»Sei nicht so sicher«, entgegnete sie ihm, indem sie aufsprang. »Du bringst mir ja nicht einmal die Geschenke, um die ich dich bitte.«
»Na hör mal, verflixt und zugenäht, in Charleston verkauft niemand die National Era. Zudem möchte ich nicht umgebracht werden, weil ich ein Abolitionistenblatt gekauft habe.«
»Aber Forbes – in allen Zeitungen und Zeitschriften wird der Roman von Mrs. Stowe abgedruckt. Ich möchte einen Teil davon lesen.« Sogar Orry hatte Interesse an dem neuen Roman bekundet.
»Lesen!« äffte Forbes sie verachtungsvoll nach. »Mädchen sollen nicht lesen. Ich nehme an, daß Godey’s und die Gedichte von Mr. Timrod zwar keinen Schaden anrichten, aber wenn Gott gebildete Frauen gewollt hätte, würde er dafür sorgen, daß sie nach Harvard gehen könnten. Aber sie werden nicht zugelassen, und somit nehme ich an, daß die Dinge klargestellt sind.«
»Idiotisch, was du da sagst. Idiotisch und konservativ.«
»Zum Teufel damit. Onkel Justin leidet schwer, weil Tante Maddie so viel liest. Du solltest mal den Schund sehen, den sie aus New York kommen läßt. Justin schäumt vor Wut.«
»In deiner Familie kriegt jeder gleich einen Wutanfall, wenn ihm etwas nicht paßt. Gute Nacht, Forbes«, sagte sie in sehr bestimmtem Tonfall und ging hinaus.
Wie vom Donner gerührt stand er da und starrte auf die Tür. »Brett? Warte, verdammt noch mal! Ich wollte nicht – «
Es hatte keinen Sinn; sie war schon die Treppe hochgerannt.
Verärgert ließ er seine rechte Faust auf seine linke Handfläche klatschen. Als er aufblickte, bemerkte er Ashton und Huntoon in der Halle. Ashtons Kavalier hatte kaum je Gelegenheit, jemandem eins auszuwischen, der so kräftig wie Forbes war. Diese Chance durfte er sich nicht entgehen lassen.
»Sie fluchen, lieber Freund? Aber, aber! Das ist nicht die richtige Art, mit einer Dame umzugehen. Sie sollten – « Huntoon schluckte den Rest hinunter, denn Forbes war auf ihn losgestürmt.
»Ein Wort mehr, und ich schlag’ Ihnen in die Schweineblase, die Sie Ihr Gesicht nennen.« Er packte Huntoon am Hemdkragen. »Überall auf Ihren feinen Kleidern wird Blut sein. Wahrscheinlich könnten Sie den Anblick nicht ertragen und würden in Ohnmacht fallen.«
Er drehte sich abrupt um und zerriß dabei Huntoons Kragen. Dann nahm er Hut, Stock und Handschuhe und stapfte in den milden Februarabend hinaus. »Nigger, mein Pferd!«
Ashton schüttelte sich vor Ekel. »Er ist wie ein Tier.«
»Absolut«, pflichtete ihr Huntoon bei und nestelte an seinem zerrissenen Kragen herum. »Ich begreife nicht, wie deine Schwester das aushalten kann.«
Ashton warf einen Seitenblick auf die fettig glänzenden Wangen Huntoons und unterdrückte ein Schaudern. Darauf nahm sie ihn lächelnd am Arm.
»Sie hat keinen Ehrgeiz. Sie rennt einem miesen Burschen nach dem andern nach.«
Darunter einem, den ich haben will.
Forbes und Brett söhnten sich bald darauf wieder aus. Dies war hauptsächlich Bretts Verdienst. Sie hatte nämlich beschlossen, nichts von dem, was Forbes sagte, ernst zu nehmen.
