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»Das heißt, daß die Konsequenzen außerordentlich unangenehm waren, als Justin Onkel Toms Hütte letzte Woche entdeckte.«

»Er wurde zornig…«

»Er tobte. Aber das war nicht das Schlimmste. Er entdeckte das Buch kurz vor dem Abendessen. Francis war an jenem Abend bei uns, und so ließen sich beide fast während des ganzen Essens über die Notwendigkeit eines freien und unabhängigen Südens aus.«

»Es tut mir leid, daß du das über dich ergehen lassen mußtest.«

Sie betrachtete ihre Hände. »Das tat ich eben nicht. Ich sagte, daß solche Sprüche für eine Wahlrede äußerst geeignet, in der Praxis jedoch völlig lächerlich sind. Ich weiß, daß es ein Fehler war, etwas zu sagen, aber bei diesen zwei kann ich einfach den Mund nicht halten. Justin ist jedoch fest entschlossen, mir meinen angestammten Rang klarzumachen – und der schließt aus, daß ich meine Meinung über etwas Wichtigeres als die neueste – «, ihre Kehle war zugeschnürt, und sie konnte den Satz nicht beenden. Orry bemerkte, daß ihr die Erinnerung sehr weh tat. Mit schwacher Stimme fuhr sie fort: »– die neueste Stickereimode äußere.«

Er legte das Buch von Whitman beiseite und ergriff ihre Hand. »Wie reagierte Justin auf deine Äußerung?«

»Schlimm. Er sperrte mich für einen Tag und eine Nacht in meinem Zimmer ein. Nancy mußte mir alle Bücher wegnehmen und das Essen hinstellen. Sie war die einzige Person, die ich während der ganzen Zeit sah. Ich mußte ihr sogar den Nachttopf hinausreichen – «

Madeline senkte den Kopf und verdeckte die Augen. »Mein Gott, war das erniedrigend.«

»Dieses Schwein. Ich sollte ihn umbringen.«

Rasch strich sie sich die Tränen von den Wangen. »Ich möchte dir keine Sorgen machen. Ich kann nur mit niemandem sonst darüber reden.«

»Ich wäre zorniger, wenn du es mir nicht gesagt hättest. Ich möchte dich von diesem verdammten Platz entführen. Resolute ist kein Heim, es ist ein Gefängnis.«

»Das stimmt. Es wird immer schwieriger, Justin und meine eigene Stellung zu akzeptieren. Früher einmal hatte ich edle eigene Vorstellungen über Ehre und die heilige ›Verpflichtung‹ des Eheversprechens.« Sie verzog den Mund, aber das Lächeln mißlang. »Justin hat aus jeder einzelnen einen Witz gemacht.«

Sie hielt seine Taille umschlungen und schaute ihn mit Tränen in den Augen an. Dann umarmte sie ihn heftig; sie hatte ein wenig Zuneigung und Trost bitter nötig. Sie küßte ihn immer wieder.

Er versteckte sein Gesicht in ihrem Haar und kostete die bittere Liebe voll aus. Wie immer verriet ihn sein Körper. Sie spürte, daß er sie wollte, und preßte ihn noch mehr an sich, um ihm zu zeigen, daß auch sie ihn wollte. Die Spannung, die durch ihre selbstauferlegte Zurückhaltung entstand, war immer qualvoll, aber heute war sie kaum noch zu ertragen.

Sie öffnete ihr Korsett und zog an ihrer Unterwäsche. Sie drückte ihn fest an sich und warf den Kopf in den Nacken. Mit geschlossenen Augen genoß sie in vollen Zügen, wie er ihre Brüste liebkoste und küßte.

Nie zuvor waren sie so weit gegangen. Nur äußerste Willensanstrengung hielt sie zurück, den letzten Schritt zu gehen.

»Orry, wir dürfen nicht.« Ihre Stimme war heiser.

»Nein.«

Aber er wußte nicht, wie lange er es noch aushalten würde, sie zu lieben, sie zu begehren und dies zu unterdrücken.

Einige Tage später gingen Orry und Charles nach dem Abendessen auf die Veranda, um einen Whiskey zu trinken. Dunst verschleierte die Sonne und verlieh dem Licht eine schwache rosa Färbung. Orry starrte auf das Lichtspiel auf dem Fluß, während Charles in einer Ausgabe des Mercury blätterte. Seit einiger Zeit verbrachte er jeden Tag ein paar Minuten damit, ein weiteres Zeichen dafür, daß er erwachsen wurde.

Seit seinem letzten Treffen mit Madeline litt Orry wieder unter körperlicher Frustration. Es war wieder einmal Zeit für einen nächtlichen Besuch bei einer nicht gerade schönen, aber feurigen Witwe, mit der er eine Abmachung getroffen hatte. Er war sich seiner Antwort Billy gegenüber immer noch nicht im klaren, und auch jetzt konnte er sich nicht entscheiden.

