Einen Augenblick später zeigte sie ihm die Handtasche.
»Alles Geld weg. Es war dumm von mir, das Hotel zu verlassen, um frische Luft zu schnappen. Ich dachte, Charleston wäre für weiße Frauen nach der Sperrstunde für Sklaven sicher.«
Der Polizist fiel auf ihr geschicktes Täuschungsmanöver herein. Er stellte keine weiteren Fragen und begleitete sie sogar zum Hotel zurück.
Zwei Tage später tauchte der Besitzer von Grady in Mont Royal auf.
30
Als der Besucher angekündigt wurde, hatten sich Orry und die andern gerade um den Eßzimmertisch versammelt, wo Virgilia die Geschenke für die Familie ausgebreitet hatte. Bis jetzt hatte bloß Tillet sein Geschenk ausgepackt: eine teure Seidenkrawatte.
Orry stand auf. »Entschuldigt mich bitte, ich will nachsehen, was er will.«
»Ich kann es mir nicht vorstellen«, sagte Tillet. »Glaubst du, es könnte etwas mit Gradys Flucht zu tun haben?«
»Wieso?« entgegnete Clarissa. Dann bemerkte sie, wie ihr Gatte Virgilia anstarrte, die sich, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, am Kopfende des Tisches niedergelassen hatte. Sie schürzte in eigenartiger Weise die Lippen. Blasiert, dachte Clarissa im geheimen. Auch George fiel es auf, und er runzelte die Stirn.
Orry ging in die Halle hinaus. »James, guten Morgen.«
Er ergriff Huntoons Hand, die sich wie gewöhnlich weich anfühlte und zudem überraschend feucht war. Trotz des kühlen Wetters schwitzte der Besucher stark. Seine Brillengläser waren beschlagen. Als er sie an einem Zipfel seines Mantels abwischte und mit einer ruckartigen Bewegung wieder aufsetzte, wunderte sich Orry, wie Ashton es mit einem solchen Weichling aushalten konnte.»Was führt Sie hierher?« fragte Orry.
»Ich komme nicht aus gesellschaftlichen Gründen. Ist Ihnen bekannt, daß einer meiner Nigger davongerannt ist?«
»Ja. Grady. Wir haben es vernommen. Tut mir leid.«
»Es scheint mir kein reiner Zufall zu sein, daß ein Nigger, der früher nie die leisesten Anzeichen von Unzufriedenheit zeigte, gerade dann ausreißt, wenn Sie Besuch aus dem Norden haben.«
Orry nahm eine straffe Haltung ein. »James, Sie wollen doch nicht etwa unterstellen – «
»Ich unterstelle gar nichts«, unterbrach ihn Huntoon. »Ich sage es geradeheraus.«
Durch die offene Tür hatte er die Mains und ihre Gäste erspäht, und seine Stimme war so laut, daß man ihn hören konnte. Und schon wurde ein Stuhl beiseite geschoben. Orry erkannte den schweren Tritt seines Vaters.
Huntoon fuhr fort: »Ich bin überzeugt, daß jemand Grady dazu ermutigt hat, fortzurennen. Mehr noch, ich glaube, daß dieser Jemand in diesem Haus zu Gast ist.«
Tillet tauchte auf, gefolgt von den andern. Huntoon warf ihnen finstere Blicke zu.
»Orry, es ist allgemein bekannt, daß einer Ihrer Gäste aus dem Norden sich für die Befreiung der Nigger im Süden einsetzt. In jener Nacht, als der Sturm wütete, hat Grady bei eben diesem Gast angeblich Wache gehalten.« Huntoon schritt an ihm vorbei. »Ich möchte mich direkt an Sie wenden, Miss Hazard. Haben Sie meinem Sklaven zur Flucht verholfen?«
Orry packte Huntoon am Arm. »Moment mal, James. Sie können nicht hier hereinplatzen und meine Gäste ins Kreuzverhör nehmen. Es ist mir klar, daß Sie einen finanziellen Verlust erlitten haben, aber das ist keine Entschuldigung für – «
»Sie soll antworten«, entgegnete Huntoon unwirsch.
Die andern standen im Halbkreis um ihn herum. Ashton betrachtete Virgilia mit unverhohlener Feindseligkeit. Billy war ebenfalls wütend, aber auf Huntoon. Tillet blickte unglücklich, Clarissa war verwirrt, George bestürzt, Virgilia hatte trotzig das Kinn vorgeschoben.
