Nun gut. Das Land würde also auf jeden Fall einen Präsidenten mit militärischer Erfahrung sehen. Vielleicht würde ein solcher Mann begreifen, daß die Hauptaufgabe der Regierung darin lag, sich auf einen Krieg gegen die Verräter im Süden vorzubereiten.
Bent war vor etwas weniger als vier Wochen zum Kriegsministerium gekommen. Er hatte jetzt schon genug von der Hauptstadt, aber darüber war er sich schon im klaren gewesen, als er die Versetzung akzeptierte. Washington war eine permanente Baugrube. Der Stil der bereits gebauten Häuser und die Ansichten der meisten Leute entsprachen denen des Südens, und die Stadt war voll von Fliegen, Ratten und anderen unangenehmen Kreaturen. Er haßte die freien Neger, die in der Öffentlichkeit herumstolzierten und sich so benahmen, als seien sie gleich viel wert wie die Weißen. Er haßte auch die Bürokraten, diese Hosenscheißer, die immer hin und her rannten, als müßten sie beweisen, daß es ohne sie nicht ginge.
Trotz aller Widerwärtigkeiten war die Versetzung ein wichtiger und schon längst fälliger Schritt, denn die Stabsarbeit war eine notwendige Erfahrung. Die letzten vierunddreißig Monate hatte Bent an einem unwichtigen Posten in der Carlisle-Kaserne verbracht. Diese neue Aufgabe könnte einen Wendepunkt in seiner Karriere bedeuten, die bis jetzt – auch für friedliche Zeiten – viel zu langsam vorwärtsgegangen war. Er wußte, wer daran schuld war.
Durch das Büro des Generaladjutanten liefen alle persönlichen Akten der Armee. Kurz nach seinem Eintreffen hatte Bent die Liste durchgesehen, auf der alle bestätigten Akademiebewerber des nächsten Jahres aufgeführt waren. Dabei entdeckte er Charles Main aus South Carolina. Nachforschungen ergaben, daß dieser Charles Main der Vetter eines ehemaligen Offiziers war – einer von Bents Bekannten.
Und gerade heute war mit der offiziellen Post die endgültige Liste der im Juni Eingetretenen, die schon im Camp waren, und auch diejenige der Nachzügler, die erst im Herbst eintreten würden, eingetroffen. Ein Name stach ihm sofort in die Augen: William Hazard II, Lehigh Station, Pennsylvania.
Er mußte zur selben Familie gehören.
Bent konnte seine Freude kaum unter Kontrolle halten. Er hatte Orry Main und George Hazard aus den Augen verloren, woran auch der Druck seiner eigenen Karriere nicht ganz unschuldig war. Zudem waren ja beide nicht mehr in der Armee und hatten sich so seinem Einfluß entzogen.
Am äußersten Ende von Bents Schreibtisch tauchte eine kleine, haarige Raupe auf, die sich langsam zur geschlossenen Akte vorkämpfte. Aus lauter Gewohnheit fielen Bent, als er an seine alten Gegner dachte, deren Spitznamen ein. Hatten Stumpf und Stiel das Versprechen vergessen, das er ihnen gegeben hatte? Wenn ja, um so besser, denn Diskretion und Überraschung erwiesen sich sowohl bei privaten als auch bei militärischen Manövern als äußerst wertvoll.
»Hauptmann Bent?« Aus dem Hauptbüro drang die Stimme des Generalsadjutanten. »Bitte kommen Sie einen Augenblick hierher.«
»Sofort, Sir.«
Elkanah Bent hievte sich aus dem Stuhl, machte einen Schritt, blieb stehen, hielt seine Hand über die Raupe und drückte seinen Daumen kräftig nieder. Als das Insekt tot und vom Schreibtisch gefegt war, polterte Bent los, um der Aufforderung nachzukommen.
Drittes Buch.
»Die Bande, die uns zusammenhalten, zerreißen eins nach dem andern.«
Wenn sie zerreißen, dann laßt die Union in Gottes Namen gehen… Ich liebe die Union wie meine eigene Frau. Doch wenn meine Frau mich um eine Trennung bäte und darauf bestünde, ich würde sie gehenlassen – auch wenn es mir das Herz brächt
John Quincy Adams zu dem Gerücht über die sezessionistische Verschwörung von Burr, 1801
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George Hazard behauptete, daß ihm an West Point nicht sonderlich viel gelegen sei. Und doch hatte er sich des öfteren ausgiebig mit Billy darüber unterhalten, so daß dieser, als er in der Militärakademie eintraf, schon gut darüber Bescheid wußte.
