»Mein Gott«, rief Fitz Lee verwundert. »Schau dir die Haarpracht an!«
Billy nickte. »Ich hab’ zwar gewußt, daß er viel hat, aber das hab’ ich doch nicht erwartet.« Seine Augen glänzten plötzlich. Trotz der Freundschaft mit Charles hatte es Billy nicht unterlassen können, ihm einen würdigen Empfang zu bereiten.
»Er ist zottig wie ein Bison«, meinte Fitz. Im gleichen Moment wußte Billy, daß dies Charles’ Spitzname sein würde. Er selber hatte immer noch keinen.
Charles spürte, daß ihn jemand beobachtete, und spähte hinauf. Billy sprang hastig vom Fenster weg und zerrte Fitz mit.
»Er darf dich nicht sehen. Ist das Zimmer fertig?«
»Glaub’ schon«, sagte Fitz mit unverhohlener Schadenfreude.
Der junge Mann aus Virginia war der Neffe des Superintendenten, aber Billy war sicher, daß ihm dies eine mögliche Entlassung nicht ersparen würde. Fitz Lee verstieß gewöhnlich gegen die Regeln – und das mit Hochgenuß. »Beauty ist vor einer Weile nach oben gegangen, um das Werkzeug zurechtzulegen und in einen der Kittel zu schlüpfen, die wir genäht haben. Ich hol’ jetzt meinen. Du hältst das Opfer hier zurück, bis ich wiederkomme.«
»In Ordnung, aber beeile dich. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zur Parade.« Billy lehnte sich aus dem Fenster und winkte. »Hallo Charles!«
Charles blinzelte und erwiderte dann voller Freude den Gruß. »Teufel noch mal, du bist’s! Wie geht’s dir?«
»Schön, daß du da bist. Komm rauf.«
Er trat wieder vom Fenster zurück und bemerkte, daß Fitz immer noch bei der Tür herumlungerte. »Was ist?«
»Ich hab’ vergessen, dir zu sagen, daß sich Slocum selber zum Empfang eingeladen hat. Du kennst ja Beauty – er ist so verflixt aufrichtig, daß er allen alles erzählt.«
Billys Miene verfinsterte sich. »Slocum täte besser daran, uns das nicht zu verderben. Sag ihm einen schönen Gruß, und er soll das Maul halten.«
»Du meinst, ich soll es so – äh – direkt sagen?«
»Ja. Ich bin nicht mehr sein Prügelknabe. Ich bin kein Junior mehr.«
»Da hast du vollkommen recht«, sagte Fitz grinsend und stürmte hinaus.
Wenig später eilte Charles mit wehendem Mantel die Treppe hinauf. Billy und er stießen ein Freudengeschrei aus und umarmten sich wie zwei Brüder, die sich für lange Zeit aus den Augen verloren haben. Dann schmiß Charles Hut und Koffer auf eines der Betten und strich sich das lange Haar aus der feuchten Stirn.
»Allmächtiger, du siehst wirklich gut aus in der Uniform, Billy! Aber ich hab’ vergessen, daß es im Norden so verdammt heiß ist.«
»Für dich wird es, bevor das Sommercamp vorbei ist, noch viel heißer werden – auch wenn die Temperatur fällt. Du wirst ein Junior sein, vergiß das nicht. Und ich werde es ziemlich sicher schaffen, Kadettenkorporal im Camp zu werden.«
Charles runzelte die Stirn. »Bedeutet das, daß wir für ein Jahr nicht mehr Freunde sein können?«
»Doch, aber wir können es nicht offen zeigen, sonst – «
»Kadett Main?«
Der Schrei aus der Halle ließ Charles zusammenzucken. Billy mußte seinen Freund am Arm halten, damit dieser nicht das Jagdmesser zog.
Charles blickte den Fremden, der in der Türe stand, feindselig an. Es war Fitz Lee, der einen halblangen, grauen Kittel aus rauhem Stoff trug. »Wer zum Teufel sind Sie?« wollte Charles wissen.
Fitz paßte sich Charles’ grobem Tonfall an. »Erheben Sie Ihre Stimme nicht, Sir! Ich bin Mr. Fitz und, zusammen mit Mr. Jeb, einer der Armeebarbiere.«
»Und?«
»Ihr Haar, Sir. Es ist wirklich unerläßlich, daß man ihm Beachtung schenkt. Sollten Sie dies ablehnen, so wäre ich gezwungen, dem Superintendenten zu rapportieren.«
Mit erhobener Stimme sagte Charles: »Nein, warten Sie! Billy, wird das bei allen Neuen gemacht?«
»Ja sicher«, antwortete Billy mit unbeweglichem Gesicht. »Mr. Fitz und Mr. Jeb haben mir das Haar in meiner ersten Stunde hier zurechtgestutzt.«
»Verflucht noch mal, die sind ja noch gar nicht so alt, daß sie schon Barbiere sein könnten.«
»Oh, als sie mich unter die Fittiche genommen haben, waren sie noch Lehrlinge.«
»Na dann eben.«
Obwohl Charles immer noch seine Zweifel hegte, folgte er Fitz die Treppe hoch zum Abstellraum, der für diese Gelegenheit geputzt und vorbereitet worden war. Billy bildete die Nachhut und hatte Mühe, sein Kichern zu unterdrücken.
