»Ist das eine politische Partei?« fragte George.
»Das weiß man nicht so genau«, antwortete Cooper. »Noch nicht. Andererseits verschwinden die traditionellen Parteien schneller, als ich hinschauen kann. Die Liberalen und Demokraten haben hier unten fast keine Bedeutung mehr.«
»Wer ist an ihre Stelle getreten?« wollte Virgilia wissen.
»Gruppierungen, die sich in zwei Lager teilen. Auf der einen Seite befinden sich die Unionisten mit Männern wie Bob Toombs aus Georgia, die den Süden lieben, aber die bittere Pille der Sezession nicht schlucken können; auf der anderen Seite stehen die Radikalen: Yancey, Rhett, Ashtons Freund Huntoon – übrigens wird er einer der Redner bei der Versammlung sein. Wahrscheinlich werden Sie sich über das, was Sie zu hören bekommen, nicht freuen«, die liebenswürdige Anspielung brachte ein steifes und humorloses Lächeln auf Virgilias Lippen, »aber Sie werden eine Vorstellung davon bekommen, wie man in Charleston denkt.«
Nur George und seine Schwester nahmen seine Einladung an. George befürchtete, daß Virgilia trotz ihres Versprechens eine Szene machen würde, ja vielleicht sogar einen der Redner mit Beleidigungen unterbrechen würde. Doch sie schien sich nicht groß um die Reden zu kümmern, sondern in Gedanken versunken. Als Huntoon am Rednerpult auf die Notwendigkeit ›einer großen Sklavenbesitzenden Republik vom Potomac bis zu den südlichen Gefilden‹ hinwies, flüsterte sie George zu, daß sie frische Luft brauche, und ging hinaus.
Sie rannte durch das düstere Treppenhaus ins Foyer. Und da war er auch – er lungerte mit den andern Kutschern vor dem Haupteingang herum – ein außerordentlich gutaussehender Schwarzer in einer Samtlivree. Sie war schon früher auf ihn aufmerksam geworden, als er seinem Herrn die Kutschentür öffnete – Huntoon, wie ihr plötzlich klarwurde.
Ihr Busen fühlte sich straff und schwer an, als sie auf und ab ging und sich mit ihrem Spitzentaschentuch Luft zufächelte, damit alle sahen, weshalb sie den Saal verlassen hatte. Schweißperlen glitzerten auf ihrer Oberlippe. Immer wieder mußte sie den Neger ansehen.
Durch die offene Tür hinter ihr vernahm sie die donnernde Stimme Huntoons: »Unsere Sitten und Gebräuche müssen der amerikanischen Flagge folgen, wo sie auch immer wehen mag. Wenn unser System sich nicht stetig ausbreiten kann, wäre dies gleichbedeutend mit einer Niederlage. Das werden wir nicht zulassen.«
An dieser Stelle wurde er von begeistertem Applaus und lauten Zurufen unterbrochen. Das Publikum stampfte wie wild. Das Getöse strömte vom Saal her auf sie zu, überwältigte sie und steigerte ihr Verlangen. Hinter dem Rücken eines anderen Kutschers versuchte sie den Blick des großen Schwarzen zu erhaschen.
Er bemerkte sie, wagte es jedoch nicht, einer weißen Frau gegenüber Gefühle zu zeigen, aus Angst, dafür bestraft zu werden. Sie verstand und versuchte, ihr Verständnis und noch etwas anderes mit einem langandauernden Blick zu übermitteln. Überrascht zog er die Brauen hoch. Dann lächelte er sie über die Schulter des andern Kutschers hinweg an. Sie hielt den Atem an. Vier seiner Vorderzähne fehlten. Er war einer jener Unglücklichen, die von ihren Besitzern auf diese entwürdigende Art und Weise markiert wurden.
Eine Sekunde lang blickte er mit seinen dunklen, schimmernden Augen auf ihre Brüste. Sie glaubte das Bewußtsein verlieren zu müssen.
Er verstand! Ein andrer Kutscher bemerkte seinen starren Blick und drehte sich nach dem Gegenstand seiner Aufmerksamkeit um. Angesichts der weißen Haut von Virgilia sah er seinen Gefährten schockiert und ungläubig an.
»Da bist du«, rief George und eilte auf sie zu. »Du bist so schnell verschwunden, daß ich mir Sorgen machte. Ist dir übel?«
»Nein, es war bloß zu heiß da drin. Jetzt geht es mir besser.« Sie hakte sich bei ihm ein und führte ihn in den Saal.
