Выбрать главу

»Da es eine Weile dauern wird, bis wir nach Hause kommen, kannst du ja unterdessen meine Frage beantworten. Ich möchte wissen, ob du weißt, was das Wort Freiheit bedeutet.«

Schweigen. Nur der Regen war zu hören. Sekunden wurden zu Minuten. »Nun sag schon, Cuffey«, doppelte sie nach.

»Ich glaube schon«, erwiderte er, ohne sich nach ihr umzudrehen.

»Hast du eine Ahnung, wie dein Leben aussehen würde, wenn du frei wärst?«

»Nein, Miss, ich mach’ mir keine Gedanken darüber. Ich bin glücklich hier.«

»Sieh mich an und sag das noch einmal.«

Er tat keines von beidem.

»Cuffey, ich könnte dir Geld geben, wenn du fliehen möchtest.«

Als er das hörte, wirbelte er mit seinem Maultier herum; er warf wilde Blicke um sich, als ob er den Regen durchbohren wolle.

Der arme Kerl befürchtete, daß jemand mitten im Wald zuhören könnte. Verdammt sollten sie sein! Zum Teufel mit jedem einzelnen Main, mit jedem Südstaatler, zum Teufel auch mit ihrem Bruder George. Er wurde ein richtiger Gimpel – ein Yankee mit Sympathie für den Süden. Sie würde alles hingeben, um die ganze Bande bestraft zu sehen.

Cuffey starrte sie mit großen, bittenden Augen an. »Ich würde nie davonlaufen, Miss. Mist’ Tillet und Mist’ Orry behandeln mich gut. Ich bin ein glücklicher Nigger.«

Wie verzweifelt das klang! Sie winkte höflich ab.

»Na gut. Geh’n wir weiter. Es gießt.«

Der Pfad führte sie tief in den Wald hinein, und es wurde zusehends dunkler. Hatte es anfänglich bloß stark geregnet, so goß es jetzt in Strömen, und sie war völlig durchnäßt. Sie erblickte zwei Hirsche, die sich nach Westen davonmachten. Das Dickicht belebte sich mit Rascheln und Knistern, als die Tiere vor dem dräuenden Sturm flüchteten.

Mit dem zunehmend heftigeren Wind wuchs auch Virgilias Wut. Sie hatte sich verstellt und falsche Versprechen abgegeben, um George dahin zu bringen, daß er sie mit in den Süden nahm. Jetzt war sie gar nicht mehr so sicher, ob sie den Rest der Ferien durchstehen konnte, ohne diejenigen, die Cuffeys Lebensgeister im Keim erstickt und seinen Mut beschnitten hatten, zu denunzieren. Sie wollte sie schlagen, verletzen…

»Was zum Teufel tust du hier, Nigger?«

Cuffey mußte am Waldrand angekommen sein. Er schrie jemanden an, den sie nicht sehen konnte. Sie ritt rasch an seine Seite und erblickte eine schöne Kutsche, die mit den Hinterrädern bis zur Nabe im Schlamm stak.

Der Kutscher saß immer noch auf dem Bock. Der Regen trommelte auf seinen kahlen Schädel, und er schwenkte das handgeschriebene Kärtchen, das er an einer Schnur um den Hals trug.

»Schrei mich nicht an, Nigger. Ich hab meinen Passierschein.«

Virgilia saß regungslos da. Das Gesicht des Kutschers war verzerrt, als ob er so den Regen abhalten könne. Wegen der Grimasse wurden seine Zähne sichtbar – die vier Vorderzähne fehlten. Etwas weniger feindselig sagte Cuffey: »Hab’ dich nicht erkannt, Grady. Was ist geschehen?«

»Wonach, zum Teufel, sieht’s denn aus? Die alte Mrs. Huntoon wollte, daß ich nach Charleston zurückfahre, damit Mr. Jim die Kutsche hat. Ich hab’ ihr gesagt, daß der Sturm die Straßen aufweichen würde, aber sie wollte nicht auf mich hören.«

Virgilia hörte Empörung, ja sogar unterdrückte Wut aus diesen letzten Worten. Die Besitzer von Grady hatten ihn seiner Männlichkeit nicht berauben können!

