungen stammen von mir; ich habe sie patentieren lassen.«
»Könnten diese zwei Gesellschaften sich denn nicht direkt ein Schiff bei der Werft in Brooklyn beschaffen?«
»Doch, aber sie möchten noch etwas mehr. Sie möchten, daß ich den Bau und die Planung überwache. Ich bin rein zufällig einer der wenigen Schiffsbauexperten des Südens geworden.« Cooper lächelte. »Du kennst doch die Definition eines Experten? Jemand, der von anderswoher kommt.«
Tillet lachte. Das Geräusch weckte seinen Enkel, der zu schreien anfing. Cooper streichelte die weiche, warme Wange, bis das Baby wieder ruhig war.
»Sei nicht zu bescheiden«, sagte Tillet zu seinem Sohn. »Du hast harte Arbeit geleistet in Charleston – ich hab’ das von vielen verschiedenen Seiten gehört –, und du arbeitest immer noch hart. Wenn ich mir nur all den Lesestoff betrachte, den du mit in die Ferien genommen hast: Schiffsbau, Eisen und Stahl – Bücher, die ich kaum zu tragen, geschweige denn zu verstehen imstande bin.«
Cooper zuckte die Achseln, aber er sonnte sich im unvermuteten Lob. »Um diesen Lernprozeß zu vervollständigen, werden wir schließlich im November nach Großbritannien gehen.«
»Mein Enkel auch?«
»Ja, wir alle. Der Arzt sagte, daß Judah mit der Amme reisen könne. Brunei will mich empfangen. Stell dir vor, ich kann eine Stunde mit dem Mann verbringen. Sein Talent, seine ungeheure Phantasie – es ist unglaublich. Er und sein Vater haben zusammen den Tunnel unter der Themse gebaut. Wußtest du das?«
»Nein. Aber wozu braucht man einen Tunnel unter einem Fluß? Was ist denn mit den Fähren? Oder mit den Brücken? Und überhaupt, wozu braucht jemand schnellere Schiffe? Ich erinnere mich an etwas, das der Herzog von Wellington über die Eisenbahnen in Europa gesagt hat. Er sagte, sie würden nur zu sozialer Unrast führen, weil die Armen dann auch herumreisen könnten. Ich habe ähnliche Gedanken, wenn ich an all den modernen Firlefanz denke. Zu revolutionär!«
»Das ist genau das Wort, Vater. Wir sind mitten in einer Revolution – eine friedliche Revolution der Industrie und der Erfindungen.«
»Wir sollten für eine Weile damit aufhören.«
»Das ist unmöglich – du kannst das Rad nicht zurückdrehen. Wir können nur noch vorwärts gehen.«
»Das klingt nicht gerade begeistert.« Tillet seufzte. »Aber lassen wir das auch. Du hast sicherlich einen Anspruch auf die Reise. Du hast sogar noch mehr verdient, und ich wollte dir etwas sagen.« Wiederum räusperte er sich. »Ich habe den Rechtsanwälten der Familie den Auftrag gegeben, Dokumente vorzubereiten, wonach die Eigentumsverhältnisse innerhalb der C.S.C. geändert werden sollen. Von nun an wirst du über einundfünfzig Prozent des Gesellschaftskapitals verfügen, und auch einen entsprechenden Prozentsatz vom Ertrag bekommen, und zwar ohne weitere Abzüge. Ich habe jeden Bericht, den du mir geschickt hast, gelesen. Bei dem Tempo, mit dem du Geld hereinholst, wirst du mit der neuen Regelung bald ein sehr reicher Mann sein – und zwar aus eigener Kraft. Auch das ist eine Leistung.«
Es dauerte eine geraume Weile, bis Cooper sich von seiner Überraschung so weit erholt hatte, daß er sagen konnte: »Ich weiß nicht, wie ich dir für dein Vertrauen und für deine Großzügigkeit danken soll.«
Tillet winkte ab. »Du bist mein Sohn. Du hast deinem Erstgeborenen meinen Namen gegeben. Das ist Dank genug. In der Familie sollte es keinen Streit geben.«
Es klang diesmal etwas schärfer. War es eine Bitte? Eine Warnung? Hoffentlich nicht, dachte Cooper. Ich hoffe nicht, daß er sich auf diese Art mein Schweigen oder meine Bejahung seiner Ansichten sichern will. Ich liebe ihn, aber ich bin nicht käuflich.