George hatte ihn vor ›Thayers Männern und Thayers System‹ gewarnt. Kernstück des Systems bildete der Glaube daran, daß die persönliche Leistung in absoluten Werten und in einer Rangfolge ausgedrückt werden konnte. Sowohl das System als auch die mit dessen Durchführung beauftragten Männer herrschten immer noch in West Point.
Doch in den sechs Jahren seit dem Abschluß von George waren doch einige Veränderungen vorgenommen worden. Am offensichtlichsten waren diejenigen architektonischer Art. Die Nord- und Südkaserne waren dem Erdboden gleichgemacht worden und durch eine Kaserne mit 176 Zimmern ersetzt worden. Das Dachgesims aus rotem Sandstein erinnerte Billy an englische Schlösser, die er auf Ansichtskarten gesehen hatte.
Östlich der Kaserne und südlich der Kapelle befand sich eine neue Offiziersmesse im Bau. Die alte Sternwarte, die Bibliothek und das Schulgebäude hatte man jedoch stehengelassen.
Seit dem Ende des Kriegs in Mexiko waren zwecks Demonstrationen permanent Pioniertruppen auf dem Areal anwesend. Man konnte sie an ihren dunkelblauen Uniformen mit dem schwarzen Samtkragen und dem Türmchen auf dem Kragenspiegel erkennen. Billy hoffte, eines Tages diese Uniform tragen zu dürfen.
Er war sich im klaren darüber, daß er in den kommenden vier Jahren hart würde arbeiten müssen. Doch die Vorbereitung auf seine Eintrittsprüfung im Juni war reine Verschwendung gewesen. In Mathematik zum Beispiel hatte er nur ein einfaches Rechenproblem an der Tafel lösen und drei ebenso einfache Fragen mündlich beantworten müssen. Kein Wunder hatte man in der Zivilbevölkerung oft den Eindruck, die Aufnahmeprüfung sei lächerlich einfach.
Statt mit Trommeln wurden die Kadetten nun mit Signalhörnern gerufen. Billy war noch keine zehn Minuten auf seinem Zimmer, als bereits ein Student der dritten Klasse hereinstürmte, sich als Kadett Caleb Slocum vorstellte und von Billy die Achtungstellung verlangte.
Billy tat sein Bestes. Der Kadett, ein hagerer Bursche mit plattem, schwarzem Haar und einem schlechten Teint, kritisierte ihn und sagte dann mit affektierter Stimme: »Erzählen Sie mir etwas über sich, Sir. Ist Ihr Vater Demokrat?«
Billy antwortete freundlich: »Ich glaube, das hängt davon ab, wen die Partei diesen Monat nominieren wird.«
»Sir, ich habe Ihnen eine Frage gestellt, die mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten ist. Statt dessen haben Sie eine Vorlesung über Politik gehalten.« Der Kadett senkte bedrohlich die Stimme und zischte: »Darf ich Ihrer Antwort entnehmen, daß Ihr Vater Politiker ist, Sir?«
Billy schluckte und würgte seinen Ärger hinunter. »Nein, Sir. Er ist Eisenhüttenbesitzer.«
»Sir!« brüllte der Kadett, »ich habe Sie geradeheraus gefragt, ob Ihr Vater Politiker ist oder nicht, und als Antwort darauf liefern Sie mir einen Diskurs über die Industrie! Stellen Sie sich dort in die Ecke und verharren Sie eine Viertelstunde mit dem Gesicht zur Wand! Ich werde ab und zu nachsehen. Unterdessen können Sie sich vielleicht einige Gedanken machen. Wie zum Beispieclass="underline" Wenn ich weiterhin so geschwätzig und stur bin, wird meine Karriere an dieser Schule nur von kurzer Dauer und höchst unangenehm sein. Nun, Sir. In die Ecke!«
Billy gehorchte mit rotem Gesicht. Wäre er wie sein Bruder, hätte er dem arroganten Kadetten eine geknallt und sich hinterher Gedanken über die möglichen Folgen gemacht. Aber er war etwas bedächtiger, und deshalb war George der Meinung, daß er ein hervorragender Pioniersoldat werden würde. Mit seiner vertrauensseligen Art wurde er aber auch leicht zum Opfer. Er stand beinahe eine Stunde in der Ecke, bis endlich ein Student der zweiten Klasse hereinkam und sich seiner erbarmte. Slocum hatte natürlich nicht die geringste Absicht gehabt wiederzukommen.
Slocum. Billy rieb sich die schmerzenden Beine und merkte sich den Namen.