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Empfand McAleer Bedauern, so verbarg er dies gut. Billy fand es absurd, daß der Bursche aus Kentucky ausgerechnet die Akademie einer abolitionistischen Neigung beschuldigte. Im größten Teil des Landes war man genau gegenteiliger Ansicht.

Frank Pratt, der stets darauf bedacht war, keinen Anstoß zu erregen, sagte: »Ja, das ist dir gelungen, Dillard.« Billy zeigte seine Gefühle nicht; die Sinnlosigkeit und die Heftigkeit des Streits widerten ihn an.

Frank fuhr mit seiner hohen Stimme fort: »Du hast diese beiden Junioren und Sheridan wie zwei kleine Jungs abgeschüttelt.«

McAleer zuckte die Achseln. »Klar. Gentlemen kämpfen immer besser als der Pöbel, und das ist es, was die Yankees sind – Pöbel. Bastarde. Die meisten Yankees«, fügte er in Anbetracht seiner Zeltmitbewohner hinzu. Billy hatte dieselbe Meinung bereits von andern Kadetten aus dem Süden kennengelernt. Vielleicht wollten sie damit nur ein Minderwertigkeitsgefühl wettmachen?

McAleer verabschiedete sich mit einem Händeschütteln. »Es war ein Riesenspaß, Jungs.«

»Ja«, sagte Billy, obwohl er es nicht so meinte. »Mach’s gut, Dillard.«

»Na klar. Macht euch keine Sorgen um mich!«

Er winkte nochmals und trottete von dannen. Die Erinnerung an den Ast und an sein haßverzerrtes Gesicht blieb.

Am ersten September traf ein neuer Superintendent ein. Wie Brewerton, war auch Robert Lee Mitglied der Pioniertruppen, aber er genoß einen wesentlich besseren Ruf. Lee wurde allgemein als der beste Soldat Amerikas betrachtet. Man sagte, daß Winfield Scott ihn sozusagen verehrte. Lee mußte sich an der Akademie mit einem ganz besonderen Problem auseinandersetzen: Sein ältester Sohn, Curtis, gehörte zu der 54er Klasse, und es fehlte nicht an abfälligen Bemerkungen über Nepotismus.

Billy sah den neuen Superintendenten zum erstenmal beim sonntäglichen Kapellenbesuch aus nächster Nähe. Dieser Besuch war übrigens Pflicht – auch etwas, das sich seit Georges Tagen nicht verändert hatte. Lee war fast einsachtzig groß, hatte braune Augen, buschige Augenbrauen und ein Gesicht, das Charakterstärke verriet. In seinem schwarzen Haar zeigten sich vereinzelt graue Strähnen, nicht aber in seinem Schnurrbart, der beiderseits gut einen Zentimeter über die Mundwinkel hervorragte. Billy schätzte Lee auf etwa fünfundvierzig.

Der Kaplan hielt eine seiner üblichen einschläfernden Predigten zu einem beliebten kirchlichen Thema: das tausendjährige Reich Christi. Daraufhin schlug er ein Gebet für den neuen Superintendenten vor. Anschließend stieg Oberst Lee von seinem Kirchenstuhl herunter und hielt eine kurze Ansprache.

Er zitierte den jungen König aus Shakespeares Heinrich V. und nannte die Kadetten eine Schar von Brüdern. Er rief jeden Zuhörer dazu auf, in diesem Sinn an das Armeekorps zu denken und sich daran zu erinnern, daß die Männer von West Point einzig und allein der Nation, der sie Treue geschworen hatten, verpflichtet waren.

»Was hältst du von ihm?« fragte Frank Pratt in seiner ihm eigenen vorsichtigen Art. Billy hatte den Jungen aus Wisconsin zum Zimmergenossen bekommen, und sie waren eben dabei, sich rasch vor dem Abendessen in ihrem neuen Quartier einzurichten.

»Er entspricht zweifellos dem Bild des idealen Soldaten«, sagte Billy. »Ich hoffe bloß, daß er den Frieden hier aufrechterhalten kann.«

»Eine Schar von Brüdern«, murmelte Frank. »Der Satz geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Das ist es, was wir sind, nicht wahr?«

»Was wir sein sollten.« Ein Bild tauchte vor Billys geistigem Auge auf – das Gesicht von McAleer, als er Sheridan angriff.

Ein herrisches Türklopfen, auf das das übliche »In Ordnung?« folgte.

»In Ordnung«, wiederholte Billy.

Doch statt weiterzugehen, trat der inspizierende Senior ein. James E. B. Stuart war ein jovialer, äußerst beliebter Junge aus Virginia, dem jemand den Spitznamen Beauty gegeben hatte, gerade weil er häßlich war.

