»Ich weiß, daß sie das tun, aber ich will es nicht, wie du sagst, zu etwas bringen. Ich will bloß Orry helfen.«
Selbstgefällige kleine Hure, dachte Ashton. Am liebsten hätte sie ihrer Schwester die Augen ausgekratzt, sie verletzt, bis sie um Gnade flehte. Aber sie lächelte und sagte fröhlich: »Du machst es auf deine Art und ich auf meine – mit James. Oh, aber etwas würde mich noch interessieren: Du bist ja so mit Verarzten und Rechnen beschäftigt – hast du überhaupt noch Zeit, all die Briefe deines Kadetten zu beantworten? Er könnte dich sonst leicht vergessen!«
»Für Billy habe ich immer Zeit. Mach dir keine Sorgen.«
Bretts ruhige Art brachte Ashton beinahe zum Explodieren. Ein neuerliches, heftiges Niesen Huntoons lenkte sie ab. Sie eilte in die Halle, wo sie beinahe mit Charles zusammengeprallt wäre, der nach unten wollte. Sie trat beiseite, und nun war sie es, die niesen mußte.
»Sag, Ashton, woher hast du die Erkältung?« Charles grinste und zeigte mit dem Daumen in Richtung Gästezimmer. »Hast du in Charleston noch etwas anderes von ihm bekommen?«
»Fahr zur Hölle, du mit deiner schmutzigen Phantasie!«
»Was ist los? Bist du zu vornehm geworden für einen Spaß?«
Als Antwort knallte sie nur die Tür zu.
Im Gästezimmer starrte Huntoon Ashton an, während er einen Schwall der übelsten Schimpfworte, die ihm je zu Ohren gekommen waren, über sich ergehen lassen mußte.
Nach seiner Amtsübernahme bereiste Präsident Pierce mit Kabinettsmitgliedern den Norden. In verschiedenen größeren Städten wurden riesige Bankette veranstaltet. George und Stanley waren an der Feier in Philadelphia zugegen.
Pierce war ein gut aussehender, freundlicher Mann. Stanley war derart von ihm überwältigt, daß er praktisch die ganze Zeit um ihn herumscharwenzelte. George hingegen interessierte sich mehr für den neuen Kriegsminister, Jefferson Davis. Davis benahm sich wie ein Soldat. Er war Mitte Vierzig und immer noch schlank. Er hatte hohe Backenknochen, tiefliegende graublaue Augen, und in seinem Haar zeigten sich schon recht viele graue Strähnen. George hatte gehört, daß er auf einem Auge blind sei, konnte aber nicht feststellen, auf welchem.
Während des kurzen Empfangs vor dem Abendessen konnte George einiges über die Meinungen und Ansichten, die der Minister vertrat, in Erfahrung bringen. Davis sprach über eines seiner Lieblingsthemen: die Förderung einer transkontinentalen Eisenbahn.
»Ich bin ein strikter Verfechter der Verfassung«, sagte der neue Minister zu George und einigen andern Gästen, die um ihn herumstanden. »Ich weiß, daß die Bundesregierung kein Recht hat, sich in innere Angelegenheiten der einzelnen Staaten einzumischen. Deshalb könnte man logischerweise fragen – «
»Wie dann eine Regierungsbeihilfe für eine Eisenbahn gerechtfertigt werden kann?«
Davis lächelte den Mann, der ihn unterbrochen hatte, freundlich an. »Ich hätte es nicht besser sagen können, Sir.« Alle lachten. »Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei jedoch um eine Angelegenheit der nationalen Verteidigung«, fuhr er fort. »Wenn die Territorien an der Pazifikküste keine Verbindung zum Rest des Landes haben, können sie uns von einem ausländischen Feind problemlos entrissen werden. Außerdem wäre eine transkontinentale Linie – vorzugsweise durch den Süden – «, bei dieser Bemerkung atmeten einige Zuhörer hörbar ein, doch der Minister schien sich nicht darum zu scheren, »für die Verteidigung unserer Grenzen sehr nützlich, denn Truppenverschiebungen zu den gefährdeten Gebieten wären so wesentlich einfacher. Im Augenblick beläuft sich die Zahl der Offiziere und Soldaten auf nur zehntausend Mann. Zwischen hier und Kalifornien gibt es schätzungsweise vierhunderttausend Indianer, von denen vierzigtausend als Feinde betrachtet werden müssen. Diese Gefahr muß mit neuen Mitteln gebannt werden.«
»Wie könnten die aussehen, Herr Minister?« fragte George.
