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»… aber dafür haben Sie den wärmsten Blick.« Er streichelte mit den Fingerknöcheln sanft ihre Wangen. »Ich hätte nichts dagegen, mehr von Ihnen zu sehen.«

Einen Augenblick später entledigte sich Virgilia ihrer Beinkleider. Mit beiden Händen hob sie ihr Reitkleid und ihren Unterrock hoch. Grady lächelte nicht mehr.

»Oh! Ich glaube, ich war vorhin nicht besonders liebenswürdig. Sie sind doch hübsch!«

»Nein, bin ich nicht. Aber das macht nichts.«

»Aber ich muß Ihnen die Wahrheit sagen, Miss Virgilia. Ich bin noch nie mit einer weißen Frau zusammengewesen.«

»Dann komm«, sagte sie und wippte leicht mit dem Kleid.

Die Zeit existierte nicht mehr für sie, als sie ihn wieder und wieder in sich aufnahm. Und der Hurrikan tobte.

Auf die von Wind und Regen geschüttelte Nacht folgte ein sanftes, leises Morgenrot. Als es tagte, kamen George, Billy und Cuffey zur Mühle geritten. Grady stand draußen Wache.

»Wir haben stundenlang gesucht!« schrie Orry vorwurfsvoll. »Weshalb sind Sie nicht bei der Kutsche geblieben?«

Grady antwortete respektvolclass="underline" »Sir, wollt’ ich tun. So wie ich es auch Ihrem Nigger gesagt hab’. Aber die Kutschentür ging kaputt, und Wasser und Schlamm drangen ein. Kein geeigneter, trockener Platz für ‘ne weiße Dame. Ich erinnerte mich an diese alte Mühle, und wir kamen hierher, gerade bevor der Sturm so richtig losging. Ich wußte, daß Sie ‘n bißchen Schwierigkeiten haben würden, uns zu finden, aber ich wußte auch, Sie würden hier lang kommen, und Sie würden mich seh’n oder ich Sie. Bin die ganze Nacht hier Wache gestanden. Die Dame ist drin, und es geht ihr gut. Sie wird Hunger haben, aber sonst geht es ihr gut.«

Innerlich lachte er. Immer wenn er mit einem weißen Mann redete, verschluckte er Silben. Sie hatten dann das Gefühl, daß sie es mit einem dieser dummen, treuherzigen Neger zu tun hatten. Das Täuschungsmanöver funktionierte hervorragend.

Virgilia trat aus der Mühle heraus und gab vor, sehr erleichtert zu sein. Sie bedankte sich bei Grady für seine Höflichkeit und Loyalität. George sah erleichtert aus, als sie wieder hineinging, um ihre nassen Schuhe und Strümpfe zu holen – das einzige, das sie zum Schlafen ausgezogen hatte, wie sie sagte.

Der Sturm hatte der Küste entlang am schlimmsten gewütet. Als er über den Ashley und Mont Royal hinweggefegt war, hatte er zwar Bäume entwurzelt und Straßen blockiert, die Häuser aber nur leicht beschädigt. Die Sturmflut war nicht heftig genug gewesen, um das Salzwasser bis zu den Reisplantagen flußaufwärts zu treiben. Alles in allem konnten die Mains dankbar sein, daß ihnen das Schlimmste wieder einmal erspart geblieben war.

Am Mittwoch der letzten Ferienwoche der Hazards kündigte Virgilia an. daß sie mit der Schaluppe nach Charleston fahren würde, um einige Einkäufe zu erledigen, und bat um ein Hausmädchen als Begleiterin. Virgilias Verhalten war Maude ein Rätsel. Aber schließlich hatte sie sich während der ganzen Reise merkwürdig benommen, dachte Maude. Nun, vielleicht wollte sie nach Charleston, um für die Mains Geschenke zu kaufen? Maude hatte vor, ihre Geschenke von Lehigh Station abzuschicken. Wenn es ihrer Tochter ein Bedürfnis war, ihre Dankbarkeit schon vor der Rückkehr nach Hause auszudrücken, so wollte sie sie beileibe nicht daran hindern. Die Änderung in Virgilias Benehmen war viel zu positiv, als daß sie hätte eingreifen mögen.

Es erwies sich als doch nicht so einfach, von ihrer Anstandsdame wegzukommen, wie Virgilia sich vorgestellt hatte. Sie mußte warten, bis das Mädchen eingeschlafen war, was länger dauerte als erwartet. Schließlich schlich sich Virgilia aus dem Zimmer und die Hoteltreppe hinunter.

