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»Sie tun besser daran, sich an solche Schikanen zu gewöhnen, Sir«, sagte der Kadett. »Sie werden recht lange Junior sein.«

»Ja, Sir«, murmelte Billy. Einige Dinge in West Point hatten sich nicht geändert und würden sich auch nie ändern.

Billy und die anderen Neuankömmlinge, die alle noch Zivilkleider trugen, marschierten hinter dem uniformierten Bataillon durch die Ebene für das Sommercamp. Sie stolperten schwerbeladen durch den Staub, bis sie die ganze Habe der Senioren verstaut hatten.

Am ersten Tag des Sommerlagers wurde Billy noch mit einer weiteren Neuerung der Akademie vertraut gemacht. Sie war zwar weniger spektakulär als die andern, aber nicht weniger bedeutend. Später sagte man, daß es die wichtigste Veränderung überhaupt gewesen sei, weil sie so destruktiv war.

In jedem Zelt war Raum für drei Mann, ihr Bettzeug, ein Gestell mit Musketen, die ihnen eventuell ausgehändigt würden, sowie für eine meistens zerkratzte grüne Truhe. Die Truhe wies drei Fächer für die Wäsche der Kadetten auf. Außerdem bildete sie die einzige Sitzgelegenheit im Zelt. Als Billy hereinmarschierte, gefolgt von einem hageren, blassen, verwirrt dreinblickenden Junior, saß der dritte Bewohner des Zelts gerade auf der Truhe und polierte seine teuren Wellington-Stiefel mit dem Taschentuch.

Er blickte kurz auf. »Guten Abend, die Herren. Ich heiße McAleer. Dillard McAleer.« Er streckte die Hand zum Gruß hin.

Billy schüttelte sie und versuchte herauszufinden, was für einen Akzent der Bursche hatte. Es klang nach Süden, aber etwas härter und nasaler als die Sprache in South Carolina.

»Ich bin Billy Hazard aus Pennsylvania, und das ist Fred Pratt aus Milwaukee.«

»Frank Pratt«, sagte der großgewachsene junge Mann. Seine Stimme klang entschuldigend.

»Na, na. Zwei Yankees.« Dillard McAleer grinste.

McAleer hatte blaßblaue Augen und blonde Locken, die in seine rötliche Stirn fielen. Billy hatte ihn schon vorher, als die Neuankömmlinge erfaßt und in vier Gruppen aufgeteilt wurden, bemerkt. Jede der Gruppen war einer Kadettenkompanie angeschlossen worden.

»Habt ihr zwei vor, euch gegen mich zu verbünden?« fragte McAleer. Etwas an McAleer ließ Billy aufhorchen. Was war es? McAleer lächelte zwar immer noch, aber die Frage barg einen gewissen Ernst. Billy fand es ein schlechtes Omen.

Draußen hörte er Schritte und Geflüster. Billy antwortete auf McAleers Frage mit einer Gegenfrage: »Weshalb sollten wir? Wir leiden doch hier gemeinsam.«

»Ich habe nicht die Absicht zu leiden«, gab McAleer zurück. »Dem ersten Yankee-Hurensohn, der mir in die Quere kommt, schlag’ ich die Nase zum Hinterkopf raus.«

Billy kratzte sich am Kinn. »Woher kommst du, McAleer?«

»Aus einer kleinen Ortschaft in Kentucky namens Pine Vale. Mein Daddy ist ein Farmer.« Er starrte Billy an. »Und der Besitzer von vier Sklaven.«

Offensichtlich erwartete der Kadett eine Reaktion. Er saß immer noch auf der Truhe, und seinem hämisch groben Gesichtsausdruck nach zu schließen, würde er mit jeder Form von Kritik fertig werden. Billy war nicht darauf gefaßt gewesen, in West Point auf regionale Feindseligkeit zu stoßen, und die Erkenntnis seiner Naivität versetzte ihm einen leichten Schock. Aber er würde sich um keinen Preis auf eine Diskussion über Sklaverei einlassen.

Als Bewohner ein und desselben Zelts waren sie alle gleichgestellt, und McAleer mußte das einsehen. Billy machte eine Handbewegung. »Ich möchte meine Wäsche verstauen. Würdest du bitte aus dem Weg gehen?«

»Na klar.« Langsam stand McAleer auf. Es sah aus, als ob sich eine Schlange langsam aufrollte. Obwohl untersetzt, hatte er eine natürliche Anmut, die sein mädchenhaftes Aussehen eher unterstrich. Doch als er sich mit den Fingerspitzen über die Handflächen fuhr, als ob er sich für einen Kampf vorbereite, bemerkte Billy, daß er Schwielen an den Händen hatte.