Charles legte die Zeitung nieder. »Hast du sie schon gelesen?«

Orry schüttelte den Kopf.

»Huntoon hat schon wieder eine Rede gehalten.«

»Wo?«

»In Atlanta. Was ist Volkssouv…? Da, sprich das Wort für mich aus.«

Orry lehnte sich hinüber, um das Wort zu sehen, auf das Charles zeigte. »Souveränität. Senator Douglas prägte es. Es bedeutet, daß die Leute in neuerworbenen Territorien das Recht haben, sich für oder gegen die Sklaverei zu entscheiden.«

»Huntoon sagt, daß dies nicht annehmbar sei, genauso wie die Freie-Boden-Doktrin. Die kenne ich auch nicht.«

»Die Freie-Boden-Doktrin besagt, daß der Kongreß die moralische Verpflichtung hat, Sklaverei in den neuen Territorien zu verbieten, ohne den Volkswillen zu berücksichtigen. Ich kann mir die Rede von James gut vorstellen.« Orry spreizte die Finger und preßte die Spitzen wie ein Redner auf die Brust. Die Stimme war pompös: »Ich bekenne mich zum großen Calhoun. Unsere Institutionen müssen der Flagge folgen. Es ist die heilige Pflicht des Kongresses, alles Eigentum in einem Territorium zu beschützen – «

An diesem Punkt hielt er mit seiner Mimik inne. »Eigentum bedeutet Sklaven. Das ist die einzige territoriale Doktrin, die von unseren Nachbarn akzeptiert wird.«

»Was ist deine Meinung?«

Orry überlegte kurz. »Ich glaube, ich bin mit Douglas einverstanden. George vermutlich auch.«

»Tja, ich habe versucht, mich über diese Dinge zu informieren. Ich glaube, ich werde es brauchen können, denn in West Point werde ich schließlich Leute aus allen Landesteilen treffen.«

»Wahrscheinlich wird sich die Territorialfrage schon viel eher zuspitzen. Vielleicht schon, wenn wir im Herbst einen neuen Präsidenten wählen. Die Bevölkerung im Westen nimmt rasant zu, die Loyalität wird auf eine harte Probe gestellt werden. Auch diejenige innerhalb der Familien«, schloß er mit einem strengen Blick auf Charles.

Der jüngere Mann streckte seine Beine aus und sah auf den Fluß hinaus, in dem nur noch vereinzelt rosa Lichtflecken aufleuchteten. »Du machst dir immer noch Sorgen darüber, nicht wahr? Hast du deshalb Billy noch nicht geschrieben?«

Orry runzelte die Stirn. »Woher weißt du, daß ich noch nicht geantwortet habe?«

»Sonst würde Brett nicht mit dieser Leichenbittermiene herumlaufen. Ich weiß, ich sollte mich da nicht einmischen, aber ich werde den Eindruck nicht los, daß du Billy nur aus einem einzigen Grund eine Absage erteilen willst: Weil er ein Yankee ist. Das ist genau wie – « Er schluckte. Jetzt brauchte es Mut. »Genau wie Huntoon. Oder wie Virgilia Hazard. Sie schmeißen jeden, der auf der andern Seite steht, in den gleichen Topf.«

Es fuchste Orry in der Tat, daß Charles ein Werturteil abgegeben hatte, aber es dauerte nur einige Sekunden, bis seine Vernunft schließlich die Oberhand gewann. Vernunft und Gefühl, denn wenn Billy um die Hand seiner Schwester anhielt, würde das die Bande zwischen den beiden Familien stärken. Virgilia hatte sie beinahe zerstört.

Ein Lächeln kämpfte sich durch Orrys dichten Bart. »Charles, du entwickelst dich zu einem klugen jungen Mann. Das freut mich.« Er holte tief Atem. »Ich werde heute abend einen Brief an Billy aufsetzen. Einen Brief, über den er sich freuen wird. Vielleicht hast du Lust, Brett zu informieren?«

Charles stieß einen Freudenschrei aus, schüttelte Orry die Hand, daß ihm Hören und Sehen verging, und rannte ins Haus.

Orry schrieb den Brief tatsächlich an jenem Abend. Billy sei herzlich willkommen in Mont Royal und sollte alle Hazards mitbringen. Außer Virgilia, dachte er, aber es war nicht nötig, das zu schreiben. Er würde ein Fest oder einen Ball organisieren, um den unglücklichen Ausgang des letzten Besuchs wettzumachen.

Dieser Brief tat Orry gut. Es war zwar ein kleiner, aber ein positiver Schritt. Wenn es Freunden aus Nord und Süd nicht gelang, Eintracht zu bewahren, wie konnte man es dann von den Männern in Washington erwarten?