»Sir, was kann ich für Sie tun?« fragte eine dralle Köchin mit Schielaugen, offensichtlich hatte sie etwas dagegen, daß ein Fremder in ihr Revier einbrach.
»Ich möchte Miss Main sprechen.«
Brett schaute auf, sah ihn und wurde nervös. Mit der Schürze wischte sie sich das Mehl von der Wange. Als sie um den Tisch mit dem großen Hackbrett herumhastete, tauschten die Köche und Gehilfen verstohlen amüsierte Blicke.
»Ich wollte dir noch auf Wiedersehen sagen«, sagte Billy.
Sie strich sich einige Haarsträhnen aus der Stirn. »Ich dachte, du würdest dich von Ashton verabschieden.«
»Sie ist die Freundin von Mr. Huntoon.« Der Rauch reizte ihn so stark, daß er husten mußte. Brett ergriff spontan seine Hand.
»Komm, wir gehen nach draußen. Es ist höllisch heiß hier drinnen.« Das Wort höllisch ließ vermuten, daß sie entweder kühn oder nervös war. Billy entschied sich für letzteres.
Der kühle Herbstwind wirkte erfrischend. Langsam wich die Röte aus Bretts Gesicht. »Ich sehe bestimmt schrecklich aus. Ich hatte nicht erwartet, daß mich jemand aufsuchen würde.«
»Ich mußte dich einfach vor der Abreise noch sehen. Virgilia hat diese Ferien zwar verdorben, aber ich möchte nicht, daß damit auch die Freundschaft zwischen unsern Familien zugrunde geht. Wir sind ja erst dabei, uns kennenzulernen.«
»Wirklich? Du meinst – «
Sie wäre am liebsten auf der Stelle gestorben. Im entsetzlichen Bewußtsein ihres totalen Mangels weiblicher Grazie konnte sie kaum zwei Worte hintereinander aussprechen. Wie häßlich sie aussehen mußte, mit all dem Mehl und der Hefe im Gesicht. Aber sie war wirklich nicht auf diesen Besuch gefaßt gewesen, und das hatte sie ihm gesagt. Sie hatte zwar oft davon geträumt, daß er sie bemerken würde – aber um Himmels willen nicht, wenn sie schwitzend in der Küche stand.
»Ich hoffe, wir sind, wir werden – « Auch bei Billy war die Verlegenheit stärker. Er gab auf und lachte, und damit war das Eis gebrochen.
»Niemand macht dich für das Benehmen deiner Schwester verantwortlich«, sagte Brett.
Er betrachtete ihre Augen. Wie hübsch sie waren, und ganz ohne Falschheit. Sie war nicht so aufregend attraktiv wie Ashton und würde es auch niemals sein. Und doch strahlte sie eine gewisse Schönheit aus, dachte er, eine einfache und natürliche Schönheit, die teils auf ihren scheuen, sanften Blick und teils auf ihr liebevolles Lächeln zurückzuführen war. Es war eine Schönheit, die – im Gegensatz zu derjenigen ihrer Schwester – dem Alter standhalten würde. Es war eine Schönheit, die wie ein klarer, ruhiger Strom direkt zu ihrem Herzen führte.
So sah er es wenigstens durch sein romantisches Auge.
»Es ist lieb von dir, dies zu sagen, Brett. Virgilia hat sich völlig unmöglich benommen. Aber wir alle möchten, daß ihr nächsten Sommer wieder nach Newport kommt. Ich habe mich gefragt, ob – «
Die Hintertür des Herrenhauses öffnete sich, und das Kindermädchen streckte den Kopf durch die Tür.
»Master Billy? Wir haben Sie gesucht. Wir sind startbereit.«
»Ich komme.«
Die Tür wurde wieder geschlossen. Er ließ alle Vorsicht fahren. »Wenn Orry nach Newport kommen sollte, kommst du dann auch?«
»Ich hoffe es.«
»Inzwischen – ich kann zwar nicht gut schreiben – könnte ich dir vielleicht ab und zu einen Brief schicken?«
»Das wäre schön.«
Ihr Lächeln war so sanft, daß eine Welle der Freude ihn durchflutete. Durfte er sie küssen? Doch statt seinem Impuls nachzugeben und ihr einen Kuß auf die Wange zu drücken, bückte er sich, ergriff ihre Hand und drückte wie ein romantischer Ritter seine Lippen darauf. Dann rannte er wie der Teufel los – hauptsächlich, um seinen knallroten Kopf zu verbergen. Brett drückte ihre Hände auf den Busen und starrte ihm glückstrahlend nach. Endlich wandte sie sich um und ging ins Haus zurück.
