»Nicht so schnell, George«, rief Constance halb scherzend, halb ernst. »Billy wird nächsten Sommer zur Akademie gehen. Für vier Jahre.«
»Trotzdem«, warf Orry ein, »ich glaube, George hat recht.«
Er befand es nicht für nötig, zu sagen, daß er jedoch Zweifel an einer Heirat hegte. Ashton war zu unbeständig. Aber sie könnte sich natürlich noch ändern – wie Charles. In der Erwägung dieser Möglichkeit fügte er hinzu: »Ihr solltet mit Billy nach South Carolina kommen.«
»Oh, ja, wir würden uns freuen, euch bei uns begrüßen zu dürfen – euch alle«, sagte Clarissa. Virgilia, die am andern Ende der Veranda saß, blickte skeptisch.
»Ich würde Mont Royal gerne sehen«, sagte Constance.
Orry lehnte sich vor. »Weshalb nicht im Herbst? Der Oktober ist bei uns einer der schönsten Monate. Cooper würde sich freuen, euch Charleston zu zeigen, und danach könntet ihr für einen langen Besuch zu uns kommen.«
»Einverstanden«, sagte George, nachdem Constance seine Hand gedrückt hatte, um ihm Mut zu machen.
Einen Augenblick später schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Virgilia beobachtete und verfolgte das ganze mit großem Interesse. Wenn sie sie mitnähmen, würden die Mains ihr gastfreundliches Angebot vielleicht bereuen.
Charles lehnte sich gegen den feuchten Felsen; das Mondlicht streichelte seine Augenlider, während er sich nackte Oberschenkel in allen möglichen Schattierungen von rosa bis braun vorstellte. Er dachte besonders an diejenigen von Cynthia Lackey, einem drallen und willigen Mädchen. Charles hatte sie in der ersten Sommerwoche getroffen, als er im Kolonialwarenladen ihres Vaters Süßigkeiten eingekauft hatte.
Zu seiner Linken hörte er Gelächter. Er öffnete die Augen und sah zwei Gestalten aus dem Schatten der Klippen auftauchen, zwei Gestalten, die eher wie eine aussahen. Eng umschlungen gingen sie über den im Mond schimmernden Sand.
»Paß auf, da ist unsere Anstandsdame«, sagte Billy. Ashton kicherte. Der Schatten teilte sich. Charles verscheuchte den letzten Rest seiner erotischen Phantasien, doch die Spannung in der Leistengegend blieb. Es war Zeit, Cynthia wieder mal aufzusuchen.
Ashton glättete sich das Haar. Billy stopfte das Hemd in die Hose. Charles hatte Mitleid mit seinem Freund. Er war zwar nicht genau darüber im Bild, wie erfahren Ashton war, aber er hatte seinen Verdacht. Zweifellos würde sie es glänzend verstehen, ihren Bewerber so lange aufzureizen und zu erregen, bis er vor lauter Frustration einen glasigen Blick bekäme. Charles stellte genau diesen Blick an Billy fest.
Auf dem Heimweg schmiedete Ashton Pläne für den folgenden Abend: erst Muscheln suchen, dann ein Treibholzfeuer am Strand und dann…
»Tut mir leid, das geht morgen abend nicht«, unterbrach sie Charles. »Billy und ich müssen einer schon längst fälligen Verpflichtung am andern Ende der Insel nachkommen.«
Verblüfft sagte Billy: »Tatsächlich? Ich erinnere mich nicht – « Charles deutete ihm mit einem Rippenstoß an, daß er schweigen solle.
Ashton schmollte und wurde ihnen mit ihrer Quengelei lästig. Doch Charles lächelte und blieb unnachgiebig. Nachdem Billy Ashton bis zur Tür des Hauses an der Beach Road begleitet hatte, stürzte er auf die Veranda, wo Charles im Mondlicht saß, ein Bein auf dem Geländer.
»Was zum Teufel soll diese blöde Abmachung am andern Ende der Insel?«
»Mein Junge, das ist überhaupt nicht blöde. Ich werde dich Miß Cynthia Lackey und ihrer Schwester Sophie vorstellen. Aus sicherer Quelle weiß ich, daß Sophie ihrer Schwester Cynthia in keiner Weise nachsteht, wenn es darum geht, Jungen zu verwöhnen und sich von ihnen verwöhnen zu lassen. Hast du schon mal mit einem Mädchen geschlafen?«
»Natürlich.«
»Mit wie vielen?«
Charles blickte Billy unverwandt an, und Billy gab schließlich zu: »Na schön, ich hab’ noch nie.«
»Das hab’ ich mir gedacht. Du wirst dich an diesen Sommer erinnern.«
Er klopfte seinem Freund auf die Schulter. »Abgesehen davon weiß ich, daß die liebe Ashton für ihre Gefallsucht bekannt ist. Ich habe euch zwei so oft allein gelassen, daß ich glaube, daß dir ein Abend mit Miß Sophie die sicher nötige Erleichterung verschaffen wird.«
Am nächsten Abend fuhren sie mit einer Ponykutsche zu den Lackeys. Morgens um zwei fuhren sie nach Newport zurück; Billy bedankte sich bei seinem Freund und meinte, daß er diesen Sommer bestimmt nicht vergessen würde.
