Ein Knall, der von unten kam, riß ihn mit einem Sprung aus dem Bett. Er war noch nicht einmal an der Schlafzimmertür, als ihn seine steifen Knie bereits schmerzten. Gott im Himmel, er war wirklich am Auseinanderfallen! Das Alter und der in diesen Gegenden feuchte Winter beschleunigten diesen Prozeß.
»Orry? Was war dieser Lärm?« fragte seine Mutter von ihrem Schlafzimmer her.
»Ich schaue mal eben nach. Sicher nichts Schlimmes. Geh wieder ins Bett.«
Er hatte es sanft sagen wollen, aber aus irgendeinem Grund klang seine Stimme heiser vor Angst. Unten auf dem Treppenabsatz huschten schwarze Gesichter im Widerschein von Kerzen vorbei. Orry faßte das Treppengeländer und eilte nach unten. Die Anstrengung verstärkte den Schmerz in den Gelenken.
»Laßt mich durch.«
Die Sklaven stoben zur Seite. Hinter ihm kam Vetter Charles die Treppe heruntergerannt. Orry öffnete die Tür zur Bibliothek.
Das erste, was er sah, war die Lache verschütteten Whiskeys auf dem polierten Fußboden. Tillets Glas war zerbrochen, und der Lärm, den Orry gehört hatte, war durch den umkippenden Stuhl verursacht worden.
Orry stürzte ins Zimmer, zu betäubt, um Trauer zu verspüren. Tillet lag steif auf der Seite, Augen und Mund offen, als ob er von etwas überrascht worden wäre.
Schlaganfall, dachte Orry. »Papa, kannst du mich hören?«
Er wußte nicht, weshalb er das sagte. Schock, dachte er später. Als er Clarissas verdrießliche Stimme aus dem zweiten Stock hörte, wußte er, daß er einem Toten die Frage gestellt hatte.
Am 2. Januar beerdigten sie Tillet auf dem kleinen Friedhof der Plantage. Viele Sklaven schauten durch den schwarzen Eisenzaun zu. Während des Gebets, bevor der Sarg in die Grube gesenkt wurde, begann es zu nieseln. Ashton stand auf der andern Seite des Grabs bei Huntoon; sie mißachtete die Sitte, die besagte, daß alle Familienmitglieder zum Trauern beisammen stehen sollten.
Clarissa weinte nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Sie hatte seit Tillets Tod nicht geweint. Nach dem Begräbnis redete Orry mit ihr, aber offensichtlich hörte sie ihn gar nicht. Er fragte sie erneut, wie es ihr ginge, doch ihre Antwort bestand nur aus unverständlichem Gemurmel, und ihr Gesicht war wie eine Maske. Orry konnte sich an keinen traurigeren Tag in Mont Royal erinnern.
Nachdem die Familie die Einfriedung verlassen hatte, kamen die Sklaven, umringten das Grab und verabschiedeten sich von Tillet mit einigen Gebetsworten, kurzen Hymnen oder auch nur mit einem Kopfnicken. Cooper ging neben seinem Bruder her. Er wunderte sich darüber, daß die Neger ihrem Besitzer freundlich gesinnt waren. Dann aber dachte er, daß die Menschen aller Hautfarben noch nie für logisches oder konsequentes Benehmen berühmt gewesen waren.
Judith und Brett gingen neben Clarissa. Voller Stolz betrachtete Cooper seine Frau. Mitte Dezember hatte sie ihm eine Tochter geschenkt: Marie-Louise. Das Kind befand sich im Herrenhaus in der Obhut von Dienstmädchen.
Cooper fielen die schlaffen Schultern und der ernste Gesichtsausdruck seines Bruders auf. Er versuchte, Orry auf andere Gedanken zu bringen.
