Er erinnerte sich an den Brief, den er schon seit einigen Tagen hatte schreiben wollen. Vielleicht war er deshalb liegengeblieben, weil er es haßte, nicht die ganze Wahrheit schreiben zu können. In gedrückter Stimmung setzte er sich an sein Pult und starrte etwa zehn Minuten auf das leere Blatt vor ihm, bevor er die ersten Zeilen schrieb:
Mein lieber Orry
Vielleicht kann ich die düsteren Erinnerungen an den vergangenen Herbst etwas abschwächen, wenn ich dir mitteile, daß meine Schwester auf meine Aufforderung hin ausgezogen ist. Virgilias Benehmen in ihren verschiedenen Abolitionistenvereinen wurde für uns alle unerträglich.
Mehr sagte er nicht. Er schrieb nichts darüber, daß Grady sicher in Philadelphia angekommen war, und daß Virgilia mit dem geflohenen Sklaven überall hinging. Sie hatte neue künstliche Zähne für ihn besorgt, und diese Angelegenheit hatte sie und George endgültig entzweit.
Sie hatte George um ein Darlehen für die neuen Zähne gebeten. Er war – unter einer Bedingung – einverstanden gewesen: daß sie damit aufhörte, mit Grady herumzustolzieren. Der Streit, der darauf folgte, war kurz, laut und bitter. Er endete damit, daß George ihr befahl, Lehigh Station zu verlassen. Stanley unterstützte für einmal seinen Bruder.
Virgilia und ihr Liebhaber lebten nun in Philadelphia. Vermutlich im Elend, dachte George. Es gab wohl einige Hausbesitzer, die gewillt waren, einem unverheirateten Paar eine anständige Unterkunft zu vermieten, aber niemals dann, wenn die Frau eine Weiße und der Mann ein Schwarzer war.
Über Gradys Vergangenheit war bis jetzt nichts bekanntgeworden. Virgilia war aber bereits in Konflikt mit sich selbst geraten, weil sie einerseits ihren Freund schützen und ihn andererseits für ihre Sache einsetzen wollte. Grady war bereits zweimal aufgefordert worden, in der Öffentlichkeit zu reden, hatte dies jedoch abgelehnt.
Der Ausreißer hatte jedoch vor Privatleuten in Philadelphia eine Rede gehalten, und einer der Abolitionisten war ein Geschäftsfreund von George. Entsetzt berichtete der Mann George, daß Grady zur Abschaffung der Sklaverei durch ›Rebellion, Brandstiftung, Terror oder andere wirkungsvolle Mittel‹ aufgerufen hatte. George hegte den Verdacht, daß die Rede zum größten Teil oder ganz von Virgilia geschrieben worden war. Nur die Götter mochten wissen, welche irrsinnigen Pläne sie und Grady ausheckten.
Was für ein Heuchler ich doch bin, dachte George. Er scherte sich einen Dreck um Virgilias Beziehung mit dem ehemaligen Sklaven, und doch beschützte er sie und protegierte einen Neger, der geflohen war. Aber es war wie ein Zwang, und doch hatte er ein ungutes Gefühl dabei, das Gefühl, seinen Freund zu verraten.
Gott, wie er diese unruhigen Zeiten haßte. Genau wie die Nation fühlte er sich immer mehr gespalten.
31
In jenem Winter kam Brett zu einem neuen Kavalier, obwohl sie ihn nicht eigentlich ausgewählt hatte.
In der Familie von Francis LaMotte mußte irgendwann mal jemand sportliche Züge gehabt haben, die in Forbes LaMotte zum Durchbruch gekommen waren. Er war weitaus größer als sein Vater, sah wesentlich besser aus und war zu einem strammen Mann herangewachsen, mit blondem Haar, stolzem Gang und einer Neigung zur Trägheit – außer wenn es ums Trinken, um Pferderennen oder um Schürzenjagd ging. Francis hatte die Hoffnung gehegt, daß sein Sohn die 1842 gegründete West-Point-Kopie, The Citadel, absolvieren würde. Doch Forbes wurde bereits nach einem Semester wegen mangelnder akademischer Leistungen von der Militärschule in Charleston gewiesen.
Forbes, der allzu leichten Mädchen der niederen Klassen überdrüssig und an Ashton Main nicht interessiert, hatte sein Augenmerk auf Brett gerichtet. Brett würde 1852 ihren vierzehnten Geburtstag feiern. Sie reifte rasch zur Frau heran und wurde zusehends ausgeglichener. Gleichzeitig war sie sich auch ihrer Anziehungskraft auf Männer bewußt geworden.
