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»Gerade, verdammt noch mal – gerade! Was ist los mit euch?«

Es war ein strahlend blauer Februarmorgen, und Orry überwachte die Vorbereitungen für die Frühlingssaat. Er hatte einige ältere, erfahrene Neger angeschrien, die in dreißig Zentimeter Abstand Richtseile in parallelen Linien anlegten. Im Augenblick arbeiteten die Männer am andern Ende des rechteckigen Feldes. Sie drehten sich um und starrten ihren Besitzer mit Befremden an; die Linien waren gerade.

Die meist jüngeren Sklaven und Sklavinnen, die das Saatgut mit Hacken den Seilen entlang eingruben, waren genauso verdattert. Orry hatte so laut geschrien, daß sogar einige Sklaven, die am andern Ende einen Bewässerungsgraben aushoben, aufschauten. All die Blicke bezeugten, daß Orry im Unrecht war.

Er schloß die Augen und rieb sich die Lider mit den Fingerspitzen. Fast die ganze Nacht über war er wach gewesen, hatte über seine Mutter nachgedacht und einen Brief an George aufgesetzt, in dem er schrieb, daß die Mains ihre Sommerferien nicht mehr in Newport verbringen würden. Als Grund dafür gab er Clarissas Gesundheitszustand an; die Wahrheit blieb unerwähnt. Im letzten Sommer hatte er eine unverhohlene Feindseligkeit seitens einiger Bewohner des kleinen Badeorts gespürt. Die Unfreundlichkeit von Yankees über sich ergehen lassen zu müssen – das war nicht gerade Orrys Vorstellung von Ferien.

»Orry, die Linien sind gerade!«

Bretts Stimme schreckte ihn aus seinem Gedankengang auf, und er öffnete rasch die Augen. Er drehte sich um und erblickte seine Schwester, nicht weit von ihm entfernt, am Flußufer. Sie mußte also gerade in dem Augenblick, in dem er die Sklaven angeschrien hatte, hinzugekommen sein. Ihre Wangen waren rot, und sie atmete schwer.

Er schielte über die Schulter. Sie hatte recht. Müdigkeit oder eine Sinnestäuschung hatte ihn so weit gebracht. Die Sklaven hatten ihre Arbeit wieder aufgenommen; sie wußten, daß der Fehler bei ihm lag.

Brett ging zu ihm hin und berührte seine Hand: »Du bist wieder einmal zu lange aufgeblieben.« Er zuckte die Achseln. Sie fuhr fort: »In der Küche war vorhin ein schreckliches Durcheinander. Dilly zog Sue an den Ohren, weil sie vergessen hatte, Badesalz zu bestellen. Sue hat geschworen, sie hätte es dir gesagt.«

Er konnte sich plötzlich wieder daran erinnern. »Mein Gott, das stimmt. Ich bin derjenige, der es vergessen hat. Ich wollte es eben auf die Bestelliste schreiben, als ich zu Semiramis’ Kind, das Masern hatte, gerufen wurde.«

»Das Schlimmste ist überstanden, es wird wieder gesund werden.«

»Nicht wegen mir. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was ich mit dem sechs Monate alten Baby machen sollte. Wieso weißt du überhaupt so gut Bescheid?«

Sanft erwiderte sie: »Sie haben nach mir gefragt, gleich nachdem du fortgegangen bist. Ich konnte nicht viel mehr für das Kind tun, als es gut einzuwickeln und darauf zu achten, daß es warm hatte. Aber Semiramis war vor Sorgen ganz aufgeregt, und so habe ich eine Weile mit ihr geplaudert und ihr die Hand gehalten. Das hat sie beruhigt, und das Baby konnte etwas schlafen – genau das, was es brauchte.«

»Ich wußte wirklich nicht, was tun. Ich bin mir wie ein hilfloser Idiot vorgekommen.«

»Mach dir keine Vorwürfe, Orry. Mama hat eben viel auf der Plantage getan, mehr als ihr Männer je wahrgenommen habt.« Mehr wagte sie nicht zu sagen. Sie lächelte und berührte leicht seine Hand. »Ich möchte dir helfen, die Plantage zu führen. Ich kann es.«

»Aber du bist ja noch ein – «

»Ein kleines Mädchen? Oh, das klingt ja beinahe wie Ashton.«

Sie hatte aus ihrem Köcher von Pfeilen genau den richtigen ausgewählt, um ihn zu treffen und seinen Widerstand zu brechen. Er mußte lachen. Dann sagte er: »Du hast recht, ich wußte nicht, wieviel Mama für die Plantage getan hat, und ich bin sicher, daß Vater sich auch nicht darüber im klaren war. Ich würde mich über deine Hilfe freuen. Ja, ich wäre dankbar dafür. Spring überall dort ein, wo es deiner Meinung nach nötig ist. Wenn sich jemand darüber wundern sollte, sag ihm, daß ich dir freie Hand gegeben habe. Sag ihm, er solle sich an mich wenden. Na, was ist?«