»Bevor ich Charleston verließ, sind mir Neuigkeiten über Davis zu Ohren gekommen.«
»Was?«
»Du weißt doch, daß er es letzten Monat abgelehnt hat, mit Pierce in Washington zu verhandeln.«
»Ja.«
»Man sagt, daß er nun doch eingelenkt hat. Vielleicht geht er trotzdem zur Antrittsrede. Es wäre außerordentlich gut für den Süden, wenn er Kabinettsmitglied würde. Er ist ehrlich und meistens auch recht vernünftig.«
Orry zuckte die Achseln. »Das wird auch nichts bringen, Cooper.«
»Ich kann und will nicht glauben, daß ein Mann nichts bringen kann. Wenn du das glaubst, wozu denn weitermachen?«
Sein Bruder ignorierte die Frage. »Heutzutage ist Washington ein riesiges Irrenhaus – und die Wahnsinnigsten sind diejenigen, die das amerikanische Volk wählt, um es im Kongreß zu vertreten. Mit Ausnahme unserer eigenen Legislative ist mir kaum eine verachtungswürdigere Institution bekannt.«
»Wenn du etwas dagegen hast, wie sich die Dinge in South Carolina entwickeln, ändere sie! Laß dich wählen und geh selber nach Washington!«
Orry blieb abrupt stehen und starrte seinen Bruder an. Hatte er richtig gehört? »Hast du gesagt, daß ich in die Politik gehen soll?«
»Wieso nicht? Wade Hampton hat’s ja auch gemacht.« Der wohlhabende und respektable Plantagenbesitzer war vor kurzem in die Legislative gewählt worden. Cooper fuhr fort: »Du hast genug Zeit und Geld. Und mit deinem Geschlechtsnamen hast du in der Gegend hier große Chancen. Du hast die Leute auch nicht so vor den Kopf gestoßen wie ich. Du bist Hampton recht ähnlich. Ihr könntet im rhetorischen Sturm der Hauptstadt die Stimme der Vernunft und der Mäßigung erheben. Es gibt nur noch wenige solche Männer – und die sind wertvoll.«
Es reizte Orry; aber nur einen Augenblick lang. »Ich würde eher Zuhälter als Politiker werden, das ist ehrenvoller.«
Cooper lächelte nicht. »Hast du schon mal was von Edmund Burke gelesen?«
»Nein. Wieso?«
»Ich hab’ all seine Reden und Referate studiert, die ich auftreiben konnte. Burke war ein guter Freund der Kolonien und ein Mann mit einem hervorragenden Verstand. In einem Brief schrieb er einmal, daß für den Triumph eines schlechten Mannes nur eins nötig sei – die Untätigkeit guter Männer.«
Verärgert über diese Anspielung wollte Orry eine scharfe Antwort geben, aber Brett stieß plötzlich einen Schrei aus.
»Es ist Mutter«, schrie Cooper. Clarissa sank in Judiths Arme und schluchzte laut. Orry war dankbar, daß sie dem Schmerz nun endlich freien Lauf lassen konnte.
Seine Erleichterung verwandelte sich in Angst, als er eine Stunde später seine Mutter immer noch auf ihrem Zimmer weinen hörte. Er ließ den Arzt rufen, der ihr zur Beruhigung Laudanum gab. Dann sagte er zur versammelten Familie:
»Der Tod ist niemals leicht zu ertragen, aber für eine Frau, die ein Leben lang untrennbar mit ihrem Gatten verbunden war, ist es noch viel schwerer. Doch Clarissa ist stark und wird bald wieder sie selbst sein.«
In diesem Punkt irrte er sich jedoch.
Nach knapp einer Woche bemerkte Orry die erste Veränderung. Wenn Clarissa lächelte und plauderte, schien sie durch ihn hindurchzusehen. Stellten die Diener ihr eine Frage über den Haushalt, so versprach sie zu antworten, sobald sie etwas, das sie nicht beim Namen nannte, erledigt hätte, doch dann ging sie weg und kam nicht wieder.
Sie entwickelte eine neue Leidenschaft; ein Vergnügen, dem in South Carolina recht häufig gefrönt wurde: Sie begann, Nachforschungen anzustellen und einen Stammbaum zu zeichnen.
Eine grüne Linie stellte die Bretts, die Familie ihrer Mutter, dar. Eine rote Linie war für die väterliche Seite gedacht, die mit ihrem Vater, Ashton Gault, zu Ende ging. Für die Mains verwendete sie nochmals andere Farben, so daß der ganze Stammbaum, der ein großes Pergamentblatt füllte, einem regenbogenfarbenen Spinnennetz glich.
Clarissa legte das Pergamentpapier auf den Tisch, der beim Fenster ihres Zimmers stand. Sie verbrachte Stunden mit dieser Arbeit, so daß das Papier bald verschmiert und beinahe unlesbar war; aber dennoch fuhr sie mit der Arbeit fort. Sie nahm keine Notiz mehr von den Aufgaben auf der Plantage, die sie früher so sorgfältig erledigt hatte.
Orry sagte nichts. Er verstand, daß Tillets Tod ihren Verstand an einen fernen Ort entrückt hatte. Wenn sich dadurch ihr Schmerz linderte – um so besser. Er würde versuchen, ihre vergessenen Pflichten so gut wie möglich zu übernehmen.
Aber es gab Gebiete, auf denen er ungeschickt war oder sich ganz einfach nicht auskannte. Die Plantage funktionierte nicht mehr so gut wie früher – wie eine Uhr, die immer zwanzig Minuten nachgeht, wie oft man sie auch richtig stellt.