Forbes ritt nach Mont Royal, wo er um die Erlaubnis bat, Brett zu sehen. Normalerweise hätte er das Haupt der Familie um die Erlaubnis bitten müssen, aber mit Tillets Gesundheit ging es in letzter Zeit mehr und mehr bergab. Tillet litt an Atemnot und war die meiste Zeit ans Bett gefesselt. Orry war nun praktisch für alles verantwortlich.
Forbes hatte in der Nachbarschaft Gerüchte gehört, Brett erhalte ab und zu einen Brief von jenem Burschen aus Pennsylvania, der im Herbst auf der Plantage zu Besuch gewesen war. Forbes betrachtete Billy Hazard jedoch nicht als einen Rivalen; er war weit weg, und langfristig würde er ohnedies vom Temperament her nicht mit einem Mädchen aus dem Süden auskommen. Sollte Billy doch jemals eine ernsthafte Bedrohung darstellen, so würde Forbes, der kräftiger war, ihm ein paar runterhauen und ihn verscheuchen.
Orry hatte gegen Forbes zwar weniger einzuwenden als gegen die meisten LaMottes, aber er mochte ihn auch nicht besonders. Trotzdem erteilte er ihm die Erlaubnis, Brett zu besuchen, was ja noch lange nicht bedeutete, daß er sie auch heiraten würde. Abgesehen davon glaubte er nicht, daß Brett Forbes’ Geschenken oder ihm selber große Aufmerksamkeit widmen würde.
Brett überraschte ihren Bruder jedoch, und sie hatte ihre Gründe dafür.
Auch wenn sie Billy nicht gekannt hätte, wäre Forbes nie ernsthaft als Heiratskandidat in Frage gekommen. Wie die meisten LaMottes betrachtete er seine eigenen Ansichten als die einzig richtigen und wurde schnell wütend, wenn jemand seine Meinung nicht teilte. Er konnte jedoch charmant sein, wenn er nüchtern und guter Laune war.
Brett war sich über die Ernsthaftigkeit von Billys Absichten nicht im klaren. Zwischen seinen kurzen, unbeholfen formulierten Briefen lagen lange Pausen, und Brett stellte sich vor, daß er sich sozusagen über Nacht mit einem Mädchen aus dem Norden einlassen könnte. Sie hoffte folglich, indem sie Forbes ab und zu sah, einer möglichen Enttäuschung vorzubeugen. Sie liebte Billy mehr, als sie es sich zugestand.
Forbes war fünf Jahre älter als Brett und drei Jahre jünger als der blasse Frosch Huntoon. Es gab nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen den beiden Kavalieren – Ashtons Freund war wie ein Hund an der Leine, Forbes aber war ein eigenständiger Mann, was Brett freute.
Dauernd mußte sie Forbes abwehren. »Laß das!« waren die Worte, die sie am häufigsten zu ihm sagte, nie barsch, aber immer unmißverständlich. Auch jetzt wieder, als er über ihre Schulter lehnte, während sie Klavier spielte. Anstatt ihr die Noten umzublättern, faßte er sanft ihre Brust an.
»Laß das, Forbes, hab’ ich gesagt!« wiederholte sie, als er die Hand nicht zurückzog. Sie nahm ihren Fächer und gab ihm eins auf die Finger. »Weshalb behandelst du mich wie eine jener Dirnen aus Charleston, hinter denen du her bist?«
Er grinste. »Weil du zehnmal hübscher bist als sie alle und weil ich dich zehnmal mehr begehre.«
»Begehren ist ein Wort nur für Ehemänner«, sagte sie mit einem Lächeln.
»Oh, du hast aber eine ganz schön starke Sprache für ein Mädchen in deinem zarten Alter!«
Aber er genoß es. Sie offenbar auch, denn sie fuhr mit der Neckerei fort: »Wenn du dir schon Gedanken über mein zartes Alter machst, weshalb fummelst du dann so an mir herum, als ob ich eine alte Henne wäre?«
»Ich kann nicht anders«, sagte er und wechselte ans andre Ende des Klaviers hinüber, stützte den Ellbogen auf und blickte auf sie herunter. Sie wand sich unter seinem überraschend ernsten Blick. »Du weißt, daß ich nach dir verrückt bin, Brett. Bald werden wir beide heiraten.«