Cuffey bemerkte, wie der andere Sklave Virgilia mit großem Interesse anstarrte. Eine leise Warnung lag in seiner Stimme. »Diese Dame ist ein Gast von Mont Royal. Wir sind über den Reitweg gekommen, aber er ist jetzt voller Schlangen, und wir müssen einen Umweg machen.«

»Aber jetzt lieber nicht«, empfahl ihm Grady. »Zumindest die Dame nicht. Der Sturm ist zu heftig. Sie sollte in der Kutsche warten, und ich halte Wache. Und du reitest schnell wie der Wind nach Mont Royal und sagst ihnen, daß es ihr gut geht.«

Cuffey nagte an seiner Lippe. »Ich finde, du solltest gehen.«

»Du kennst den Weg besser als ich. Geh du!«

Cuffey sah elend aus. Er hatte offensichtlich Angst, bestraft zu werden, wenn dem Besuch etwas zustieß. Aber Grady war älter und stärker und schüchterte Cuffey ein. Doch dieser gab nicht nach, bis Virgilia ihre Stimme über das Wüten des Windes und das Klatschen des Regens erhob. »Ja, Cuffey, geh! Sie werden sich Sorgen machen. Ich bin bei diesem Mann in Sicherheit!«

»Einverstanden«, sagte er. »Aber paß gut auf sie auf, Grady. Ich komm’ so rasch wie möglich mit einigen Herren zurück.«

Er ritt davon. Als der Sturm das letzte Plopp der Hufe im Schlamm verschluckt hatte, kletterte Grady vom Bock herunter. Ohne den Blick auch nur eine Sekunde von Virgilia abzuwenden, ging er zur Kutschentür.

»Ich weiß nicht, ob Sie hier drinnen Schutz suchen möchten, Miss? Es könnte naß und schlammig sein.«

»Ja, besonders wenn die Tür nicht gut schließt.« Sie versuchte ihm mit ihrer Mimik und ihren Blicken zu zeigen, daß er keine Angst zu haben brauchte.

Er blickte sie kurz und prüfend an und packte dann mit beiden Händen den Türrahmen. Er zog heftig. Als er losließ, fiel die Tür in den Schlamm und war nur noch durch die unterste Angel mit der Kutsche verbunden. Die zwei anderen Angeln waren losgerissen.

Er zeigte mit dem Finger darauf. »Jetzt schließt sie bestimmt nicht mehr. Und das Wasser wird auch eindringen.«

»Was ist – « – sie schluckte – »was ist, wenn Cuffey sich daran erinnert, daß die Tür vorher nicht kaputt war?«

»Er ist zu aufgeregt, um sich an etwas zu erinnern. Und wenn doch, wird er nichts sagen. Dafür werde ich sorgen.«

Ihr schwindelte beinahe vor Erregung. »Wo können wir hin?«

»Nicht weit von hier ist eine alte, verlassene Mühle. Ich werde Wache stehen, wenn die andern wieder auftauchen, aber das wird mindestens noch ein paar Stunden dauern.« Er blickte sie noch einmal lange an, ergriff dann die Zügel ihres Pferdes und ging in Richtung Straße.

»Ich heiße Grady.«

»Ja, ich weiß.«

Er drehte sich um und lächelte ihr zu.

Die alte Mühle war voller Spinnweben, und es roch nach Schimmel. Das Dach hingegen war noch dicht und bot einen ausgezeichneten Schutz.

Virgilia war nervös wie ein Schulmädchen beim ersten Walzer – eine für sie ungewöhnliche Reaktion. Der Grund war Grady: Er sah so wild und doch so edel aus. Edel, obwohl seine Hände und Füße schmutzig und seine Kleider zerrissen waren.

Mit einem zynischen Blick fragte er: »Weshalb wollen Sie es tun?«

»Grady, Grady«, sie fuhr ihm mit der Handfläche über den kräftigen, nassen Unterarm, »sieh mich nicht so an. Ich will dir helfen.«

»Es gibt keinen weißen Mann und auch keine weiße Frau, die einem Nigger helfen würde. Nicht in South Carolina.«

»Im Norden ist es anders.«

»Kommen Sie von dort?«

»Ja. Im Norden haßt man die Sklaverei. Ich hasse die Sklaverei. Ich gehöre Organisationen an, die geflüchteten Sklaven helfen, ein neues Leben anzufangen. Ein Leben als freie Menschen.«

»Ich habe mir ein- oder zweimal überlegt, ob ich in den Norden gehen sollte. War mir nicht sicher, ob das Risiko es wert ist.«

Sie ergriff mit beiden Händen seinen Arm und preßte ihn stark. »Glaub mir, es lohnt sich.«

»Sie wollen mir also bloß helfen? Ist das alles?«

»Nein«, flüsterte sie, »du weißt, daß das nicht alles ist.«

Er grinste. »Aber ich frage mich immer noch warum. Bin ich Ihr erster Nigger?«

»Sei nicht so eingebildet!«

Ihre etwas heftige Reaktion provozierte ein polterndes Lachen. »Nun, Sie sind nicht gerade die hübscheste Frau, die mir je begegnet wäre…«

Sie biß sich auf die Lippen und quittierte die Beleidigung mit einem Lächeln. Er stellte die Machtverhältnisse klar.