Im Abstellraum war es infernalisch heiß. Die Hitze im fensterlosen Raum wurde durch zwei brennende Öllampen noch erhöht. Auf einem billigen Tisch lagen ein Spiegel mit Silberrahmen, Kämme, Bürsten, Scheren und ein Rasiermesser. Neben einem wackligen Stuhl stand Beauty Stuart. Er trug einen Kittel und strahlte Autorität aus.
»Nehmen Sie Platz, Sir. Schnell, schnell! Dieser Kadett wartet auch darauf, daß ihm das Haar geschnitten wird.«
Er zeigte auf Caleb Slocum, der an der Wand herumlungerte. Billy und der Kadett aus Arkansas nickten sich zu; keiner von beiden lächelte. Sobald die Senioren die neuen Uniformen bekamen, würde Slocum in Urlaub gehen – keinen Augenblick zu früh für Billy.
Charles setzte sich. Mit wichtigem Gehabe winkte Stuart und schnippte mit den Fingern. »Mr. Fitz? Den Umhang bitte.«
Fitz Lee brachte ein schmutziges, zerrissenes Tuch, das er Charles um den Hals band. »Das ist aber verdammt schmutzig«, beklagte sich Charles. »Sieht aus, als ob da schon scharenweise Leute geblutet hätten. Was für ein Barbiersalon ist…?«
»Ruhig, Sir. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn Sie dauernd plappern«, sagte Stuart und warf seinem Kunden einen strengen Blick zu. Er schnippte mehrere Male mit der Schere und ging dann gezielt auf das Haar oberhalb des linken Ohrs von Charles los. Billy versuchte anhand der Geräusche, die von unten kamen, die Zeit abzuschätzen. Um vier Uhr mußten sie fertig sein.
»Den Spiegel bitte, Mr. Fitz.«
Der Hilfsbarbier stürzte sich nach vorn und drehte den Spiegel auf Stuarts übertriebene Gesten hin einmal in diese und dann in die andere Richtung. Konnte Charles denn nicht sehen, daß alles nur fingiert war? Aber kein Neuankömmling bemerkte es je; Angst und die ungewohnte Umgebung waren die Garanten dafür, daß das Spiel jedes Jahr wieder klappte.
Stuart stand mit geneigtem Kopf, das Kinn in der rechten Hand, den rechten Ellbogen in der linken Handfläche da und betrachtete sein Kunstwerk. Auf der linken Seite war das Haar nur noch einen Zentimeter lang, auf der rechten jedoch – durch einen exakten Mittelscheitel getrennt – noch genauso lang und unberührt wie zuvor. Billy drehte sich zur Wand und biß sich auf die Unterlippe. Tränen rannen ihm über die Wangen.
»Die eine Hälfte ist fertig«, gab Stuart bekannt. »Nun zur anderen – «
Von der Ebene her tönte das Signaclass="underline" genau der richtige Zeitpunkt. Mr. Jeb ließ die Schere fallen, Mr. Fitz warf den Spiegel auf den Tisch, Billy und Slocum rannten zur Tür.
»He«, schrie Charles. »Was ist los?«
Stuart riß sich den Kittel vom Leib. »Wir müssen antreten. Kommen Sie mit, Sir.«
»Wir werden das Haar ein anderes Mal fertig schneiden«, rief Fitz vom untern Treppenabsatz.
»Ein anderes Mal?« brüllte Charles und verfolgte seine Peiniger. Unter der Tür des Abstellraums warf er Billy einen vernichtenden Blick zu – den Blick eines hintergangenen Mannes –, aber jener bemerkte es wegen der Tränen in den Augen nicht. »Welch anderes Mal?« schrie Charles. »Wie zum Teufel soll ich mein Aussehen erklären?«
»Das weiß ich nicht, Sir«, frohlockte Fitz, als er die Treppe hinuntersauste. »Aber erklären müssen Sie es – denn ich bin sicher, daß sich alle Offiziere darüber wundern werden.«
»Ein verdammter Trick«, polterte Charles. Er zog das Messer aus dem Stiefel und warf es den Davoneilenden nach. Slocum war ein wenig zurückgeblieben. Das Jagdmesser sauste an seinem Ohr vorbei und grub sich in einen Balken des Treppengeländers. Die Klinge summte, und Charles ließ eine Tirade von Flüchen über die Männer von West Point und deren Gemeinheiten vom Stapel.