In jenem Winter stattete Huntoon Mont Royal mindestens zweimal pro Woche einen Besuch ab, aber Ashton fühlte sich trotzdem nicht glücklich. Ihre Gedanken drehten sich um jemand anderen. Eines Nachmittags verfolgte sie ihre Schwester bis zum Weidenkorb, in dem die eingegangene Post aufbewahrt wurde. Da sie als erste ankam, schnappte sie sich einen versiegelten Briefumschlag. »Oh, da ist ja schon wieder ein Brief von Billy! Das ist bereits der zweite diesen Monat. Er macht sich!«
Brett langte nach dem Brief. Die Eifersucht in den Augen ihrer Schwester war nicht zu übersehen. »Ashton, der gehört mir!«
Das ältere Mädchen lachte und schwenkte den Brief hoch über ihrem Kopf. »Was gibst du mir dafür?«
»Wenn du mich weiterhin foppst, ein blaues Auge.«
»Du meine Güte! Das hört sich ja mehr und mehr wie Mr. LaMotte an.« Sie schmiß den Brief zu Boden. »Weiß Billy etwas von ihm?«
Bretts Stimme zitterte. »Scher dich zum Teufel!«
Ashton war völlig verblüfft. Noch nie hatte ihre Schwester einen auch nur annähernd so profanen Ausdruck verwendet. Vielleicht war sie doch zu weit gegangen. Aber sie konnte nicht anders. Sie fühlte sich elend, und die Besuche von Huntoon verstärkten dieses Gefühl nur. Er versuchte jedesmal, sie in eine stille Ecke zu drängen und an ihr herumzufummeln. Wenn sie Widerstand leistete, greinte er jedesmal verletzt: »Weshalb behandelst du mich so, Ashton?«
»Weil wir noch nicht verheiratet sind. Bloß weil Orry und du euch über die Mitgift einig geworden seid, glaubst du wohl, du könntest dir jetzt schon sämtliche Freiheiten nehmen.«
Ihr unberechenbares Benehmen stellte ihn immer wieder vor ein Rätsel. Oft schien sie Gefallen an seinen Avancen zu finden, obwohl er nie zu weit gehen durfte. Doch dann wies sie ihn wieder mit einer beinah eifrigen Prüderie ab. Das alles verwirrte ihn sehr, besonders wenn er an die Gerüchte dachte, die sie mit einem männlichen Mitglied der Smith-Familie in Verbindung brachten.
»Aber manchmal gibst du mir gewisse Rechte«, beklagte er sich.
»Ja, aber jetzt nicht. Und ich hab’ auch keine Lust, mich mit dir darüber zu streiten.«
Huntoon hatte plötzlich Flecken im Gesicht. »Hast du die Absicht, dich so nach unsrer Heirat zu benehmen?«
»Du wirst es abwarten müssen.«
Sie bemerkte, daß sie ihn verärgert hatte. In ihrem eifrigen Bemühen, ihn immer wieder wissen zu lassen, wer in ihrer Beziehung das Zepter führte, war sie zu weit gegangen. Sie gab ihm einen flüchtigen Kuß. »Beruhige dich, James. Du weißt, daß ich dich heiraten möchte. Und wenn wir verheiratet sind, wirst du eine brillante Karriere machen.«
»Gemäß den Plänen, die du bereits für mich geschmiedet hast?«
Jetzt war er es, der zu weit ging. Sie erblaßte und erstarrte und trat zurück. »Mein Lieber, das klingt aber sauertöpfisch. Wenn du deine Meinung über die Dinge, die wir besprochen haben, geändert haben solltest – «
Sie brach ab. Es war genau die richtige Taktik. Panikartig ergriff er ihre Hand.
»Nein, nein, ich habe meine Meinung überhaupt nicht geändert. Ich möchte, daß du unsre Zukunft planst. Ich bin nicht wie die engstirnigen LaMottes, sondern ich bin dafür, daß die Ehefrau eine Partnerin ihres Mannes sein soll. Besonders wenn der Mann im öffentlichen Leben eine Rolle spielen will.«
»Deine guten Absichten freuen mich, James. Du hast bereits berühmte Freunde, und du wirst noch mehr haben. Sollen die LaMottes ihr Leben mit Würfelspielen und Pferderennen verbringen – man wird sie vergessen, noch bevor sie gestorben sind. Nicht aber Mr. und Mrs. James Huntoon aus South Carolina!«
Er lachte, wenn auch etwas nervös. »Ashton, du bist einfach wundervoll. Ich wette, daß ich – wäre ich nicht meines eigenen Schicksals Schmied – mich ganz dir überlassen könnte, wenn ich das wollte; daß du jede Entscheidung für mich treffen könntest und der Erfolg mir immer noch gewiß wäre.«
Immer noch? Der eingebildete Kerl glaubte doch wohl nicht daran, daß er es aus eigener Kraft zu einem durchschlagenden Erfolg bringen könnte? Oh, er würde nicht ganz erfolglos sein, aber ohne sie würde er nie berühmt werden. Und dies würde er bald kapieren.
»Du hast recht, Liebling.« Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. Dann küßte sie ihn und öffnete den Mund, als sich ihre Lippen berührten.
Er war ihrer Wahrheit zu sehr auf die Schliche gekommen. Sie würde ihn heiraten, aber die Ehe würde nach den von ihr gesetzten Bedingungen ablaufen. Der arme Dummkopf hatte dies geahnt und sich ihr bereits ergeben. Doch wenn er zu sehr darauf herumreiten würde, könnte das ganze unangenehm werden.
Gott sei Dank wußte sie, wie er abzulenken war. Während sie einander küßten, legte sie die Handfläche auf die Innenseite seines Hosenbeins und machte träge kreisförmige Bewegungen.