McAleers Grinsen wurde noch etwas breiter. »Wetten, daß du mich beiseite schieben mußt, wenn du an diese Truhe ran willst.«

Von Frank Pratt war ein unterdrücktes, pathetisches Stöhnen zu vernehmen. Jetzt wußte Billy, weshalb ihm Dillard McAleer bekannt vorkam: Der Kadett aus Kentucky benahm sich genau wie einige der jungen Männer, die er in Mont Royal getroffen hatte, arrogant und fast verzweifelt streitsüchtig. Vielleicht war dies die übliche Abwehr Yankees gegenüber?

Billy blickte McAleer fest in die Augen. »McAleer, ich habe keinen Streit mit dir. Wir werden zwei Monate in diesem Höllenloch zusammenleben müssen, und es wäre besser, wenn wir miteinander auskämen. Meiner Meinung nach hat das nichts damit zu tun, wer wir sind oder woher wir kommen, sondern damit, wie wir miteinander umgehen. Nun, ich habe nichts Außergewöhnliches verlangt, sondern ich will lediglich an diese Truhe herankommen, die zu einem Drittel mir zusteht. Aber wenn ich dich wegschieben muß, wie du es nennst, so glaube ich, daß ich dazu fähig bin.«

McAleer war von der Bestimmtheit in Billys Stimme beeindruckt. Er winkte ab. »Zum Teufel, Hazard, ich hab’ bloß Spaß gemacht.« Mit einer tiefen Verbeugung machte er Platz. »Er gehört dir. Dir auch, Fred.«

»Frank.«

»Na klar, Frank.«

Billy entspannte sich und wandte sich nach dem Zelteingang um, wo er seine Sachen deponiert hatte. Plötzlich:

»Los Jungs – ziehen!«

Billy erkannte Slocums Stimme, gerade bevor alle Pflöcke aus dem Boden gezogen wurden und das ganze Zelt über ihnen zusammenfiel.

McAleer fluchte und schlug um sich. Als die drei Junioren sich schließlich hervorgebuddelt hatten, mußte Billy den Jungen aus Kentucky festhalten, damit er nicht auf die lachenden Senioren losging.

George hatte erzählt, er und Orry seien als Junioren besonders von einem Senior geplagt worden, der sie nicht ausstehen konnte. Billy erging es gleich. Caleb Slocum aus Arkansas hatte es immer wieder auf ihn abgesehen und beschuldigte ihn irgendwelcher realer oder imaginärer Vergehen. Es dauerte nicht lange und Billy träumte nachts von Slocums häßlichem, fleckigem Gesicht und von Augenblicken des Triumphs, in denen er Slocum auf mannigfaltige Art und Weise umbrachte.

Er hielt die Schikaniererei aus, weil er wußte, daß ihm nichts anderes übrigblieb, wenn er sein Ziel erreichen wollte. Wenn er Wache stand, dachte er gern über die Zukunft nach. Die Übung bestand darin, daß man zwei Stunden auf dem Posten auf und ab marschierte, dann vier Stunden Ruhestellung, dann wieder zwei Stunden auf Posten stehen und so weiter, während vierundzwanzig Stunden. Um sich die Zeit zu vertreiben, ließ Billy seiner Phantasie freien Lauf und stellte sich einen sonnigen Tag vor, an dem er seine Aufnahme in die Pioniertruppen geschafft haben und in der Lage sein würde, eine Frau zu heiraten. Es gab keinen Zweifel mehr daran, wer seine Frau sein würde. Er hoffte lediglich, daß Brett ihn ebenso sehr wollte wie er sie.

Eine Woche vor dem Ende des Sommercamps geriet McAleer mit zwei Junioren aus dem Norden in Streit. Es ging um die Frage der Sklaverei in den neuen Territorien. Ein Kampf entspann sich. McAleer behauptete sich, bis ein Frechmaul aus New York namens Phil Sheridan, der als Zänker bekannt war, sich einmischte. Diesmal stellte Sheridan sich auf die Seite der Disziplin. Er versuchte, den Streit zu schlichten, aber sein Intervenieren machte McAleer nur um so wütender. Er riß einen Ast von einem nahestehenden Baum ab und stürmte auf Sheridan los. Glücklicherweise gelang es den andern Kadetten, die beiden Kampfhähne voneinander zu trennen, aber es dauerte etwa fünf Minuten, bis sie McAleer beruhigt hatten.

Am folgenden Tag ließ Superintendent Henry Brewerton McAleer zu sich ins Büro holen. Niemand wußte, was hinter der verschlossenen Tür vor sich ging, aber am späten Nachmittag sah man McAleer seine Sachen packen.

»Jungs«, sagte er mit einem frechen Grinsen, »ich lasse euch zwei zwar nicht gern zurück, aber der Super hat sich ziemlich klar ausgedrückt: entweder die Entlassung oder eine formelle Anklage. Nun, wenn ich schon dieses abolitionistische Drecksnest verlassen muß, dann wenigstens mit Stil.«