Es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von dem großen Schwarzen loszureißen. Auf dem Weg zurück zur Tradd Street erkundigte sie sich, ob es irgend etwas Besonderes bedeute, wenn einem Sklaven mehrere Zähne fehlten. »Ich habe einen solchen Mann draußen vor dem Saal gesehen.«
George wurde nervös, während Cooper den möglichen Grund für das Ausziehen der Zähne erläuterte. Virgilia reagierte, als ob sie noch nie etwas davon gehört hätte, aber sie verhielt sich ruhig. Dann sagte Cooper: »Der Mann, den Sie gesehen haben, muß der Sklave von Huntoon sein, Grady. Groß? Gutaussehend?«
»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht«, log Virgilia und preßte die Beine unter ihrem Kleid zusammen. Sie hatte die Information, die sie benötigte.
Grady. Sie sprach den Namen genußvoll vor sich hin, bevor sie an jenem Abend in den Schlaf sank. Vom duftenden Garten her wehte eine warme Brise. Der süße Duft und die feuchte Nacht steigerten ihr Verlangen, bis es schmerzte.
»Grady«, flüsterte sie im Dunkeln. Sie wußte, daß sie ihn nie wiedersehen würde, aber sie wünschte sich, es wäre anders.
Gerade als die Hazards in Mont Royal ankamen, wurde das Wetter kühler. Das klare, weiche Oktoberlicht verlieh den Tagen eine melancholische Schönheit, doch Billy bemerkte sie nicht. Er bemerkte überhaupt kaum etwas oder jemanden außer Ashton.
Er verbrachte jede freie Minute mit ihr. Sie ritt oft mit ihm auf der Plantage herum, aber er hatte den Verdacht, daß das meiste, was sie ihm darüber erzählte, erfunden war. Er spürte, daß sie wenig Verständnis oder Interesse für den Reisanbau aufbrachte.
Die Sklavensiedlung faszinierte Billy auf eine fast morbide Art und Weise. In den Augen der Neger sah er Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit; ab und zu war ein Lachen zu hören, aber nicht oft. Zum erstenmal begann er zu begreifen, weshalb Virgilia, Constance und die übrige Familie dieses System ablehnten.
Früher hatte er mehr oder weniger ihre Haltung übernommen – sie war korrekt und emotionslos. Als er jedoch durch die schmutzigen Straßen zwischen den schäbigen Hütten hindurchritt, veränderte sich plötzlich etwas in ihm. Wenn die Sklaven so sorglos und glücklich waren, wie die Südstaatler behaupteten, so war auf dieser Plantage jedenfalls nichts davon zu sehen. Wut stieg in ihm auf. Das Unrecht war himmelschreiend. Es war, als hätte er einen Splitter in seinem Fuß: Die Wunde war nicht tief genug, um etwas dagegen zu unternehmen, erinnerte ihn jedoch dauernd an das Unrecht.
Auch in seiner Beziehung zu Ashton erging es ihm ähnlich, doch es war ihm anfangs nicht klar, weshalb er sich in ihrer Gegenwart nicht wohlfühlte. Sie erregte ihn immer noch, auch wenn der Sex kein Geheimnis mehr für ihn war, nachdem er mit dem Newport-Mädchen herumgespielt hatte. Erst war er in Verlegenheit geraten, als er sich auszog, doch dann hatte er die Stunde mit Sophie genossen.
Körperlich war und blieb Ashton eines der perfektesten Geschöpfe, das er je gesehen hatte. Auch wenn sie nicht unbedingt intelligent war, so zeichnete sie sich durch eine angeborene Gewandtheit und Schlagfertigkeit aus. Was ihn beunruhigte, wie er am Ende seiner ersten Woche in Mont Royal feststellte, war die Art, wie sie ihn küßte, sein Gesicht berührte oder ihn ansah – erwachsen; es gab kein anderes Wort dafür. Und doch war sie dieses Jahr erst fünfzehn geworden.
Zu Ehren der Gäste veranstaltete Orry am Samstagabend ein Picknick. Verwandte und Nachbarn strömten in der kühlen Dämmerung herbei. Unter den Gästen befand sich eine hübsche Frau namens Mrs. LaMotte, der Orry mit äußerster Zuvorkommenheit begegnete. Sie verbrachte fast die ganze Zeit ohne ihren Mann, der sich in Männergesellschaft befand und, den gedämpften Stimmen und dem schallenden Gelächter nach zu schließen, Zoten erzählte.
Als die Dunkelheit hereinbrach, wurden Fackeln angezündet, die gleichzeitig die Insekten abhielten. Billy und Ashton verließen die Gesellschaft und stahlen sich, Hand in Hand, zum Fluß davon.