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Aber sie hatte das Gefühl, daß es zu spät war.

Billy lehnte sich schielend über den Hals seines Pferdes. Es goß in Strömen, und er sah kaum einen Meter weit. Bäume krachten, Äste knackten und segelten davon. Obwohl es kaum später als vier Uhr sein mochte, war der Himmel von einem unheimlichen, dunklen Grau überzogen.

»Da ist das Haus«, schrie ihm Charles, der vor ihm ritt, zu. Billy konnte nur den hin- und herschlagenden Schweif des Pferdes sehen. Ohne Charles wäre er verloren gewesen. Der Ritt durch den heftigen Wind hatte ihn erschöpft. Charles schrie noch irgend etwas, aber es ging in einem ohrenbetäubenden Krachen unter. Als Billy aufblickte, sah er, wie sich ein riesiger Ast von einer Eiche löste und geradewegs auf ihn zufiel. Er gab dem Pferd die Sporen. Er wurde von kleineren Zweigen getroffen, aber der schwerste Teil des Astes verschonte Roß und Reiter.

Das Pferd geriet in Panik und bäumte sich auf. Eine Hand kam aus der Dunkelheit hervor, streichelte das Tier und beruhigte es. Als der Schrecken nachgelassen hatte, fragte Charles:

»Ist alles in Ordnung?«

Billy schluckte und nickte.

Fünf Minuten später waren sie im Stall. Die andern Pferde waren unruhig. Billy und Charles übergaben ihre Pferde den verängstigten Stallburschen und legten Pfeile und Köcher auf einen Ballen Heu. Zwei nasse, müde und unglückliche Jäger. Sie hatten den ganzen Tag nur einen einzigen Rehbock gesehen. Charles hatte Billy den Vortritt gelassen, doch Billys Pfeil flog zu weit, und der Bock flüchtete. Daraufhin hatte Charles Billys Hemdzipfel entzweigeschnitten – die traditionelle Kennzeichnung eines Anfängers, der sein Ziel verfehlt hatte.

Billy war zwar verstimmt, aber der Mißerfolg überraschte ihn nicht. Den ganzen Tag war er von Gedanken an Ashton abgelenkt worden. Er sah sie jetzt realistischer und nicht mehr durch Emotionen verzerrt. Sie war immer noch ein schönes Mädchen, in mancherlei Hinsicht begehrenswert, aber sie war nichts für ihn. Er war dankbar, daß er dies gerade noch rechtzeitig entdeckt hatte.

»Gott sei Dank ist die Ernte schon eingebracht worden«, schrie Charles, als sie in Richtung Haus rannten. »Manchmal dringt das Salzwasser durch den Sturm bis hierher, und die Felder werden verseucht.«

»Ich dachte, die großen Stürme kämen im August oder im September.«

»Normalerweise ja, aber sie können auch später kommen, manchmal bis in den November hinein.«

Sie erreichten das Haus. Keuchend vor Erleichterung rannten sie hinein und sahen sich verdutzt in der Halle einer ängstlichen Gruppe von Familienmitgliedern gegenüber. »Nun, zumindest seid ihr beide sicher«, sagte George mit angespannter Stimme. Billy strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. »Was ist?«

Orry antwortete. »Deine Schwester wollte heute vormittag ausreiten. Ich habe ihr einen meiner Sklaven mitgegeben. Sie sind immer noch nicht zurück.«

Billy bemerkte Brett neben der Treppe. Sie blickte ihn angstvoll an, als er zu Orry sagte: »Sollen wir nochmals satteln und sie suchen gehen?«

»Ich habe die gleiche Frage gestellt«, sagte George, »aber Orry ist dagegen.«

»Mit gutem Grund.« Orry klang gereizt, als hätte ihn die leichte Kritik von George verletzt. »Virgilia kann irgendwo auf einem der Dutzend Pfade und Wege herumreiten. Ich wüßte nicht, wo ich sie zuerst suchen sollte. Abgesehen davon ist der Sturm bereits so stark, daß wir weniger als zehn Meter an ihr vorbeireiten könnten, ohne sie zu sehen. Aber wenn du möchtest, George, dann gehe ich.«

»Nein, nicht, wenn es riskant ist. Ich wollte nicht heftig sein.«

»Cuffey ist ein zuverlässiger Bursche«, sagte Orry zu den andern. »Er wird sicher einen Unterschlupf finden. Ich bin sicher, daß ihnen nichts geschehen wird.«

Irgendwo über ihnen riß der Wind einen Fensterladen weg und fegte durch ein Zimmer; Möbel fielen um, und Glas klirrte. Clarissa eilte besorgt die Treppen hoch, gefolgt von Maude und drei Hausmädchen. Brett rannte zu Charles hinüber. Billy bemerkte etwas spät, daß Ashton nicht anwesend war.