»Zum einen – eine größere Armee. Mindestens zwei neue Regimenter, und zwar berittene Regimenter, die große Distanzen in kurzer Zeit bewältigen können. Die Indianer haben keine Angst vor unsern Fußtruppen; sie werden von ihnen ›marschierender Haufen‹ genannt – eine recht abschätzige Bezeichnung.«
George hatte gehört, daß Davis eher Soldat als Politiker war, und langsam begann er es zu glauben. Davis beeindruckte ihn.
»Vieles in unserer Armee ist überholt«, fuhr der Minister fort. »So zum Beispiel die Taktik. Um diesem Übel abzuhelfen, habe ich vor, einen Offizier nach Frankreich zu schicken, um die Taktik der Franzosen zu studieren. Wenn es auf der Krim zum Krieg kommt, wie dies im Augenblick den Anschein erweckt, so haben wir die seltene Gelegenheit, die europäischen Armeen auf dem Feld zu beobachten. Zudem sollte auch in der Militärakademie einiges verbessert werden.«
»Das interessiert mich, Sir«, sagte George. »Mein Bruder ist momentan ein Junior, und ich habe ‘46 abgeschlossen.«
»Ja, Mr. Hazard. Ich bin über beides informiert. Meiner Ansicht nach sollte der Lehrplan von West Point ausgebaut werden.« Das war nichts Neues; die Idee eines fünfjährigen Studiums geisterte schon seit einigen Jahren herum. »Der Taktik der berittenen Truppen aber muß mehr Bedeutung zukommen. Ich möchte eine neue Reithalle bauen, die Ställe vergrößern – «
Ein Zuhörer unterbrach ihn: »Man sagt, daß Sie eine zweite Militärakademie im Süden eröffnen wollen, Herr Minister.«
Davis wandte sich dem Sprecher zu und wurde zum erstenmal etwas heftig: »Das ist falsches und bösartiges Gerede, Sir. Der Vorschlag mag von andern stammen, auf keinen Fall von mir. So etwas würde eine Spaltung vorantreiben, und das ist das letzte, das wir im Augenblick in diesem Land brauchen können. Als sich John Calhoun gegen den Clay-Kompromiß aussprach, sagte er, daß die Bande, die die Staaten zusammenhalten, eins nach dem andern reißen. Er war sicher, daß eine Spaltung nicht verhindert werden konnte. Aber ich teile seine Ansicht nicht. Wenn es eine Institution gibt, die einen nationalen Standpunkt vertritt, dann ist es West Point. Und ich, für meinen Teil, will es auch so halten.«
Obwohl George jedem Politiker aus dem tiefen Süden unwillkürlich mißtraute, bemerkte er, wie er in den Applaus der andern einstimmte. Dennoch gab Davis’ Haltung eher das Ideal als die Realität wieder.
Vor kurzem hatte Billy geschrieben, in West Point formierten sich Cliquen von Nord- und Südstaatlern, zwischen denen die Spannung ständig wachse. Charles Main würde im Juni in die Akademie eintreten. Würden diese Spannungen der Freundschaft zwischen ihm und Billy etwas anhaben können? George hoffte nicht.
Als der Beifall verklungen war, sagte George: »Sehr gut, Herr Minister. Es gibt heutzutage zu viele Extremisten auf beiden Seiten. Wir sollten mehr Leute wie Sie haben.«
Er erhob das Glas: »Auf die Akademie.«
Auch Davis erhob das Glas: »Und auf die Union.«
36
Während Charles nordwärts reiste, bereitete sich, am andern Ende der Welt, Rußland auf den Krieg gegen die Türkei vor. Der zukünftige Kadett trug bei seiner Ankunft in West Point einen breitkrempigen Farmerhut und einen alten rostroten Samtmantel. Das Haar fiel ihm bis auf die Schultern; in einem seiner Stiefel stak das Jagdmesser.
Billy und sein Freund und Klassenkamerad, ein vergnügter Bursche aus Virginia namens Fitzhugh Lee, lehnten sich aus einem Fenster des zweiten Stocks der Kaserne und beobachteten, wie Charles auf der unter ihnen liegenden Straße herantrottete. Sie hatten ihn bereits den ganzen Nachmittag erwartet. Sicher hatte Charles schon den Einberufungsbefehl abgegeben und sich im Register des Adjutanten eingetragen. Zweifellos hatte er Orrys finanzielle Verhältnisse mit ›wohlhabend‹ und nicht mit ›durchschnittlich‹ bezeichnet. Er hatte sein Bargeld beim Kassierer hinterlegt und war nun auf der Suche nach seinem Zimmer.