Orry faßte sich und sagte: »Nein, James. Nicht bevor Sie uns einen Grund genannt haben.«
Huntoons Wangen röteten sich. »Wozu?«
»Es fällt mir schwer zu glauben, daß Sie nur wegen einer Vermutung gekommen sind, um gerade hier nach dem Schuldigen zu suchen.«
Blitzschnell antwortete Huntoon: »Es ist mehr als eine Vermutung. Erstens hat Miss Hazard, wie bereits gesagt, eine ganze Nacht in Begleitung meines Niggers verbracht – etwas, auf das sich eine weiße Frau aus dem Süden nie einlassen würde, aber das ist ja nebensächlich. Ich nehme an, sie hat Grady irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt – «
»Virgilia, bist du dir im klaren darüber, was dieser Mann sagt«, unterbrach ihn George.
Sie lächelte unbeirrt. »Völlig.«
»Dann sag ihm um Himmels willen, daß es nicht stimmt.«
»Weshalb sollte ich? Weshalb sollte ich auf sein Gewäsch eingehen?«
Orry bekam Magenschmerzen. Sie hatte nicht gesagt, daß sie ohne Schuld sei. Auch George war das klar, und er sah dementsprechend aus.
»Nun«, sagte Huntoon selbstgefällig, »da haben wir ein weiteres Beweisstück. Aus verläßlicher Quelle weiß ich, daß Miß Hazard an dem Abend in der Stadt war, als Grady aus Charleston flüchtete; er trug einen alten Passierschein bei sich, den ich leider zu vernichten vergessen habe.«
Das stimmte, erinnerte sich Orry.
Huntoons Stimme wurde lauter. »Sie war nur von einem Niggermädchen dieser Plantage begleitet, einem Mädchen, das wegen seiner rassentypischen Dummheit leicht getäuscht werden kann. Ferner bin ich informiert worden, daß dieses Mädchen an dem fraglichen Abend kurz nach neun aufgewacht ist und dabei entdeckt hat, daß Miß Hazard nicht mehr im Hotelzimmer war. Was, glauben Sie, hat sie zu so später Stunde anderes draußen getan, als meinem Sklaven zur Flucht verholfen?«
Huntoon ging energisch auf Virgilia zu. »Weshalb geben Sie darauf keine Antwort, Miß Hazard?«
»Ja, warum nicht«, sagte Ashton. »Es ist an der Zeit, daß Sie unsere Gastfreundschaft mit der Wahrheit entgelten.«
Tillet zupfte seine Tochter am Ärmel. »Halt dich da raus.« Aber sie war schon an ihm vorbeigeschlüpft und hatte sich, offensichtlich Partei ergreifend, bei Huntoon eingehakt.
Orry starrte seine Schwester an und begriff nun endlich, weshalb Huntoon ausgerechnet nach Mont Royal gekommen war. Ashton, die sich in ihrem Verdacht durch einige bruchstückhafte Informationen bestätigt sah, hatte ihn dazu aufgefordert. Ihr Benehmen schockierte ihn zwar, aber es überraschte ihn keineswegs. Es war längst klar gewesen, daß Ashton Virgilia nicht leiden konnte.
Orry erging es ähnlich. Virgilia trug immer noch eine blasierte Miene zur Schau. Er räusperte sich. »Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn Sie James’ Frage beantworten würden, Virgilia.«
»Beantworten? Wie?«
»Indem du sagst, daß es nicht stimmt!« platzte George heraus.
»Weshalb sollte ich?«
»Verdammt noch mal, Virgilia, hör endlich auf zu lächeln!« George achtete nicht darauf, wie seine Frau hörbar Atem holte. »Verdirb nicht alles. Sag, daß es nicht stimmt!«
»Das werde ich nicht.« Sie stampfte. »Ich lasse mich von diesem Mann nicht einschüchtern und tyrannisieren, wenn er selber Dreck am Stecken hat. Wie kann er etwas von Schuld faseln, wenn er sich Leibeigene hält?«
In einem Anflug von Verzweiflung sagte Constance: »Es stellt ja niemand deine Prinzipien in Frage. Aber sei doch vernünftig und vergelte die Großzügigkeit der Mains nicht mit Feindseligkeit und schlechten Manieren.«
»Tut mir leid, Constance, aber ich tue, was mein Gewissen mir sagt.«
Sie ist ebenso verrückt wie Huntoon, dachte Orry. Der Rechtsanwalt trat dicht an Virgilia heran.
»Sie haben es getan, nicht wahr? Deshalb wollen Sie es nicht leugnen.«
»Das werden Sie nie erfahren, Mr. Huntoon«, sagte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln.
»Was haben Sie meinem Nigger sonst noch alles gegeben? Ihre Gunst? Haben Sie mit ihm gevögelt, um ihm Ihre egalitäre Haltung zu beweisen? Das würde mich bei einer Abolitionistenhure nicht wundern.«