In jenem Moment wurden die Sonnenstrahlen von den Fensterscheiben rotgolden reflektiert. Es war unmöglich festzustellen, ob jemand am Fenster stand. Aber Ashton konnte das nicht wissen. Da sie befürchtete, von ihrer Schwester entdeckt zu werden, zog sie rasch ihren Kopf von der Scheibe weg, durch die sie das ganze widerliche Schauspiel zwischen ihrer Schwester und Billy Hazard betrachtet hatte.
Brett war bald aus ihrem Blickfeld verschwunden, aber Ashton starrte noch lange regungslos auf das Fenster. Das durch den Spitzenvorhang fallende Sonnenlicht warf ein Schattenmuster auf ihr Gesicht – wie ein Spinnennetz. Doch ihre harte Mundlinie und die halb geschlossenen Augen verrieten ihre Wut.
»Papa, was wollte der Mann mit dem Schnurrbart?«
Die Frage kam von dem kleinen William Hazard, der sich an die Beine seines Vaters schmiegte. Patricia saß auf Georges Schoß, die Arme um seinen Hals und den Kopf müde auf seiner Schulter. Die beiden Kinder trugen Nachthemden aus Flanell.
In Belvedere roch es weihnachtlich nach frischen Tannenzweigen. Im Wohnzimmer vermischte sich der Duft mit demjenigen des Apfelbaumholzes im Kamin und dem Geruch von frischer Seife, der von den Kindern kam.
»Er wollte, daß ich wieder Soldat werde«, sagte George.
William wurde ganz aufgeregt. »Wirst du wieder Soldat werden?«
»Nein. Einmal ist genug. Ins Bett mit euch beiden.«
Er gab jedem Kind einen herzhaften Kuß und einen Klaps auf den Po, damit sie sich beeilten. Constance wartete auf sie in der Halle. Sie warf George ein Kußhändchen zu, krümmte die Zeigefinger vor der Stirn und meckerte wie ein Ziegenbock. Die Kinder kreischten vor Vergnügen und rannten davon. Sie liebten die abendliche Verfolgungsjagd. Manchmal spielte Constance einen Elefanten, manchmal einen Löwen, manchmal einen Frosch. Die Kinder erfreuten sich an ihrer Phantasie. Das überraschte George nicht. Auch er war entzückt.
Doch an diesem Abend war er, obwohl er mit den Kindern gespielt hatte, etwas desorientiert. Der Besucher hatte den Generaladjutanten der Miliz von Pennsylvania vertreten. Er hatte das Gespräch mit der Äußerung eröffnet, die Miliz brauche qualifizierte Offiziere, um sich auf den Krieg, der mit Gewißheit in den kommenden Jahren ausbrechen würde, vorbereiten zu können.
»Welcher Krieg?« wollte George wissen.
»Der Krieg, mit dem die verräterischen Äußerungen im Süden zum Schweigen gebracht werden können. Der Krieg, mit dem die persönliche Freiheit in den neugewonnenen Territorien der Nation garantiert werden soll.« Der Besucher entpuppte sich folglich als ein Befürworter der Freie-Boden-Partei. Würde George der Miliz beitreten, könnte er bestimmt mit einem Hauptmannsrang rechnen, erklärte der Besucher. »Meine Gewährsleute in Lehigh Station haben mir gesagt, daß Sie beliebt sind. Ich bin sicher, daß damit der Nachteil Ihrer West-Point-Ausbildung wettgemacht wäre.«
Er sagte dies mit einer solchen Herablassung, daß George ihn beinahe in den Schnee hinausgeworfen hätte. Die Erinnerungen an den Krieg in Mexiko verblaßten langsam, und die Öffentlichkeit kehrte zu ihrem alten Mißtrauen gegenüber dem Militär zurück – und zu ihrer Abneigung gegenüber der Militärakademie.
Der Besucher war hartnäckig, und George mußte sein Angebot dreimal ausschlagen. Beim dritten Mal war er so verärgert, daß er sagte, die Sklaverei dürfte nur mit friedlichen Mitteln abgeschafft werden.
George hatte die Disziplin des Soldatenlebens schon immer verabscheut und gehofft, ihm für immer entronnen zu sein. Noch mehr aber verabscheute er den Besucher und dessen spöttische Anspielung, daß George zu wenig patriotisch war, weil er andere Amerikaner nicht töten wollte. Als George daraufhin grob wurde, verließ der Mann abrupt das Haus.
Doch mit dem Besucher waren auch die alten, unbequemen Fragen wieder aufgetaucht. Wie konnte die Sklaverei im Süden abgeschafft werden, ohne zu Gewalt Zuflucht nehmen zu müssen? George wußte es nicht. Niemand wußte es. Und bei den meisten Gesprächen, die vielleicht zu einer Antwort geführt hätten, wurde die Vernunft meistens von den Emotionen beiseitegeschoben. Der Streit war zu tief verwurzelt und dauerte schon zu lange. Er war so alt wie die Missouri-Kompromißlinie von 1820. So alt wie die erste Schiffsladung voller Neger.