Die weiße Frau, die allein zu später Stunde durch die Meeting Street hastete, lenkte natürlich Blicke auf sich, aber sie würde diese Menschen ja nie wiedersehen. Ihre vor kurzem entbrannte Leidenschaft war stärker als ihre Angst vor einem möglichen Entdecktwerden. Sie traf Grady, der im Dunkel eines Torbogens kauerte, in einer Allee in der Nähe des Dock-Street-Theaters. Sie hatten in der Mühle Ort, Tag und Stunde ihres Treffens vereinbart. Er schnauzte sie an: »Du bist zu spät!«

»Es ging nicht anders. Hattest du Schwierigkeiten, dich aus dem Haus zu schleichen?«

»Nein, das war nicht schwierig, aber für Nigger begann vor einer halben Stunde Ausgehverbot. Mein Passierschein ist seit zwei Wochen nicht mehr gültig. Wir hätten uns tagsüber treffen sollen.«

»Bei Tageslicht könnten wir dies nicht tun.« Sie legte ihm die Arme um den Hals und küßte ihn wild. »Wir hätten Monate warten müssen, bis sich eine Gelegenheit geboten hätte. Aber wir haben beschlossen, daß es heute sein sollte, und wir haben die Entscheidung zusammen getroffen, erinnerst du dich?«

»Ja.«

Sie küßte ihn wieder und öffnete dann ihre Handtasche. »Da. Das ist alles Geld, das ich habe. Auf diesem Stück Papier steht eine Adresse für Philadelphia. Ein sicheres Haus, das von Quäkern geführt wird. Von Freunden«, verbesserte sie sich, als sie merkte, daß er den andern Begriff nicht verstand.

Er befingerte schüchtern den Zettel. »Das kann ich nicht lesen. Ich kann überhaupt nicht lesen.«

»O Gott, daran hab’ ich nicht gedacht.«

»Aber in klaren Nächten finde ich immer den Polarstern.«

»Natürlich! Frag bei einer Kirche nach, wenn du dich verlaufen hast. Kirchen sind zwar nicht immer der geeignete Ort für Ausreißer, aber ich weiß im Moment nichts Besseres – oder etwas, das leichter zu erkennen wäre. Nun zum Essen. Kennst du die Zahlen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Es kann also sein, daß man versucht, dich zu betrügen, wenn du Essen kaufst und nicht mit dem Geld umgehen kannst. Das könnte sogar Verdacht erregen. Stehlen wäre vielleicht weniger riskant, aber das mußt du selbst entscheiden.«

Er vernahm die Angst in ihrer Stimme und klopfte ihr sanft auf die Schulter. »Ich werde mir schon zu helfen wissen. Mach dir keine Sorgen. Jetzt habe ich einen guten Grund, um nach Norden zu gehen.«

Sie umarmten sich wieder, lange und innig. Sie preßte die Wange gegen sein sauberes Arbeitshemd. »Du hast mehr als nur einen Grund, Grady. Ich werde dir im Norden Schreiben und Rechnen beibringen. Du wirst neue Zähne bekommen, und dann bist du der schönste Mann der Welt.«

Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn im schwachen Lichtschein der Allee. »Ach, ich hab’ dich so gern.«

Es überraschte sie. Weshalb war es so gekommen? Weil sie den Mains und Konsorten eins auswischen wollte? Weil sie sich total für eine Sache engagieren wollte? Es war beides und noch etwas mehr.

Mit einem verlegenen Lächeln flüsterte er: »Manchmal habe ich das Gefühl, daß wir beide einmal in der Hölle büßen müssen.«

Es klang eher traurig. Sie versuchte ihn aufzumuntern. »In der Hölle des weißen oder jener des schwarzen Manns?«

»In der Hölle der Weißen. Ich habe gehört, dort soll es viel netter sein. Aber es kommt letzten Endes wohl auf dasselbe heraus.«

»Nein. Wir werden ein glückliches und sinnvolles Leben zusammen führen.«

Und George oder wer auch immer soll ja nicht versuchen, uns davon abzuhalten.

Ein Schatten tauchte am Ende der Allee auf. Eine Laterne blitzte auf.

»Wer ist das?«

»Lauf, Grady!« flüsterte sie ihm zu. Er verschwand in der Dunkelheit.

Sie zählte bis zehn. Ihr Herz klopfte wie rasend, als der Schatten sich näherte. Sie schmiß ihre Handtasche weg und rief: »Polizist? Bitte hierher. Ein Junge hat meine Handtasche geschnappt, und ich habe ihn verfolgt.«

Sie hatte Grady ihr ganzes Geld gegeben. Die Geschichte würde einleuchten. Der schwerfällige Polizist kam keuchend auf sie zu und leuchtete mit der Laterne in ihre Augen.

»Ein Nigger?«

»Nein, ein Weißer. Etwa fünfzehn, schätze ich. Am linken Ohrläppchen trug er einen kleinen Goldring. Ich mache jede Wette, daß er ein Schiffsjunge auf einem der Dampfer dort drüben ist. Bitte leuchten Sie mit Ihrer Laterne mal dort hinüber – ich glaube, ich sehe etwas.«