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Der Frühling rückte näher. Eines Abends im März zog sich Orry mit einem Brief von Billy, den er dreimal gelesen hatte, in die Bibliothek zurück. Aber auch nach dem dritten Mal wußte er noch nicht, wie er reagieren sollte.

Er saß gedankenverloren da, den Brief immer noch in der Hand haltend. Die Schatten wurden länger. In der ihm gegenüberliegenden Ecke befand sich der Kleiderständer mit seiner Uniform und seinem Säbel. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit hörte er Hufgeklapper, und wenige Augenblicke später platzte Charles schwitzend herein. Er grinste.

»Wo warst du?« fragte Orry, obwohl er sich das denken konnte.

»Bin mit Minx am Fluß unten geritten.«

»Du hast bestimmt mal wieder ein Rennen veranstaltet.«

Charles ließ sich in einen tiefen Sessel fallen und schwang ein Bein über die Lehne. »Ja, Sir. Ich habe Forbes und auch Clinch Smith geschlagen. Minx hat die beiden einen halben Kilometer hinter sich gelassen. Und zwanzig Dollar hab’ ich auch gewonnen.«

Er zeigte ein paar Goldstücke, ließ sie in der Hand klinken und sprang dann auf. »Ich habe einen Bärenhunger. Du solltest ein Licht anzünden. Es ist finster wie in einer Höhle.«

Wahrscheinlich nützte der Ratschlag nichts, dachte Charles. Wenn Orry in eine seiner düsteren Stimmungen versank, konnte er stundenlang in der finsteren Bibliothek sitzen. Meistens fanden ihn die Hausbediensteten bei Sonnenaufgang schnarchend in seinem Stuhl. Nicht ohne einen Krug mit Whiskey und ein leeres Glas.

Charles zeigte auf den Brief. »Irgendeine schlechte Nachricht?«

»Ich glaube nicht. Der Brief ist von Billy.« Orry streckte Charles die Hand mit dem Brief hin.

Orrys Worte verwirrten Charles. Er zündete eine Lampe an und las den kurzen, förmlichen Brief seines Freundes. Bevor er im Juni auf die Militärakademie ging, wollte Billy nach Mont Royal zurückkehren, und, gemäß den herrschenden Sitten, formell um die Erlaubnis bitten, um Brett freien zu dürfen.

»Das ist ja großartig«, rief Charles schließlich aus. Er klang plötzlich ernüchtert: »Würde es Probleme geben, wenn Billy hierherkäme – wegen der Huntoons, meine ich?«

»Nein. Ich habe ihnen schon vor langem tausenddreihundertfünfzig Dollar für Grady gegeben, um Schwierigkeiten vorzubeugen.«

Charles stieß einen leisen Pfiff aus und sank im Stuhl zurück. »Davon hatte ich keine Ahnung.«

Orry zuckte die Schultern: »Ich fühlte mich für ihren Verlust irgendwie schuldig und wollte, daß George wieder einmal nach Mont Royal zu Besuch kommen kann, ohne daß es deswegen Probleme gibt. Außer den Huntoons und meinem Vater weiß niemand etwas davon. Behalt es für dich.«

»Selbstverständlich.«

Charles schwenkte den Brief. »Weiß Brett etwas davon?«

»Noch nicht.«

»Du schreibst Billy, daß er kommen darf, nicht wahr? Und du wirst ihm erlauben, ihr den Hof zu machen?«

»Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich die Fragen beantworten soll. Billy ist ein feiner junger Mann, aber er will Offizier werden.«

»Ich auch. Ich werde im Sommer in einem Jahr nach West Point gehen, erinnerst du dich? Guter Gott, Orry – du hast das arrangiert. Du hast mich dazu ermutigt!«

»Ja, ja, ich weiß«, sagte Orry schnell. »Und ich freue mich, daß du gehst. Aber seit unseren ersten Gesprächen über die Akademie hat sich die politische Lage verändert. Zum Schlechten. Sollte es Schwierigkeiten geben, glaube ich, daß du in erster Linie deinem Heimatstaat gegenüber loyal bist. Und Billy ist ein Yankee.«

Sanft fragte Charles: »Glaubst du, daß es Schwierigkeiten geben wird?«

»Manchmal ja. Ich weiß nur nicht, welcher Art und wie ernst sie sein werden.«

»Na und? Sind die Hazards und die Mains nicht trotz allem gute Freunde? Wenn du nicht davon überzeugt wärst, hättest du die Huntoons nicht ausbezahlt.«