Dann fragte er sich, ob er undankbar war. Eigentlich wollte er Tillet fragen, was er genau mit der Bemerkung über Familien, die sich nicht streiten sollten, gemeint hatte, aber er wollte den Frieden an jenem Abend nicht zerstören. Er war so zerbrechlich wie der Frieden der Nation. Er würde nicht von Dauer sein.
In beiden Familien wurde der Sommer willkommen geheißen. Es herrschte eine entspannte, freundliche Stimmung, eine Stimmung, zu der jeder nach besten Kräften beitrug. Sogar Constance und Isabel unterhielten sich ab und zu.
Politische Fragen wurden in beiderseitigem Einvernehmen nicht angetastet – mit einer Ausnahme. Virgilia, die eines Abends zu sehr dem Wein zugesprochen hatte, brandmarkte die jüngsten offiziellen Erklärungen von William Yancey, einem Rechtsanwalt aus Georgia und früheren Kongreßmitglied, der das geistige Erbe von Calhouns radikalsten Ansichten angetreten hatte. Der Süden hatte immer noch Ressentiments gegen Senator Seward aus New York. Seward hatte die Wilmot-Klausel mit der Begründung verfochten, sie diene einem höheren Gesetz als der Verfassung, dem Gesetz Gottes, das eines Tages stärker als die Sklaverei sei. Yancey griff den Senator vom Rednerpult aus aufs Heftigste an. Als Virgilia davon hörte, bedachte sie Yancey mit einer Serie von Schimpfnamen einschließlich Zuhälter. Es dauerte nicht lange, und Yancey wurde für sie zum Stellvertreter des Südens. Orry explodierte:
»Was für ein Riesengebäude von Selbstgerechtigkeit Sie doch hier im Norden gezimmert haben, Virgilia. Sündigen tut man nur unterhalb der Mason-Dixon-Linie, und es macht ja nichts, daß Iowa jeden freien Neger, der es auch nur wagt, einen Fuß in den Staat zu setzen, schärfstens bestraft. Auch die Heuchelei ist nur im Süden zu finden, und es macht ja nichts, daß Kalifornien, das von euren Politikern so eifrig als freier Staat in die Union gezerrt wurde, Männer in den Senat schickt, die für die Sklaverei sind. Sie, Virgilia, würden so was nie zugeben. Sie machen einfach die Augen zu und speien Gift.«
Er schmiß seine Serviette zur Seite und verließ den Tisch. Zehn Minuten später stellte George seine Schwester zur Rede und schrie auf sie ein, bis sie versprach, sich zu entschuldigen. Sie tat es mit großem Widerwillen.
Mit Ausnahme dieses einen Ausrutschers verstrichen die warmen, euphorischen Tage weiterhin friedlich. Brett entzückte jedermann mit ihrem Klavierspiel. George schien im Krocket unschlagbar. Auf der Veranda diskutierte man lebhaft über die eifrigen Bemühungen einiger Prediger, den unzüchtigen Roman ›Der scharlachrote Buchstabe‹ von Hawthorne auf die schwarze Liste zu setzen. Einer der geistlichen Würdenträger nannte das Buch ›die Vermarktung der Lust‹.
Isabel und Tillet waren sich darüber einig, daß solche Schundliteratur von Gesetzes wegen verboten sein sollte. George meinte, daß jeder, der diese Ansicht teilte, nichts von Redefreiheit wisse. Clarissa warf schüchtern ein, daß der Roman zwar sicher unanständig sei, George aber grundsätzlich recht habe.
»Weib«, brüllte Tillet, »du weißt nicht, worüber du sprichst.« Glücklicherweise wurde die Diskussion gleich darauf in andere Bahnen gelenkt, weil Ashton, Billy und Vetter Charles auf dem Rasen vor dem Haus der Mains auftauchten.
Die jungen Leute waren gerade auf dem Weg zum Strand. Sie gingen fast jeden Abend dorthin, mit Charles als Anstandsdame. Das amüsierte Orry. Charles hatte sich zwar verändert, aber es erweckte doch den Anschein, als hätte man den Teufel als Missionar engagiert.
George sah zu, wie die jungen Leute langsam im Mondlicht verschwanden. Dann sagte er zu Orry: »Mir scheint, als hätte sich deine Schwester Billy auserkoren.«