»Ich bin froh, daß ihr beide zurück seid«, sagte Brett, indem sie Orrys Arm berührte, aber Billy ansah. Er blinzelte und sah sie buchstäblich zum erstenmal. Ihre Besorgnis überraschte und freute ihn.

Tillet schlug den beiden Jägern vor, mit ihm ein Glas Whiskey zu trinken, um sich aufzuwärmen. Charles willigte begeistert ein, und Billy schlenderte hinter ihnen her. Als er an Brett vorbeikam, ruhten seine Augen einen Augenblick auf ihr. Sie war jung, aber hübsch. Ihr Gesicht hatte im Gegensatz zu demjenigen von Ashton etwas Sanftes. Er fand sie äußerst anziehend.

Vielleicht hatte er seine Aufmerksamkeit dem falschen Mädchen geschenkt.

»Miss, wir täten besser daran umzukehren«, sagte Cuffey etwa eine Stunde, nachdem sie Mont Royal verlassen hatten.

»Nein, das hier ist so aufregend«, sagte Virgilia durch den brausenden Wind.

Cuffey schnitt eine Grimasse, aber da er sich vor ihr auf einem alten Maultier abmühte, konnte sie seine Reaktion nicht sehen.

Virgilia ritt im Damensattel. Sie hatte den jungen Schwarzen gebeten, ihr malerische Plätze am Fluß zu zeigen. Sie ritten auf einem engen, schlammigen Waldpfad. Die dichtgewachsenen Bäume hielten zwar das bereits schwächer werdende Licht ab, ließen jedoch den Regen durch.

Der Wind hatte an Heftigkeit zugenommen. Virgilia hatte noch nie einen Hurrikan erlebt, der aufkommende Sturm erregte sie jedoch auf eine vollkommen unerwartete Weise: Sie begann unter ihrem Reitkleid zu schwitzen. Ihr Korsett schmerzte sie.

»Cuffey, du hast die Frage nicht beantwortet, die ich dir vor einer Weile gestellt habe.«

»Ich mach’ mir Sorgen wegen des Sturms, Miss. Ich hab’ die Frage vergessen.«

Lügner, dachte sie eher mitleidig als wütend. Irgendwo hinter ihnen wurde ein Baum entwurzelt und krachte ins Unterholz. Der Boden zitterte.

»Können Sie hier eine Minute warten, Miss? Ich möchte schnell nachsehen, ob der Reitpfad nicht blockiert ist.«

Er spornte sein Maultier mit nackten Fersen an, warf einen nervösen Blick zurück und ritt davon. Ein hübscher Bursche, etwa im gleichen Alter wie Charles. Er war auch intelligent – tat aber sein Möglichstes, es zu verbergen. Er hatte offensichtlich Angst vor den Fragen, mit denen sie ihn in der letzten halben Stunde bombardiert hatte. Die Mains hatten ihn so eingeschüchtert, daß er seine scharfe, natürliche Intelligenz verleugnete und unterdrückte. Dies war ein weiterer Grund dafür, weshalb sie die Familie und die ganze verdammte Sklavokratie haßte.

Um nach South Carolina kommen und sich das System mit eigenen Augen ansehen zu dürfen, hatte sie Freundlichkeit vorschützen und ihre Überzeugungen, Emotionen und Wünsche unterdrücken müssen. Es war ihr nicht immer gelungen. Als der hochnäsige Orry Main sie heute von ihrem Ausritt hatte abhalten wollen, hatte sie ihm höflich die Stirn geboten. Sie hatte es grundsätzlich getan und auch deshalb, weil sie sich allein mit einem Sklaven hatte unterhalten wollen. Auf seinem eigenen Grund und Boden, sozusagen. Bis jetzt war das Gespräch aber eher einseitig verlaufen.

Cuffey kam zurück und trieb sein Maultier mit einem Knüppel an. Er schien sich vor einer erneuten Gesellschaft mit ihr zu fürchten und außerdem andere Sorgen zu haben.

»Miss, jener Baum ist gerade auf ein Nest von Mokassinschlangen gefallen, die nun über den ganzen Pfad ausschwärmen. Sie haben Angst vor dem Sturm und sind gefährlich. Wir können nicht auf dem Weg zurückreiten, sondern wir müssen einen andern Weg nehmen. Es wird etwa eine Stunde länger dauern.«

»Das macht nichts. Du bist ein ausgezeichneter Führer.«

Sie lehnte sich lächelnd vor, um seine Hand zu tätscheln, doch er zog sie zurück, als ob er Feuer berührt hätte. Dann gab er dem Maultier die Fersen. »Wir können nichts anderes tun, als bis zur Straße am Fluß reiten«, murmelte er.