Mit gespielter Strenge sagte Stuart: »Sirs, seid vorsichtig, jetzt, da dieser Institution ein Mann aus Virginia vorsteht.« Er warf einen verstohlenen Blick über seine Schulter und senkte dann die Stimme. »Ich bin gekommen, um euch zu warnen. Einer der Trommler hat eine Ladung Schnaps hereingeschmuggelt. Slocum hat ihm etwas davon abgekauft. Er ist betrunken und erwähnt immer wieder eure Namen« – Frank Pratt erblaßte –, »also seid vor ihm auf der Hut!«

»Wir werden aufpassen, Sir«, sagte Billy. »Vielen Dank.«

»Ich möchte nicht, daß ihr von jedem Südstaatler, dem ihr begegnet, Schlechtes denkt«, fügte Stuart noch hinzu und verschwand.

Billy betrachtete nachdenklich die Herbstsonne, die ihre Strahlen verschwenderisch durch das bleiverglaste Fenster warf. Ich möchte nicht, daß ihr von jedem Südstaatler, dem ihr begegnet, Schlechtes denkt. Sogar bei einfachen Gesprächen wurde man unweigerlich an die sich vertiefende Kluft erinnert.

Frank brach das Schweigen. »Was haben wir Slocum getan?«

»Nichts.«

»Weshalb kann er uns denn nicht leiden?«

»Wir sind Junioren, und er ist bereits länger hier. Er kommt aus dem Süden, und wir sind Yankees. Woher soll ich wissen, weshalb er etwas gegen uns hat, Frank? Ich vermute, daß es immer irgend jemanden auf der Welt gibt, der einen haßt.«

Frank nagte an seiner Lippe und stellte sich dabei eine düstere Zukunft vor. Er war kein Feigling, wie Billy herausgefunden hatte, bloß pessimistisch und leicht aus der Fassung zu bringen. Hatte er seine Scheu erst mal überwunden, würde ein guter Offizier aus ihm werden.

»Nun«, sagte Frank schließlich, »ich könnte mir denken, daß Slocum in absehbarer Zeit unsere Skalps an die Tür nageln möchte.«

»Glaub’ ich auch. Am besten, wir beherzigen den Ratschlag von Beauty und gehen ihm aus dem Weg.«

Aber er hatte das Gefühl, daß ein Zusammentreffen mit Slocum nicht abwendbar sei. Sei’s drum. Wenn es soweit wäre, würde er es schon mit dem Kadetten aus Arkansas aufnehmen, und zum Teufel mit dem Preis, den er dafür zahlen müßte.

Er wollte Frank beruhigen und ihm klarmachen, daß sie mit Slocum fertig werden würden, doch bevor es dazu kam, erklang das Signalhorn. Türen flogen auf, und Kadetten rannten geräuschvoll die Treppe hinunter, um gemeinsam in die Kantine zu marschieren. Frank stolperte auf der Treppe, fiel hin und riß sich das Hosenbein auf. Draußen in der hellen Sonne fiel Slocum das Dreieck auf, und er erstattete Bericht über Frank.

Billy wollte etwas sagen, aber er hielt sich unter Kontrolle. Slocum grinste hämisch und erstattete Bericht wegen ›frechem Verhalten und frechem Gesichtsausdruck‹.

Zweifellos würde es eines Tages zu einer Abrechnung kommen.

35

Von Schlaflosigkeit und Gedanken an Madeline gequält, nahm Orry den Brief nochmals zur Hand.

Die Schrift verschwamm vor seinen Augen. Als er das Papier ein wenig weiter weghielt, vermochte er das Datum – 16. Dezember – und auch den Rest zu lesen. Er hatte schon anfangs Herbst bemerkt, daß mit seiner Sehschärfe etwas nicht stimmte; es deprimierte ihn, wie auch so vieles andere.

Der Brief war eine Mischung aus Freude und Zynismus. George hatte Billy anfangs Dezember in West Point besucht. Billy hielt sich gut, er gehörte in jeder Klasse zu den Besten und würde die Prüfungen im Januar sicher ohne Schwierigkeiten bestehen.

Der Brief endete mit einigen Bemerkungen über den neugewählten Präsidenten. Viele Nordstaatler bezeichneten Franklin Pierce schon jetzt als Gimpel. Einer der vielen und auch prominentesten Namen, der im Zusammenhang mit der Kabinettsbildung genannt wurde, war derjenige von Senator Jefferson Davis.

Davis von den ›Mississippi Rifles‹, erinnerte sich Orry mit einem schwachen Lächeln. Oberst Davis und seine Freiwilligen, die Rothemden, hatten heroisch in Buena Vista gekämpft. Sollte er Kriegsminister werden, hätte die Akademie einen echten Freund in Wash…