»Ich glaube, du hast recht. Aber ich will Brett auch nicht ins Unglück stürzen.«

Charles sagte frostig: »Ich nehme an, daß es ihre eigene Entscheidung ist.«

»Es ist auch meine. Jetzt, da Vater kaum noch aufstehen kann, bin ich das Oberhaupt der Familie.«

Orry sah, daß er vielleicht etwas zu pessimistisch gewesen war. Obwohl es tatsächlich viele Anzeichen für eine Spaltung gab, zeigten ebenso viele Anzeichen auf eine andere Entwicklung hin. Die Südstaatler spielten immer noch eine führende Rolle im Leben der Nation. General Scott, ein Mann aus Virginia, war immer noch der Oberbefehlshaber der Armee, und Orry hatte vor kurzem gelesen, daß Robert Lee, der gute Chancen hatte, Scotts Nachfolger zu werden, wahrscheinlich bald zum Superintendenten von West Point ernannt würde. Die meisten hervorragenden Persönlichkeiten des Offizierskorps der Armee waren Südstaatler.

Cooper behauptete, in der ganzen Region gebe es Anzeichen für ein wachsendes Interesse an der Industrialisierung. Die durch Sklavenarbeit gewonnene Baumwolle war zwar immer noch das wichtigste Produkt, aber die Eisenbahnlinien des Südens wurden ausgebaut und verbessert. Die Mont Royal hatte zu viele Frachtaufträge für ihre Kapazität. Cooper war voller Enthusiasmus aus Großbritannien zurückgekehrt: Er glaubte an eine Zukunft für den Handel im Süden im allgemeinen und für seine Frachtlinie im besonderen. Vielleicht würden diese neuen Strömungen die alten allmählich ersetzen, vielleicht würden Männer guten Willens die Rhetts und Huntoons verdrängen und die Schwierigkeiten aus dem Wege schaffen…

Aber irgendwie war Orry davon nicht überzeugt.

»Orry?«

Er wurde aus seiner Träumerei gerissen. »Ja?«

»Du beantwortest beide Fragen mit Ja, nicht wahr? Du wirst Billy einladen und ihm die Erlaubnis geben, um Brett zu werben?«

»Ich werde Brett den Brief geben und darüber nachdenken. Mehr kann ich im Augenblick nicht tun.«

Niedergeschlagen verließ Charles das Zimmer.

»Er hat mir verboten, den Roman zu lesen«, ärgerte sich Madeline. »Er riß ihn mir aus den Händen und befahl, ihn zu verbrennen – wie ein Kind hat er mich behandelt!«

Sie ging bis zum Ufer des Sumpfs. Orry blieb auf dem Kalkfundament sitzen und trommelte mit den Fingern auf das Buch, das er mitgebracht hatte. Es war von einem Journalisten aus dem Norden namens Whitman; in einer eigenartigen neuen Versform. Cooper lobte die unzusammenhängenden Gedichte, die seiner Meinung nach den Rhythmus des Maschinenzeitalters wiedergaben. Orry fand sie holprig, obwohl sicher ein Rhythmus darin war. Für ihn war es wie der Schlegel einer Trommel.

»Ich werde George bitten, mir ein Exemplar zu schicken«, sagte Orry. »Aber es ist mir ein Rätsel, wieso du einen solch aufwieglerischen Schund lesen willst?«

Sie wirbelte herum. »Fang um Gottes willen nicht an, wie Justin zu reden. Mrs. Stowes Roman ist der Erfolg des Jahres.«

Sie hatte recht. George hatte geschrieben, daß seine ganze Familie die sentimentale Geschichte über Sklaven und Sklavenbesitzer gelesen hatte, zuerst als Fortsetzungsroman und dann noch einmal als Buch, das erst vor kurzem in zwei Bänden erschienen war. Trotz all der Beachtung, die dem Roman geschenkt wurde, war Orry jedoch überhaupt nicht am Leben der Ärmsten unter den Armen interessiert. Er wurde Tag für Tag Zeuge dieses Lebens und brauchte sich dessen Härte nicht von Mrs. Stowe beschreiben zu lassen. Er machte sich in letzter Zeit selbst genügend Gedanken darüber.

Als Antwort auf Madelines Bemerkung brummte er: »In diesem Teil des Landes ist es nicht der Erfolg des Jahres. Ein passenderer Ausdruck dafür wäre Skandal.«

Sie hätte sich gekränkt fühlen können, aber sie war es nicht, denn sie wußte, daß er sich wegen Billy Hazards Brief Sorgen machte, über den er lange mit ihr gesprochen hatte. Sie legte den Arm um seine Taille und küßte ihn.

»Ihr Männer hier seid solche Hitzköpfe. Ich vergesse das immer wieder – zu meinem eigenen Nachteil.«

»Was heißt das?«