»Wenn die Sklaven bei jedem wichtigen Befehl erst noch dich fragen müssen, ist es sinnlos für mich, die Arbeit zu machen. Und unter den Umständen möchte ich auch nicht. Ich muß die gleichen Machtbefugnisse haben wie du, und jedermann muß es auch wissen.«

»Also gut, du hast gewonnen.« In seine Bewunderung mischte sich Ehrfurcht. »Du bist ein Wunder. Und dabei bist du noch nicht einmal fünfzehn – «

»Das Alter hat damit nichts zu tun. Es gibt Mädchen, die lernen schon mit zwölf, Frauen zu sein. Ich meine, nicht nur keck und kokett!« Die Anspielung auf Ashton verfehlte ihre Wirkung bei Orry nicht. »Es gibt auch solche, die es nie lernen. Lieber sterbe ich, als daß ich zu diesen gehöre.«

Mit einem liebevollen Lächeln sagte er: »Keine Angst, das wirst du sicher nicht.« Er war nicht weniger müde, fühlte sich jetzt dennoch viel besser. »Nun, ich denke, wir sollten sehen, daß wir zu Badesalz kommen.«

»Cuffey ist mit dem Karren nach Charleston unterwegs. Ich habe den Passierschein selbst geschrieben.«

Wieder lachte er und legte dann den Arm um sie: »Ich habe das Gefühl, daß es nun auf der Plantage besser werden wird.«

Ashton ging im Schlafzimmer auf und ab. Brett beugte sich über den Schreibtisch. Eisbedeckte Äste und Zweige klirrten gegen die Fensterscheiben. Der Wind heulte über den Fluß.

Aus dem Gästezimmer drang erneut eine Niessalve. Ashton zog eine Grimasse. Huntoon hatte sie von Charleston, gerade bevor der Sturm aufzog, nach Hause gebracht und lag nun mit einer fürchterlichen Erkältung im Bett.

»Wenn er nur endlich mit diesem schrecklichen Niesen aufhörte!« sagte sie aufgebracht. Brett schaute vom Bilanzbuch auf und erschrak über die Gehässigkeit in der Stimme ihrer Schwester. Wie konnte jemand nur so wütend auf eine Krankheit sein?

Aber dies war nicht der eigentliche Grund für Ashtons Zorn. Sie vermißte jetzt schon den Glanz und die Fröhlichkeit von Charleston. Huntoon hatte sie zum größten gesellschaftlichen Anlaß der Saison, zum großen Ball, der von der Saint-Cecilia-Gesellschaft organisiert wurde, eingeladen. Jetzt, wieder zurück am Ashley, fühlte sie sich eingesperrt.

Ihre kleine Schwester begnügte sich anscheinend damit, ihre Zeit mit Bestellisten und Bilanzen zu verbringen. Brett hatte in den letzten Wochen damit angefangen, sich als Herrin der Plantage aufzuführen. Aber noch schlimmer – die Nigger behandelten sie auch so.

»Wenn ich hier fertig bin, werde ich einen von Mamas Zitronengrogs mischen«, sagte Brett. »Vielleicht hilft das.«

»Willst du den Onkel Doktor spielen?«

Wieder schaute Brett ihre Schwester an, diesmal jedoch strenger. »Es gibt keinen Grund, schnippisch zu sein. Ich tue bloß, was ich kann.«

»Es scheint, du packst jede Gelegenheit beim Schopf. Ich habe gehört, daß du heute schon wieder bei den Hütten warst!«

»Hattie hat eine Eiterbeule bekommen; ich hab’ sie aufgestochen und die Wunde verbunden. Wieso?«

»Ich verstehe wirklich nicht, wieso du deine Zeit mit solch widerlichen Sachen vergeudest.«

Brett klappte das Bilanzbuch zu, stand auf und zupfte ihren Rock zurecht.

»Jemand sollte dich daran erinnern, daß all die widerlichen Sachen – wie du es nennst – Mont Royal fortbestehen lassen. Damit wurden die Brokatrollen bezahlt, die du für dein Abendkleid am Saint-Cecilia-Ball gekauft hast.«

Ashtons mockiertes Lachen war eine Abwehr. Sie hatte sich dafür entschieden, ihre Ziele durch die Manipulation anderer zu erreichen, während sie vorgab, die traditionelle Rolle der Frau zu spielen. Brett hingegen machte ihre Unabhängigkeit geltend! Ashton beneidete sie darum, und zugleich haßte sie ihre Schwester noch mehr.

Sie versteckte ihren Haß hinter einem Achselzucken und einer eleganten Bewegung in Richtung Tür. »Beruhige dich. Mir ist es egal, wenn du dich hier vergraben willst. Aber laß dir eins sagen: Diejenigen, die es in der Welt zu etwas bringen wollen, vertrödeln ihre Zeit nicht mit den Problemen der Nigger und der armen Weißen. Sie bemühen sich um wichtige Persönlichkeiten.«