»Aber ich möchte den Süden kennenlernen«, sagte Virgilia zu George. »Und ich bin eingeladen worden.«
»Sie haben dich aus Gründen der Höflichkeit eingeladen, das ist alles.« Seit zwei Tagen waren sie wieder in Lehigh Station. Dies war ihre vierte Auseinandersetzung wegen der Reise. »Sie sind nicht darauf erpicht, daß du sie dort unten dauernd kritisierst und dich Tag und Nacht über ihren Lebensstil lustig machst«, sagte George. »Wahrscheinlich würdest du hiermit in Mont Royal herumstolzieren wollen.« Er hob mit einer heftigen Bewegung das breite Satinband auf, das sie mit ins Arbeitszimmer gebracht hatte. Sie würde das Band am Samstag bei einer Parade der Freie-Boden-Partei in Harrisburg tragen. Auf dem Band war der Parteislogan zu lesen: Freiheit des Bodens – Freiheit der Rede – Freiheit der Arbeiter – und Freiheit für die Menschheit. »Dich mitzunehmen hieße, mit einer brennenden Fackel durch einen dürren Wald zu laufen. Ich wäre ein Idiot, wenn ich ja sagte.«
»Und wenn ich dir verspreche, daß ich mein allerbestes Verhalten an den Tag lege? Ich glaube, es wäre gut, wenn ich den Süden mit eigenen Augen sehen könnte. Wenn du mich mitnimmst, werde ich kreuzbrav sein. Ich werde nicht ein Wort über Bodenfreiheit oder irgend etwas sagen, das die Mains beleidigen könnte.«
Er starrte sie durch den Zigarrenrauch an. »Ist dir das ernst? Wärst du die ganze Zeit über höflich?«
»Ja, ich verspreche es. Ich schwör’ es dir auf die Bibel, wenn du möchtest.«
Es gelang ihm, ein Lächeln aufzusetzen. »Das ist nicht nötig.« Er spitzte den Mund, stieß eine Rauchwolke aus und erwog das Risiko.
»Also einverstanden. Aber beim ersten Ausrutscher schicke ich dich nach Hause.«
Sie warf ihm die Arme um den Hals und bedankte sich überschwenglich. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so jungmädchenhaft benommen. Einen Augenblick lang glaubte er, wieder eine Schwester zu haben.
Als Virgilia an jenem Abend zu Bett ging, war sie zu aufgeregt, um schlafen zu können. Als der Schlaf sie schließlich übermannte, träumte sie von schwarzen Männerkörpern.
29
Die Reisegesellschaft der Hazards setzte sich aus acht Mitgliedern zusammen: Maude, George und Constance, die Kinder, das Kindermädchen, Billy und Virgilia. Alle außer Billy wurden auf der stürmischen Reise nach Charleston seekrank. Nach einigen Tagen der Erholung in Coopers Haus ging es ihnen rasch wieder besser.
Die Mont Royal lag zufällig im Hafen und wurde mit Baumwolle beladen, die nach New York verfrachtet werden sollte. Cooper zeigte ihnen das ganze Schiff, wobei er sie auf jede Einzelheit aufmerksam machte, vom schlanken Bug bis zur modernen Propellerschraube. Da die Gäste nicht so viel von den technischen Neuerungen verstanden wie ihr Gastgeber, konnten sie auch nicht ganz so begeistert sein, doch alle vermochten die äußere Form des Schiffes zu würdigen. Es war schlank, elegant und unverkennbar modern.
Als nächstes nahm Cooper sie mit nach James Island, zu dem Grundstück, das er früher erworben hatte. »Ich möchte hier mit meinen Erträgen aus der C.S.C. eine Werft bauen. Für Handelsschiffe. Die Werft soll die beste an der Ostküste werden.«
»Du redest beinahe schon wie ein Yankee«, sagte George. Sie lachten beide.
Cooper und Judith zeigten ihnen die Sehenswürdigkeiten von Charleston, einschließlich der Marmor-Gedenktafel auf dem Grab von Calhoun auf dem St. Philip-Friedhof. Dann machte Cooper den Vorschlag, daß man – sofern Interesse vorhanden – zu einer Versammlung der sogenannten Charleston-Koalition für die Rechte des Südens ginge.